384 Seiten, Broschur
Mit einem Nachwort von Johann Holzner

€ 18.90

ISBN 978-3-85286-197-5

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Otto Basil

Wenn das der Führer wüßte

Hitlers Armeen haben den Krieg gewonnen – und der Irrsinn geht erst richtig los! Otto Basil schrieb mit diesem Roman eine ungeheuerliche Satire auf das „Dritte Reich“.

Hitler hat gesiegt, die Atombombe fiel nicht auf Hiroshima, sondern auf London. Das Germanische Weltreich ist errichtet. Lediglich der großasiatische Raum wird von den Japanern beherrscht. Berlin ist die Hauptstadt der Macht, die Hauptstadt Deutschlands und damit der halben Welt.
Der Papst und der Dalai-Lama werden in einer Kölner neurochirurgischen Klinik gefangen gehalten, von Irland bis zum Ural erheben sich die SS-Ordensburgen, die Zuchtmutterklöster, die Walhallen der Ariosophen, die Napolas und Untermenschenlager.
Das ist die Kulisse, als Adolf Hitler stirbt und unter ungeheurem Pomp im Kyffhäuser bestattet wird. Sein Nachfolger heißt Ivo Köpfler (Heil Köpfler!).
Der Tanz in den Untergang des Dritten Weltkrieges ist nicht mehr aufzuhalten und mittendrin der Parteigenosse Albin Totila Höllriegl, ein Österreicher, den ein gewaltiger Auftrag nach Berlin führt ...

Lagebesprechung in der Station – das Führerbild, an das jemand ein schwarzes Fetzchen gehängt hatte, sah auf die kleine Versammlung herab. Der Oberbaurat führte das Wort. Er sprach zu den Waffenträgern der Expedition.
Die Funkanlage hatten die Geologen abmontiert und zum Teil verpackt, denn ihre wertvollsten Teile sollten hinübergebracht werden. Noch vor ein paar Stunden waren verschlüsselte Funksprüche angekommen, wonach AL Ju 12 von der Situation in Y 771 wußte (vermutlich hatten die Isländer auf dem Rückflug alles Nötige gefunkt); es würde versucht werden, Hilfe entgegenzuschicken – darum hatten die Geologen dringendst gebeten. Dann war die Verbindung abgerissen.
Soviel man sich zusammenreimen konnte, sah die Lage in den Vereinigten Gefolgschaften verheerend aus. Der amerikanische Faschismus, der sich unter den Schlägen der gelben Eroberer und der Erhebung im eigenen Land in zwei Konkurrenzunternehmen aufgespalten
hatte, war am Verrecken. Dazu der Oberbaurat höhnisch: »… die eine Firma, die in Duluth, ist vollkommen pleite, die andere, die in Corpus Christi, hat Konkurs angesagt – das ist der ganze Unterschied …« Das deutsche Schutzkorps und deutschblütige Kader aus der Konkursmasse der Minutemen-Bewegung mußten anscheinend die ganze Last des Krieges gegen die asiatischen Eindringlinge wie auch gegen die Aufständischen tragen. Letztere führten selber einen Zweifrontenkrieg: einerseits gegen die Faschisten und die Schutzmacht des Reiches, andrerseits gegen die Japse, die – nach unbestätigten Gerüchten – bereits
im Mittelwesten Stützpunkte halten sollten. Die UVSA waren durch ein paar nuklear bestückte Banzai-Raketen (die aus Hawaii und anderen japanischen Pazifikinseln kamen) für die Invasion reifgeschossen worden; aber deutsche RAK-Basen in Amerika hatten eine fürchterliche Antwort erteilt. Ein Posse am Rand der amerikanischen Tragödie war, daß die sogenannten Lincoln-Freikorps oft Schulter an Schulter mit Minutemen und Kukluxern gegen die Gelben kämpfen mußten. Waren diese verduftet – und sie hatten eine rätselhafte Art, sich im Nu vom Erdboden verschlucken zu lassen –, so gingen anschließend die Zweckverbündeten aufeinander los. »Der Karren da unten steckt so tief im Dreck, daß ich mich nicht damit aufhalten möchte. Uns hier oben im Norden interessiert etwas ganz anderes«, kommentierte der Oberbaurat. Jeder Zoll ein Feldherr, beugte er sich über eine große »Physical Map of Canada« (eine ähnlich genaue politische Karte war nicht zur Hand), in die er Punkte und Linien eintrug. Alles folgte gespannt seinen Ausführungen.
»Das Problem ist, wie unsere Verbände heil nach Norden entkommen sollen. Was wird Schimming tun? [Generaloberst von Schimming, ehemaliger Panzertruppengeneral, jetzt Chef des OKW-Nordamerika.] Fraglos wird er versuchen, die Truppe aus der Schweinerei da unten herauszuziehen und sie in die Arktisfestung zu führen. Natürlich wissen wir nicht, ob das OKL-NA in Smithers [der Oberbaurat zeigte auf einen Punkt in den kanadischen Rocky Mountains, wobei wieder seine abgekiefelten Fingernägel unangenehm auffielen] noch existiert, das heißt, ob es einsatzfähig ist. Wenn es funktioniert und genügend Flugzeuge da sind, dann ist die Schohse in Butter. Soviel mir bekannt ist, sind diese großen Absetzbewegungen seit Tagen im Gange. Meine Herren, beachten Sie das – es ist für uns von allergrößter Wichtigkeit. Läßt nämlich Schimming die amerikanischen Koofmichs ihren Dreck
alleene machen und zieht die ganze Schutztruppe aus den UVSA heraus, dann wird er sich zweifelsohne an die pazifische Küste, also in die Rockies – noch dazu mit seinen ausgezeichneten ostmärkischen Gebirgstruppen –, absetzen und keinesfalls über den offenen Landrücken in Mittelkanada, was heller Wahnsinn wäre. Der breite Waldgürtel,
der einigermaßen Schutz böte, ist ja im Winter unpassierbar, auch hört er einmal auf, wir haben die Baumgrenze ungefähr beim 59. Grad. Bon! Schimming wird also in den Rockies so schnell wie möglich nach Norden ziehen – und dagegen wird nun der Feind alles, was er hier in Kanada zusammenkratzen kann, einsetzen, um Schimming den Weg abzuschneiden. Das heißt, bei uns entsteht ein Vakuum …«
Die Wirtschaftsbonzen atmeten hörbar auf. Das »Unternehmen Winnetou« eine nette kleine Spritztour! Später könnte man von einem Abenteuer auf Leben und Tod erzählen.
»… Die Japse sollen versucht haben, von einigen Küstenpunkten aus [fragender Blick auf den deutschen Geologen, der die betreffenden Stellen auf der Karte zeigte], also hier in Kolumbien und hier bei Wrangell, das ist schon Alaska, einen Riegel quer durch die Berge zu schieben. Ich glaub es nicht recht, denn unsre Küstenwacht ist grade dort ungeheuer
auf Draht. Auf alle Fälle wird der Gegner, mit dem wir es hier im Seengebiet zu tun haben, seine Kräfte westwärts umgruppieren und dorthin vorstoßen.«
»Wer ist hier der Gegner?« fragte ein Zuhörer.
»Genau können wir Ihnen das nicht sagen«, antwortete an Stelle des Oberbaurats der Wetterwart, »es sind aber bestimmt keine Gelben. Wir haben zahlreiche englische und französische Funksprüche aufgefangen, weit mehr französische als englische. Das läßt die Vermutung aufkommen, daß es französische Kanadier sind, Freischärler, die hier langsam nach Norden gehen. Langsam deshalb, weil sie auf Verstärkungen und auf Luftunterstützung
warten. Die riechen natürlich, daß der Polarkreis ein einziger großer Atomminengürtel ist. Auf Grund der letzten von uns und AL Ju 12 durchgeführten Funkpeilungen operierte der Gegner noch ziemlich weit im Südosten, zwischen dem Dubawnt-See – hier – und dem Baker-See – hier. Das war vor einer Woche. Wie rasch er vorwärtskommt und wie stark er ist, das heißt, was sich alles ihm unterwegs anschließt, können wir nicht beurteilen, wir –«
»Meine Herren«, fiel ihm der Oberbaurat ins Wort, »ich glaube, das Unternehmen Winnetou beginnt unter einem guten Stern. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden wir den Feind überhaupt nicht zu Gesicht bekommen – Spähtrupps und kleine Vorausabteilungen vielleicht
ausgenommen. Aber natürlich steht die Sache auf der Kippe. Klar. Wir werden sehr rasch marschieren müssen. Die dreihundert Kilometer bis zum sicheren Hafen werden wir wohl noch schaffen, die Herren Kircheiß und Laale [gemeint waren der deutsche Geologe und
sein schweigsamer dänischer Kollege] sind verläßliche Lotsen durch den Minengürtel. Und wenn wir Feindberührung bekommen und es schiefgehen sollte – bon, dann wissen Sie ja, was zu tun ist …«
Alle wußten es. Die Schlitten mit Benzin übergießen und anzünden. Kampf bis zur letzten Patrone. Das heißt: die letzte Kugel … Zuerst die Frauen, dann sich selber. Das ungeschriebene Gesetz dieses Krieges.
Der Oberbaurat griff durch! Allerhand! Das war ein Kerl! Solang das Reich solche Kerls – – Dieser Ausspruch, fiel Jugurtha ein, war ihm in der letzten Zeit allzuoft herausgerutscht.
Ein alter Hut. Vielleicht sollte man ihn variieren: Solang das Reich solche Kreaturen hatte …
Lachhaft und erbärmlich ! Nichts als eifersüchtig war er, neidisch, häßlich, ein Schwächling.
Vor allem ein Schwächling. Gut, er war durch und durch krank. (Bon, würde der Herr Oberregierungsbaurat sagen.) Umso mehr mußte er so tun, als wäre er auf Draht. Es gab nämlich Dinge, die ertrug man nur mit zusammengebissenen Zähnen. Zum Beispiel den Blickkrampf, den Hirndruck, die Halluzinationen, das bleierne Gefühl in den Knochen, das ewige Frieren, den Haarausfall. Tagelang kein Stuhlgang, sein altes Übel. Dann plötzlich wieder Durchfälle. Seit – wie hatte doch das idiotische Kaff im Harz geheißen? –, also seit Dingsda litt er unter schweren Sehstörungen, damit hatte es begonnen. Von Tag zu Tag wurde das ärger. Nicht nur, daß trotz der Schneebrille (die er nun auch im verdunkelten Zimmer trug) alle Dinge, etwa künstliches Licht, sich mit schmerzhaft scharfen Konturen in seine Pupillen gruben, sie führten auch wahre Affenpossen auf. So, wenn er auf seinen Rundgängen rastete und minutenlang ins Land hinaus sah – da schien sich um ihn herum der Raum plötzlich mit schwarzer Luft zu füllen, und was tat das Leintuch der Schnee-Ebene? Es fing an, lebendig zu werden, wellte sich sonderbar, und diese schwachen Wellen von Weiß und Grau liefen auf ihn zu. So als bewege sich der Boden unter einem Lufthauch, einer lauen Brise. Blöde Sinnestäuschung. Schuld daran war sicher der Heizanzug. Er schützte zwar gut vor der Kälte, die Warmluft benebelte aber die Sinne. Und wenn er dann die Batterie abschaltete, fror er sofort wie ein Pintscher.
Dieser Heizanzug in der Art der landesüblichen Parka war ein persönlicher Schimpf. Heizbare Parkas (sogar die Kapuzen waren heizbar) und ebensolche Fellstiefel, die Mukluks, hatten wegen des geringen Vorrats nur die älteren Leute und die Frauen zugewiesen bekommen. Und er. Weil er »bekanntlich« leidend war – oder weil er der Gatte der allseits begehrten Frau Sigga von der Leyen war und ein Schwächling obendrein –, hatte »man«, das heißt der Oberbaurat, ihm diese Parka zugeschanzt. Vorzugsweise. Und er hatte sie angenommen. Schande über Schande!

Zitate

Basils Buch, an dessen endzeitlicher Atmosphäre Quentin Tarantino seine helle Freude hätte, gerät zum NS-Roadmovie: Albin Höllriegls VW und Hitlers Autobahnen sind dafür prädestiniert.
MARCEL ATZE

Man legt diesen Roman mit Atemnot aus der Hand.
ORF

Grotesk, großartig und ungeheuer!
WIENER WOCHENAUSGABE

Ich habe so sehr gelacht wie schon lange nicht mehr und wenns nicht so eine traurige Geschichte wäre, wärs noch lustiger.
Werner Labisch, Verbrecher Verlag.

Diese Wiederentdeckung ist zum Fürchten
Peter Pisa, Kurier

Das Buch hat mich umgehauen. Eines der besten Bücher der letzten Jahre und das allerbeste aus dem "was wäre wenn"-Genre. Bisher war Vaterland von Robert Harris mein Favorit aber Basil schlägt ihn um Längen.
Gerrit Schoof, Dittrich Verlag

Dass der Milena-Verlag das Werk nun neu auf den Markt gebracht hat, ist ein Glücksgriff, denn Basils krude Geschichtsfantasie, die eine Satire auf den Nationalsozialismus, aber auch eine bittere Parodie auf die weltpolitischen Verhältnisse der Nachkriegszeit ist, hat sich sehr gut gehalten und ist auch deshalb frisch und lesbar geblieben, weil der Autor sich trotz seines Themas in kein moralisches Korsett zwängen ließ.
Klaus Kastberger Falter Büchherbst.

Basil, der Probleme mit der Gestapo und sogar Schreibverbot hatte, rechnet in seinem satirischen Roman mit dem Nazi-Regime ab. Das Buch zählt zu den wichtigsten Werken der deutschsprachigen Science Fiction.
Christian Endres, Zitty Berlin

(..)so wüst, krude, perfide, bösartig, grotesk atemberaubend und durch und durch nicht im Geringsten zur Identifikation einladend - es gibt nicht einen Charakter, der auch nur einen sympathischen Wesenszug aufweist - war damals seit Längerem kein deutschsprachiger Roman mehr gewesen. Nicht mehr seit Günter Grass' Blechtrommel von 1959. Verglichen mit dem Danziger ist Basil trockener. Zugleich aber rabiater. Und in seiner Konsequenz auch selbstpeinigender.
Alexander Kluy, Der Standard

Der ebenso komische wie verstörende Roman, der erstmals 1966 erschien, wurde bislang eher als SF-Roman denn als Satire gelesen – und war sogar ein kleiner Bestseller. (..) Basil kennt sich in der esoterischen Mythenwelt der Nazis, die die Historiker in den sechziger Jahren noch gar nicht zur Kenntnis nehmen wollten, sehr genau aus. So erwähnt er etwa die SS-Ordensburg Wewelsburg, die es tatsächlich gab, die jedoch von den Geschichtswissenschaftlern jahrzehntelang ignoriert wurde. (...) Schon insofern handelt es sich bei dieser Satire um einen weitaus realistischeren Roman als manch anderen, der vorgibt, die Nazizeit literarisch zu beschreiben.
Jörg Sundermeier, Jungle World

Dieser Text oszilliert, deliriert, denunziert alle nur erdenklichen Typen von Charakterschweinen, den Autor, im Zweifel, eingeschlossen. Anstrengend. X-Rated. Ein Skandal. Eine Wiederentdeckung.
INMünchen

Rezensionen

2011-02-26 - Der Standard
»Wahnwitz, Blut und Hitler«
Alexander Kluy über Otto Basils »Wenn das der Führer wüßte«
http://derstandard.at/1297818966391/Buch-Neuauflage-Wahnwitz-Blut-und-Hitler

2011-02-23 - Süddeutsche Zeitung
»Depressionen verboten!«
Cornelia Fiedler über die Neuentdeckung von Otto Basils »Wenn das der Führer wüßte«
http://sz-shop.sueddeutsche.de/mediathek/shop/Produktdetails/Buch+Wenn_das_der_Fuehrer_wuesste+Otto_Basil/5859349.do

2011-02-12 - Wiener Zeitung, Extra
»Meldegänger in Walhall«
Katharina Schmidt über die Neuentdeckung von Otto Basils »Wenn das der Führer wüßte«
http://www.wienerzeitung.at/DesktopDefault.aspx?TabID=3948&Alias=wzo&cob=549327

2010-12-01 - zitty Berlin
Geschichte als Konjunktiv
Christian Endres über Otto Basils "Wenn das der Führer wüßte"
http://www.zitty.de/geschichte-als-konjunktiv.html

2010-10-23 - Kurier
Peter Pisa über eine Wiederentdeckung zum Fürchten:
Als Hitler den Krieg gewann. Otto Basils »Wenn das der Führer wüßte«.
http://kurier.at/kultur/2043756.php

2010-03-17 - jungle world
Lies, lesender Arbeiter!
Jörg Sundermeier über Otto Basils "Wenn das der Führer wüßte"
http://jungle-world.com/artikel/2011/11/42841.html

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