Revisited 11
296 Seiten
Mit einem Nachwort von Murray G. Hall

€ 22.90

ISBN 978-3-85286-229-3

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Hugo Bettauer

Der Kampf um Wien

Ein Roman vom Tage

Dieser politische Groschenroman Bettauers handelt vom ganz großen Geld, der ganz große Liebe und der Frage, ob Geld alleine ein Land vor dem Untergang retten kann.

Hugo Bettauer, einer der umstrittensten und erfolgreichsten Autoren seiner Zeit, offenbarte mit diesem Schlüsselroman, in dem wichtige Persönlichkeiten der ersten Republik in Erscheinung treten (Karl Kraus, Hermann Leopoldi, Ignaz Seipel u.v.a.) eine packende Chronik aus Politik, Wirtschaft, Verrat, Gesellschaft und Liebe.

Nach dem Ersten Weltkrieg liegt die junge österreichische Republik wirtschaftlich darnieder. Die Ankunft des steinreichen Amerikaners O’Flanagan in der Heimatstadt seiner Mutter lässt auf umfangreiche Sanierungen hoffen. Bundeskanzler, Bankdirektoren, Damen der besten Gesellschaft bis hin zu den einfachen Leuten – alle wollen vom Reichtum des Multimillionärs profitieren. Auch eine Gruppierung ungarischer Faschisten versucht mit List, Tücke und den Verführungskünsten einer Nackttänzerin, O’Flanagans Vermögen zu erschleichen. Seine Milliarden sollen der Unterwerfung des Roten Wiens und der Errichtung einer faschistischen Diktatur dienen.

Ein kurioseres gesellschaftliches Kunterbunt hatte Ralph nie erlebt, nie erträumt. Da war eine dänische Schriftstellerin von Rang und Geist, zerfließend im eigenen Fett, die Beine ohne Strümpfe, weil sie Strümpfe für unhygienisch hielt. Ein schwerhöriger Architekt verkörperte Wiens beste und erlesenste Kultur. Stilist von gigantischer Bizarrerie, Schöpfer der extravagantesten Bauten und Interieurs, und als erbitterter Feind jedes Kitsches oft weit über das Ziel schießend. Ein Gelehrter aus Grönland mit wallendem Bart lebte nur von Nüssen, eine hektische junge Frau agitierte für freie Ehe und staatliche Kinderhäuser, in die alle Paare ihre Kinder abgeben müßten, ein Maler war da, der behauptete, daß man als wirklicher Künstler nur mit geschlossenen Augen malen dürfe, ein Jüngling las eben aus seinem ersten Gedichtenbuch vor, das den Dadaismus übertrumpfte. Die Gedichte bestanden nur aus Vokalen.
Für Ralph waren diese Stunden von unschätzbarem Wert. Neue Menschen, neue Ideen, Loslösung von uralten ererbten Vorurteilen, tiefe Anregung, oft genug aber auch Einblick in geistiges Hochstaplertum, Borniertheit, die sich hinter Bizarrerie versteckte, Modespekulation und Konjunkturpolitik erwuchsen ihm. Er lernte Menschen kennen, die sich Schriftsteller nannten, ohne deutsch schreiben zu können, Frauen – Wohltätigkeitsfurien nannte sie Korn –, die ein üppiges Leben auf Kosten jener Armen führten, für die sie Bälle und Konzerte veranstalteten, machte die Bekanntschaft der Operettenlieblinge, der Kabarettgrößen und Theaterdirektoren, zechte mit ihnen, zahlte Soupers für sie, ließ sich aber nur selten anpumpen, von der ewigen Angst gepeinigt, den Leuten nur das zu sein, was man in Wien mit dem unübersetzbaren Wort »Wurzen« bezeichnet. Erfuhr er aber von Not und Elend, von der Möglichkeit, eine Existenz aufzurichten, dann gab er rasch, viel und diskret.
Eine Karl Kraus-Vorlesung wurde für O’Flanagan zum großen Erlebnis. Hier und da hatte er schon in Amerika die »Fackel« zu Gesicht bekommen, nicht alles verstanden, aber die Gewalt der Sprache, die Hingebung an die Idee dennoch empfunden. Er war mehr als gespannt, diesen Mann, der gegen den Willen und Einfluß aller Mächtigen sich durchgesetzt, die geistige Jugend erobert, der Größte und Stärkste geworden war, kennen zu lernen. In Wien hatte sich Ralph über die »Tragödie der Menschheit« gestürzt und war erschüttert wie nie vorher. Ihm war dieses Werk nicht Herabsetzung, Schmähung, boshafte Glossierung, ihm erschien es das große Dokument einer furchtbaren Zeit zu sein, eines der wenigen Werke, das nach Jahrhunderten noch bestehen würde. Im Gespräch mit Korn, der anderer Meinung war, sagte Ralph: »Kleinlichkeitskrämer, Buchstabensucher, Druckfehlerentdecker? Boshaft und hämisch? Ich glaube von allem das Gegenteil. Einer, der aus kleinen Symptomen den faulen Kern erkennt, im Druckfehler den wahren Willen, in der Kleinigkeit den kleinen Menschen. Und einer, der von brennender Menschenliebe so erfüllt ist, daß er nicht anders kann als hassen. Glauben Sie nicht auch, daß einer, der schöne Bilder, wertvolle Musik liebt, ein fanatischer Hasser allen Kitsches sein muß? Und weil Karl Kraus eben den echten Menschen liebt, muß er den unechten hassen. Es gibt aber für je einen echten eine Million unechter, also sieht man leicht wie ein Menschenhasser aus.«
»Ein Neider und Geiferer ist er«, grollte Korn.
»Sehen Sie, dieser Karl Kraus hatte einen Schulkollegen, ihm einst durch Kinderfreundschaft verbunden. Kaum hat dieser Schulkollege mit einem Buch ›Die Stadt ohne Juden‹ einen Erfolg, als er ihm auch schon Schmählichstes antut, ihn auf eine Stufe mit Idioten stellt. Ist das nicht gemein?«
»Nein, nicht gemein ist es, sondern nur konsequent. Das Buch, das mir ein hingeworfener guter Einfall zu sein scheint, hat eben den großen Erfolg nicht verdient, ihn auf Kosten anderer, wertvoller Bücher, die hinter dem Ladentisch liegen blieben, errungen, also konnte Kraus, der alle Zeichen und Symptome beachtet und verarbeitet, nicht kritiklos daran vorübergehen. Rücksicht ist Korruption, Augenzudrücken der erste Schritt zur Gemeinheit. Und Karl Kraus ist eben kein Augenzudrücker, sondern einer, der mit schweren Schritten seinen Weg geht ohne Rücksicht, ohne Schwächeanfall, ohne Konzession! Wer ›Die letzten Tage der Menschheit‹ geschrieben hat, muß hart sein gegen sich und gegen die Anderen. Gäbe es mehr Menschen wie er, so würde die Welt anders aussehen. Weniger bequem vielleicht, aber voll Zuversicht und Hoffnung.«
Ralph kam in Gesellschaft großer Musiker, Heroen der Tonkunst, die er verehrt und angebetet hatte. Und sah nun das Kleine, das Niedrige an ihnen, beobachtete, wie der eine Dirigent einer Oper gegen den anderen intrigierte, sie alle nach äußeren Erfolgen, nach Geld und wieder Geld strebten, wahre Augenzudrücker, wenn es die Wahl zwischen den letzten Möglichkeiten echter Kunst und einer neuen Million galt. Und sein Respekt sank ins Uferlose, wenn er sah, wie dieser das Werk jenes nicht aufführen ließ, weil jener über diesen einmal eine verletzende Bemerkung gemacht, und ein anderer sein mit tausend Nöten kämpfendes Institut im Stich ließ, weil in China Taels und in Kanada Pfunde winkten.
So wurde Ralph zum Menschenkenner und lernte in Tagen das Leben besser ergründen, als er es in der Heimat in Jahrzehnten hätte tun können.

Zitate

Hugo Bettauer war ein Star der Pop-Kultur, die damals noch nicht so hieß.
Franz Haas, Neue Zürcher Zeitung

Rezensionen

2013-01-28 - taz
Kuppler und Pornograf
Ralf Leonhard über die Renaissance Hugo Bettauers
http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=ku&dig=2013%2F01%2F29%2Fa0105&cHash=1d5ef97dcf4ffb2bb73dd21a051adabb

2012-12-18 - Ö1
Hugo Bettauers "Kampf um Wien" in Leporello
http://oe1.orf.at/programm/323146

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