Revisited 11
Mit einem Nachwort von Edwin Hartl
346 Seiten, Broschur

€ 19.90

ISBN 978-3-85286-240-8

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Friedrich Torberg

Auch das war Wien

Die Geschichte einer großen Liebe vor dem Hintergrund des österreichischen Untergangs im März 1938 – Friedrich Torberg, der diese Endzeit miterlebt hat, schuf mit Auch das war Wien ein in hohem Maße bedeutendes literarisches Zeitdokument. Wieder entdeckt!

Eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des untergehenden Österreich – die Geschichte der Liebe zwischen dem jüdischen Bühnenschriftsteller Martin Hoffmann und der „arischen“ Schauspielerin Carola Hell. Die beiden Liebenden richten sich in Wien eine gemeinsame Wohnung ein und träumen von einer guten neuen Zeit – da geht die Romanze unversehens in eine Tragödie über. Die Liebesgeschichte wird von der Weltgeschichte überrollt, Österreich wird im März 1938 von deutschen Truppen okkupiert. Finis Austriae.

Friedrich Torbergs Roman ist unter äußerst dramatischen Umständen entstanden: von Mai 1938 bis Juni 1939 in Prag, Zürich und Paris – also während der Flucht, unmittelbar nachdem Torberg seinen Wohnsitz in Wien verloren geben musste. Der wunderschöne Roman ist ein literarisches Zeitdokument, er schildert das Innenleben und die äußere Erscheinung einer Stadt, die dem Untergang geweiht ist und die sich dem Untergang weiht.

Friedrich Torberg hat diese Endzeit erlebt, miterlebt, nacherlebt; er hat – wie Edwin Hartl im Nachwort schreibt – „das Unglaubliche glaubhaft zum Allerbesten“ gegeben, „in einer Eile, Intensität und Qualität wie nie zuvor, aber auch nachher niemals wieder“.

Wieder in Wien. In Wien sein. Das kann sehr vielerlei bedeuten, und sehr weniges. Daß es nichts bedeutete, nichts weiter als eine Ortsangabe, wird wohl niemand behaupten wollen. Es bedeutet schon etwas. Aber was?
Martin Hoffmann, schreitend in der Septembersonne durch Straßen und unter Bäumen, sitzend in der Septembersonne vor den Kaffeehäusern draußen und auf den Bänken im Park, atmend in der Septembersonne die laue Luft, die klamm von den Hügeln ringsher zwischen die Häuser geweht kommt und wieder hinauf um die Spitze des Stephansturms flirrt – Martin Hoffann muß gar nicht lange nachdenken, was es bedeutet, in Wien zu sein. Er ist glücklich, ganz einfach. Und das verquickt sich ihm, ganz einfach, in sehr hohem Maß mit der Tatsache, daß er in Wien ist. Er wüßte sich zum Glücklichsein nichts besseres als Wien. Oh, Salzburg war schön und wunderbar, und zu all der unvergänglichen Geltung und Erinnerung wird ihm nun noch für alle Zeiten hinzukommen, daß seine Liebe zu Carola dort ihren Anfang nahm, daß sein Glück dort begann und wurde. Immerhin, und natürlich ohne Herabsetzung der Stadt Salzburg –:
er hätte sich das auch anderswo vorstellen können. Etwa in St. Lorenz selbst, ja überhaupt im ganzen Salzkammergut. Oder in Florenz, in Paris. Im Engadin wohl auch, oder an der südfranzösischen Küste. Denn zweifellos gibt es Städte und Landschaften und Umgebungen, welche dem Keimen der Liebe förderlich sind und dem Werden des Glücks gewogen. Dem Werden. Doch daß er anderswo so glücklich sein könnte wie in Wien: das also vermag Martin sich absolut nicht vorzustellen. Daß eine Stadt, daß eine Landschaft, daß eine Umgebung dem Zustand »Glück« so innig gemäß wäre wie Wien. Und vielleicht ist es das nun wirklich, das »Besondere«. Glück wiegt doppelt in dieser Stadt, und Unglück nur halb …
Es hat indessen wohl jede europäische Großstadt ihre unvergleichlichen Besonderheiten aufzuweisen; es ist wohl von jeder schon behauptet worden, daß sie die schönste und vortrefflichste, die lebens- und liebenswerteste sei; und es steht wohl jeder eine Reihe literarischer Zeugnisse zu Gebot, die ihren einmaligen Rang und Reiz bestätigen: so London wie Paris, so Prag wie Budapest, ja selbst Berlin enträt der eingeschworenen Liebhaber nicht. Für irgendeine dieser europäischen Großstädte zu schwärmen, ist also höchst trivial – denn es versteht sich entweder von selbst oder gar nicht. Und ihre Vorzüge gegeneinander auszuspielen, ist höchst sinnlos – denn das Für und Wider, das sich da allenfalls geltend machen ließe, gerät sehr bald an einen Punkt, wo es sich der objektiven Abwägbarkeit entzieht.
Daß Wien am schönsten ist: dies zu behaupten wäre sonach ebenso läppisch, wie es zu leugnen. Man kann nicht sagen: Wien ist die schönste Stadt der Welt. Es ist zwar so, aber man kann es nicht sagen.
Noch weniger kann man es beweisen. Das könnte nämlich nur ein Wiener – und dem würde man’s erstens nicht glauben, zweitens jedoch liegt ihm gar nichts daran, daß solcher Beweis überhaupt erbracht werde. Mit einem stillen, von Anmaßung leicht unterspickten Lächeln betrachtet
er alle dahingehenden Versuche, und ihr Ergebnis läßt ihn völlig kalt. Egal, was der und jener an Wien zu loben, der und jener hingegen auszusetzen findet. Genau so bereitwillig, wie er eben noch in irgendeinen Talmi-Refrain über die Herrlichkeiten Wiens eingestimmt hat, wird er im nächsten Augenblick auf Wien zu schimpfen beginnen. Beides je nach Wunsch, und beides aus einer tiefen, durchaus aristokratischen Abneigung, sich mit dem und jenem, der zufällig die gleiche oder zufällig die gegenteilige Meinung hat, auf Herzensgespräche einzulassen. Er weiß schon, was wirklich an Wien dran ist, er weiß es, und das genügt. Mögen die Irrtümer, die da in den unterschiedlichen Deutungen und Definitionen begangen werden, noch so groß sein, die unverdrossen geprägten Formeln noch so falsch –: es kann nicht Wien und kann nicht ihn berühren. »Wien«, und was es bedeutet in Wien zu sein – das ist ihm nicht bloß ein fester und eindeutiger Begriff, sondern ein immanentes Bewußtsein. Und ganz gewiß nichts, worüber sich singen und sagen ließe – am allerwenigsten mit andern.
Wien, Wien, nur du. Aber allein, wenn ich bitten darf. –
Eine der gängigsten unter jenen unverdrossenen Formeln lautet dahin, daß der Wiener arbeitsscheu sei. Wolle man sich doch einmal deutlicher ausdrücken. Was heißt das? Es heißt: er arbeitet nicht gern. Nun – dem wäre vor allem entgegenzufragen: wer auf der Welt denn gerne arbeitet? so gerne nämlich, daß die Arbeit über alles geht (denn nur dies könnte als Antithese zugelassen werden)? Für wen die Arbeit den Sinn des Lebens bedeutet? Die Arbeit, und nicht der Genuß ihrer Ergebnisse?
Es gibt tatsächlich solche. Sie nehmen neuerdings sogar bedrohlich überhand. Schon haben sich ganze Völkerschaften in ganzen Staatengebilden auf dieses Prinzip einrichten, ja geradezu ausrichten lassen: auf das Prinzip der Arbeit um ihrer selbst willen. Oder? Was wäre das sonst? Denn es geht denen dort, wohl sie doch so herrlich viel zu arbeiten haben; obwohl sie nur so strotzen von »-dienst« und »-kolonnen« und »-lagern« und »-schlachten« und was es da noch alles im Zusammenhang mit
»Arbeits-« gibt; obwohl sogar die freie Zeit, die man ihnen zuweist, noch vom Lavoro her bestimmt ist und dopo dieses; obwohl sie also von der
Arbeit ausgeübt werden in einer Weise, wie das bisher noch nie und nirgends der Fall war –: es geht ihnen doch keineswegs besser? Und das, sollte man meinen, wäre doch der Übung und des Aufwands Zweck?
Er ist es eben nicht. Und was nun also den Wiener und sein Verhältnis zur Arbeit betrifft, so hat sich ihm ganz einfach die fundamentale Einsicht erschlossen, daß man nicht lebt um zu arbeiten, sondern umgekehrt. Er betrachtet die Arbeit als des erfreulichen Tatbestandes »Leben« minder erfreuliche Voraussetzung (wer auch in aller Welt sähe Erfreuliches gerne an Voraussetzungen gebunden?). Er versucht, dieser Voraussetzung in möglichst angenehmer Weise beizukommen, sie zu besänftigen, sie zufriedenzustellen: auf daß er selbst es dann desto eher sei und desto ausgiebiger. Er ist nicht arbeitsscheu. Er ist nur lebenslustig. Seine Lust am Leben ist größer als seine Lust an der Arbeit. Und diese Zurechtrangierung wirkt sich höchst bekömmlich aus. Sie unterbindet zum Beispiel auf das strikteste eine Art von Wichtignahme und Betriebsamkeit, welche sich in vielfachen Telefongesprächen, in stundenlangem Warten und Wartenlassen zu manifestieren pflegt, in einer künstlichen Zerdehnung und Aufbauschung des Anlasses –: deren ja nur fähig ist, wem der Anlaß übergroße Lust bereitet. Sie verhindert ferner jegliche Überbewertung und Überbetonung der Tatsache, daß man arbeitet, daß also das, was man da vollführt, Arbeit ist und nicht etwa ein Theaterbesuch oder eine Kahnfahrt. Sie macht kurzum, jegliches Pathos der Arbeit unmöglich.
Wer die Stadt Wien, und was es an Wienerischem je und irgend geben mag, sichtbar oder hörbar, bewegt oder steinern, vergänglich oder ewig – wer es begreifen und erfassen will, der wisse, daß es auf unpathetische Weise entstand; daß es, nun eben, »entstand«; also nicht so sehr »geschaffen« wurde; und schon gar nicht »geschafft«.

Zitate

Der Roman - in des Autors früher Exilzeit (1938-40) verfasst, erst postum veröffentlicht (1984) und jetzt neu aufgelegt - zeigt in packender, von Witz, Wehmut und patriotischen Reflexionen durchzogener Eindringlichkeit den Eingriff der Politik ins Privatleben; da es sich um den Eingriff eines totalitären Regimes handelt, vernichtet er Existenzen
David Axmann, Wiener Zeitung

Rezensionen

2014-04-24 - Deutschlandfunk
"Eine Liebe im Schatten der NS-Okkupation Österrreichs"
Beatrix Novy über Friedrich Torbergs "Auch das war Wien"
http://www.deutschlandfunk.de/friedrich-torberg-eine-liebe-im-schatten-der-ns-okkupation.700.de.html?dram:article_id=283577

2013-10-18 - Wiener Zeitung
Witz und Wehmut
David Axmann über Friedrich Torbergs "Auch das war Wien"
http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/literatur/buecher_aktuell/581617_Witz-und-Wehmut.html

2013-08-30 - Die Presse - Spectrum
Mit dem Taxi über die Grenze
Andreas Khol über Friedrich Torberg und "Auch das war Wien"
http://diepresse.com/home/spectrum/literatur/1447193/Mit-dem-Taxi-ueber-die-Grenze

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