Revisited Band 18
Mit einem Nachwort von Hans Weichselbaum
286 Seiten, Hardcover mit Lesebändchen

€ 22.90

ISBN 978-3-902950-369

Andreas Latzko

Friedensgericht

Roman

Andreas Latzko stellt in seinem 1919 erschienenen Roman den Krieg selbst literarisch vor ein Friedensgericht. Ein leidenschaftliches Plädoyer für eine mündige Gesellschaft, für Bürger, die sich gegen den Krieg entscheiden, sich ihrer Verantwortung als Menschen stellen und nicht bloß Befehlsempfänger sind.

„Romain Rolland, meinem großen Landsmann in Menschenliebe“, widmete Andreas Latzko seinen 1919 erst- und auch letztmals erschienenen Roman „Friedensgericht“. Er spielt im Ersten Weltkrieg, die Akteure sind Soldaten - da ist der international erfolgreiche Pianist Georg Gadsky oder der Schriftsteller Artur Weiler - vor einem Jahr noch fest im Berufsleben gestanden, folgten sie dem Ruf ihres Landes nach Helden und Heldentaten und sehen sich ein Jahr später den barbarischen Zwängen des Militärs und den unreflektierten Erwartungen der Gesellschaft ausgesetzt.

Wieder ist es eine leidenschaftliche Anklageschrift gegen den Krieg, auch dieses Buch wurde von den kriegführenden Parteien bereits vor dem Erscheinen verboten. Unterschiedliche Standpunkte werden in teils heftigen Dialogen, Reflexionen und seelischen Zuständen aus der inneren Perspektive der Hauptfiguren dargestellt, von denen die meisten als „Gefangene des Krieges“ dessen Opfer werden. Verschiedenste gesellschaftliche Aspekte, die Folgen militärischer Befehlsgewalt und der Krieg als Sonderfall des allgemein verbreiteten Konkurrenzverhaltens werden zur Sprache gebracht.

Die „Neue Zürcher Zeitung“ schrieb zu diesem Buch, dass sich Andreas Latzko „sein Werk nicht leicht machte und es mit tiefem Ernst und bebender Leidenschaft erfüllte“. Dazu trägt vor allem eine bilderreiche, manchmal expressive Sprache bei, die auch Ansätze zur Menschlichkeit in einem versöhnenden Licht erscheinen lässt.

Das Kapitel „Nachhut“ erweiterte Andreas Latzko später zum Roman „Der letzte Mann“, über dessen Lektüre Stefan Zweig meinte, dass er ihn „enthusiastisch, mit brennenden Wangen“ gelesen habe, „wie Kinder, die ein verbotenes Buch lesen“.

"Sagen Sie nicht Herr Gadsky!" - sagte er gereizt, mit einer hochmütigen Bitterkeit, - "ich will mich sonst immer nach dem 'Herrn' umsehen, den sie meinen. Ich bin kein Herr mehr. Seit ich nicht nur die Tasten dresche, sondern nebenbei auch noch ein wenig fürs Vaterland sterben gehen soll, habe ich aufgehört, ein ehrenwerter Mitmensch zu sein, den man in höflichen Formen anredet! Das ist so! ... Warum schauen Sie mich so verwundert an? Ein Infanterist ist kein Herr, sondern ein Schulbub. Sagen Sie mir nur recht herablassend 'Gadsky'! Sonst komme ich mir wie ein Hochstapler vor."


„Nur wer den Feldwebel hinter sich mehr fürchtet als den Feind, wird losschlagen, ohne zu fragen, worum es geht; auch wenn die Verteidigung der eigenen Existenz sich allmählich zu einem Angriff auf die Existenz anderer Völker wandelt! Darum mußten wir Kriegsfreiwilligen mit ganz besonderer Sorgfalt gebändigt und so lange getreten werden, bis wir wie verprügelte Kinder zitterten.
Es ist wahrscheinlich törichte Überspanntheit, ein letzter Rest von Hochmut in mir, daß ich dieses Aufeinanderhetzen von Menschen, deren Selbsterhaltungstrieb raffiniert ausgebeutet wird, weil das billiger kommt, als wenn man ihre Gewinnsucht einspannt, und die Beute mit ihnen teilen muß, unwürdig finde.
Die Angst vor dem Revolver des Vorgesetzten hilft in die Gefahr hinein, und die Angst, erschlagen zu werden, hilft wieder hinaus. Man tötet, weil man am Leben bleiben will. Eine sehr einfache Formel.“

Zitate

Andreas Latzkos (1876–1943) im Milena-Verlag wiederaufgelegter Roman "Friedensgericht" ist von bestürzender Aktualität

Der 2014 neu aufgelegte pazifistische Roman von Andreas Latzko, Menschen im Krieg, erinnerte mit dem Weltkriegszentenarium an einen sehr zu Unrecht vergessenen Autor. Nun bringt der Wiener Milena Verlag, der sich die wichtige Aufgabe gestellt hat, literarische Klassiker wieder aufzulegen, "die der Vergessenheit nicht anheimfallen hätten dürfen", das zweite Kriegsbuch Latzkos, Friedensgericht, heraus.

Der aus einer Reihe lose aneinandergebundenen Novellen bestehende Roman aus dem Jahr 1919 erschien wie der Vorgängerband ursprünglich beim pazifistischen Zürcher Max-Rascher-Verlag, wo Latzko im Kreise von Autoren wie Walt Whitman, Henri Barbusse, Romain Rolland, Leo Tolstoi und René Schickele Teil einer kongenialen literarischen Gemeinschaft wurde.

Das Buch verbindet grelle expressionistische Kriegsszenen mit Passagen eines Ideenromans. Latzkos Pazifismus ist nicht eindimensional monologisch, sondern sehr streitlustig. Der zentrale Charakter, Georg Gadsky, ein aus kleinen Verhältnissen stammender, international erfolgreicher Pianist, ist eine durchaus problematische Figur. Er meldet sich als Freiwilliger in der puerilen Hoffnung, seiner Geliebten, der Schauspielerin Mathilde, "als Held, als ordensbesäter Offizier, als ein ganzer Mann, der das Schicksal zweimal gemeistert hatte", gegenüberzutreten.

Nachschwätzereien

Nach Kriegsbeginn begegnet er seinen Kameraden, der "seelenlosen Herde" des bäuerlichen und proletarischen Kanonenfutters, voller Hass. Gespenstisch wirkt sein Besuch in einem Wirtshaus, wo er mit seinem Kameraden, dem Lyriker Weiler, die kriegslüsternen Sprüche der "roten, fettig glänzenden Köpfe" über sich ergehen lassen muss, die deutlich an die Letzten Tage der Menschheit erinnern.

Während Weiler in Kraus'scher Manier entschuldigend feststellt, dass "diese armen Teufel doch nur nachschwätzen, was ihnen ihr Leibblatt auftischt", ist Gadsky bis zum Schluss davon überzeugt, dass der Krieg gerade dem "Volk" das Schlimmste entlockt: "Seit der Mensch sich geben kann, wie er ist, seit er nicht mehr Güte und Rücksicht heucheln muß, weil der Krieg ihn von diesen Pflichten entbindet, seither kann man erst ganz ermessen, welche ungeheure Kraft in seinen bösen Instinkten liegt!"

Man liest – wie so vieles- auch dieses Buch seit Trump anders. Die "Renaissance des Nationalstaats", die sich laut Neuer Zürcher Zeitung im Gefolge Trumps auch in Europa abzeichnet, verbindet sich mit den legitimen materiellen Interessen der "Leute", für die "Freiheit, Seele, Menschheit und Weltfrieden nur tückische Erfindungen" sind, die "unsere Feinde nur aushecken, um den deutschen Michel wieder in Träumerei und Armut zurückzustürzen".

Gut, dass Gadsky zwar die hörbarste, nicht aber dominante Stimme in diesem Roman bleibt. Neben den Medien attackiert der Roman auch die Kultur des preußischen Militarismus. Der Bismarck'sche Sozialstaat erinnere an das "deutsche Märchen von der Knusperhexe, die den gefangenen Kindern Lebkuchen und Hühnerbraten zu essen gab" – das Volk würde "gründlich präpariert", um aus "jedem Bauernburschen einen tüchtigen Unteroffizier zu gewinnen".

Latzko, Sohn einer Wienerin und eines ungarischen Bankiers, sammelte seine Kriegserfahrungen an der Isonzofront; Friedensgericht spielt jedoch an der französisch-deutschen Front und verbindet die "Entseeltheit unseres Volkes" mit dem Preußentum, während den Österreichern größeres Verständnis für die Gefahren und Schrecken des Kriegs zugebilligt wird.

Antimilitaristische Botschaft

Latzkos Erfahrungen als Student in Berlin führen zu einer umfassenden, vielleicht etwas einseitigen Kulturanalyse, die Teile Europas, darunter auch Frankreich, in ein positiveres Licht rückt. Ob aber, wie Romain Rolland in seinem Tagebuch spekuliert, der Roman zu propagandistischen Zwecken in deutschen Kriegsgefangenenlagern in Frankreich – allerdings ohne die Widmung Latzkos an Rolland – verteilt wurde, darf bezweifelt werden. Die antimilitaristische Botschaft konnte keiner Armee der Welt Freude machen, was auch das fast universelle Verbot des Buchs kurz nach seinem Erscheinen erklärt.

Im kurzen letzten Teil, betitelt "Die Rache", hat der in seiner Verrücktheit politisch heil gebliebene Weiler, ein charakteristischer Repräsentant der deutschsprachigen expressionistischen Lyrik, das letzte Wort. Zwar kann das "Friedensgericht", das über seinen Hauptmann urteilen und ihm zur Bewährung das Schreiben eines Gedichts auferlegen sollte, noch nicht tagen, da die Nachricht vom Friedensschluss verfrüht war. Die Selbstorganisation der Insassen der "Landesirrenanstalt" in einer früheren Schule deutet jedoch auf eine neue Zeit: Man muss "Warten! Nur warten!".

Der von Hans Weichselbaum edierte und – wie Menschen im Krieg – mit einem aufschlussreichen Nachwort versehene Roman ist nicht nur wegen des Kriegsgedenkens relevant, sondern leider von bestürzender Aktualität. Man wünscht dem Milena-Verlag weiterhin eine so glückliche Hand bei der Auswahl "vergessener" Bücher.


Walter Grünzweig, Der Standard

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