Moderne Klassiker Band 20
Mit einem Nachwort von Michael Henke
291 Seiten, Hardcover

€ 23.00

ISBN 978-3-90295-072-7

Leonhard Frank

Die Räuberbande

Roman

Für seinen sensationellen Debütroman erhielt Leonhard Frank 1914 den Fontane-Preis. Die berührende Geschichte von zwölf Jugendlichen, die gegen die Welt der Erwachsenen rebellieren, spiegelte damals die Gefühle einer ganzen Generation wider und gilt bis heute als Meisterstück.

Würzburg 1899. Eine Schar vierzehnjähriger Lehrjungen hat sich unter dem Anführer Oskar, dem „bleichen Kapitän“, zu einer „Räuberbande“ zusammengeschlossen. Die Abenteuerromantik der Romane von Karl May prägt ihr Denken. Irgendwann wollen sie Würzburg in Schutt und Asche legen, ein Hochseeboot kapern und damit in das Land ihrer Träume, nach Amerika – in den Wilden Westen – segeln. Dort glauben sie frei zu sein von Schule und Familie, von ihren Lehrherren, von all der Verständnislosigkeit und Heuchelei, die sie umgibt. Versammlungsort der Räuberbande ist ein unterirdischer Gang in den Weinbergen, wo gestohlene Weintrauben, Zigarren, eine Pistole und unzählige Hefte mit Räuber- und Indianergeschichten aufbewahrt sind, an deren Inhalt sich die Fantasie der Buben entzündet.
Werden sie ihre Sehnsucht nach Abenteuern, nach Freiheit erfüllen können? Noch sitzen sie in ihrer Höhle beieinander und donnern gegen die Tyrannei dieser Welt.

Leonhard Frank beschreibt das Ende der Kindheit anhand der unterschiedlichen Persönlichkeiten der Jungs, ihre kleinen Jugendsünden, ihre fantastischen Ideen und Zukunftsträume – ausgeliefert einer oft sadistischen Welt der Erziehungsberechtigten, streng und dienstbeflissen, ohne Verständnis für Flausen.
Mit einem ausführlichen Nachwort von Michael Henke, Vorstand der Leonhard-Frank-Gesellschaft in Würzburg.

In der Werkstatt des Mechanikers Tritt drückten die Lehrjungen sich ängstlich herum und sahen auf die Uhr. Der Geselle war schon lange fortgegangen, die Werkstatt peinlich sauber aufgeräumt, die drei kleinen Drehbänke blinkten, auf dem Fußboden hätte man essen können.
Aber der Meister war noch immer nicht gekommen, um die Erlaubnis zum Fortgehen zu geben.
„Oldshatterhand“, der jüngste der Lehrlinge, stand Wache, um die andern benachrichtigen zu können, wenn der Meister ankam. Er holte aus der Tasche seines Arbeitskittels eine kleine Mechanikerfeile und feilte eine Weile an seinen schwarzen Fingernägeln herum. Dann suchte er weiter in seiner Tasche, zog einen Klumpen öliger Putzwolle heraus, aus der sich eine Pflaume und ein rundes Handspiegelchen schälten. Die Pflaume steckte er in den Mund. Das Spiegelchen rieb er heftig am Schenkel sauber und reflektierte damit die Sonne einer Köchin ins Gesicht, die im vierten Stock aus dem Fenster sah.
Erschrocken stürzte er von der Schmiede in die Werkstatt. Der Meister, ein Mann mit gepflegtem rotem Spitzbart und kalten, grünlichen Augen, schritt durch den Hof, mit seiner dreizehnjährigen Tochter am Arm.
Der älteste Lehrling rieb heftiger an einem Stück Werkzeug, das er schon seit einer Stunde rieb, immer wieder mit Öl einstrich und rieb, und sah manchmal von unten herauf nach dem Meister, der jetzt an einer der Drehbänke lehnte und in der Zeitung las. Es war sehr still, man hörte nur das Reiben.
Der Meister sah langsam auf und starr auf den Reibenden, der den Kopf senkte. Das Mädchen blickte lächelnd zwischen ihm und dem Vater hin und her. Die anderen Lehrbuben standen atemlos in den Ecken.
Oldshatterhand verrückte die funkelnden Zangen, Hämmer und Pinzetten auf der Werkbank um Millimeter.
Der Meister schritt auf ihn zu und sah, den Mund schiefgezogen, auf ihn hinunter. Gebannt ließen Oldshatterhands Hände ab vom Werkzeug.
„Was soll denn das!“
„Ich le… leg das We…Werkzeug gr… grad.“
„Ist das eine Arbeit? Stotterndes Kamel!“ Der Meister hatte seinen Blick in Oldshatterhands vergrößerte Augen eingehackt. „Was bist du?“
„Ein st… st… stotterndes Ka… Ka… Kamel.“
„Was reibst du denn! Schafskopf!“ schrie unvermittelt der Meister den ältesten Lehrjungen an und biß auf seine Unterlippe. „Geht doch zum Teufel! Eselsbande!“
Das Mädchen schmiegte sich an ihren Vater an und lächelte höhnisch. Die Lehrbuben entfernten sich lautlos.
Oldshatterhand ging durch die Kaiserstraße. Vor einer Feinbäckerei blieb er stehen, sah die Kuchen an und schloß manchmal die Augen, um besser riechen zu können, denn von unten aus dem Keller, wo der Backofen war, stieg durch das eiserne Gitter der warme, süße Kuchenduft.
Oldshatterhand hatte es schlecht getroffen im Leben. Sein Vater war ein armer Mann. Und vom Schultyrannen Mager war Oldshatterhand zum Tyrannen Tritt geraten.

Zitate

Ein starker Roman aus dem Wilhelminischen Kaiserreich, neu zu entdecken im Milena Verlag.
Südwest Presse

Ein hochaktuelles Buch, begreift man Literatur als Lektion zum Erlernen von Empathie: Denn der Roman „Die Räuberbande“ erzählt die Geschichte von der Überwindung geographischer, sozialer und kultureller Grenzen, und davon, was es bedeutet, wenn die menschliche Seele bei diesem gefährlichen Transfer nicht gut genug betreut wird.
Gudrun Braunsperger, Ex Libris Ö1

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