223 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag

€ 23.00

ISBN 978-3-90295-082-6

Heinz Liepman

Karlchen oder die Tücken der Tugend

Roman

Karlchen Kunde ist ein junger Mann und hat ein Problem, das sein Leben aus der Bahn wirft: Er kann nicht lügen. Heinz Liepman, der mit dem amerikanischen Harper-Preis für Literatur ausgezeichnet wurde, setzt mit dieser humanistischen Satire die Tradition des Schelmenromans fort.

Karl Kunde, genannt Karlchen, 26 Jahre alt, kann nicht lügen. Karlchen sagt stets die Wahrheit und sorgt somit für Verwirrung und Missverständnisse seitens seiner Umwelt. Noch etwas kann Karlchen gut: Auto fahren; er hat Glück und erhält eine Anstellung als Taxifahrer. Auf seinen Wegen durch die Stadt trifft Karlchen Freunde wieder, besucht seinen alten Stammtisch und geht kurze Beziehungen mit Frauen ein.

Heinz Liepman, dessen Todestag sich heuer zum 50. Mal jährt, erzählt mittels seines Antihelden Karlchen von einer Welt, in der die Anpassung nur durch die Lüge zu erreichen und die einfache Wahrheit zum Scheitern verurteilt ist. Der Roman ist eine Satire auf die zeitgenössische Gesellschaft, geprägt von einer tiefen Menschenliebe des Autors. In einem kurzen Beitrag für den Tagesspiegel bemerkte Liepman 1964: „Warum ich das Buch geschrieben habe? Weil ich Karlchen so gut kenne, und weil ich seit 5 Jahren so oft an ihn denken muss. Besuchszeit ist jeden ersten Dienstag im Monat, von 2 bis 4 Uhr nachmittags.“ Der Roman erschien erstmals 1964 und war Liepmans letztes Werk.

Karlchen spürte, wie es in ihm unruhig wurde. Da näherte es sich wieder, was ihm immer passierte. Die beiden Polizisten waren nur noch ein paar Tische entfernt. Karlchen winkte dem Kellner, er wollte zahlen und unauffällig verschwinden. Der Kellner stand gegen das Büfett gelehnt und sah nichts. Karlchen stand auf, aber der Kellner bemerkte ihn nicht. Die junge Frau mit den Kindern und der Hand auf dem Koffer sah Karlchen von der Seite an. »Setzen Sie sich doch«, zischte sie. Karlchen setzte sich. Er konnte nicht entkommen, es war wie immer.
Die Frau spürte Karlchens Unruhe. Sie beugte sich ein wenig nach vorn, zu ihm, und redete, halblaut, vertraulich, wie zu einem Leidensgenossen.
»Wenn Sie gefragt werden, können Sie ja sagen, Sie gehören zu uns. Wir fahren nach Ulm zu den Schwiegereltern, mein Mann ist gestorben. Mit dem Eilzug um halb sieben. Wir haben Fahrkarten …«
Karlchen sah sie unschlüssig an, sagte mechanisch: »Vielen Dank«, er wußte, er würde es nicht tun, aber er wollte der Frau etwas Freundliches sagen, weil sie nachbarlich gewesen war zu ihm. »Sie kommen wohl aus dem Osten?« fragte er. »Sie haben sicherlich allerlei hinter sich …«
»Ja«, antwortete die Frau, »das kann man schon sagen, weiß Gott, aber aus dem Osten kommen wir nicht. Wir kommen aus Mönchengladbach, gequält wird man überall, unsereins.« Karlchen nickte nur, er hatte nicht richtig zugehört; er beobachtete, daß die beiden Männer, der in Uniform und der mit dem Regenmantel, näher kamen. An jedem Tisch legte der Bahnpolizist die Hand an die Mütze, mit einer Andeutung des Salutierens, und fragte etwas, aber noch bevor die Angesprochenen geantwortet oder auch nur genickt hatten, war er schon weiter. Es war offensichtlich eine Formalität ohne jede Bedeutung – Karlchen kämpfte wieder einmal den alten Kampf, aber er wußte, daß er den Kampf verlieren würde.
Da waren sie nun, die beiden Polizeimänner mit ihrem Lederund Mannsgeruch; der in Uniform grüßte, lässig, Hand an der Mütze: »Die Herrschaften haben Fahrkarten?« – und die junge Frau mit den Zöpfen um den Kopf antwortete: »Jawohl, haben wir, nach Ulm …«, und die beiden waren schon im Weitergehen, da hörte Karlchen seine eigene Stimme, schrill und dünn, flachgepreßt vor Angst: »Nein«, flüsterte er, »ich habe keine Fahrkarte …«
Der mit dem Regenmantel stoppte scharf, als habe ihn wer an einem Draht zurückgezuckt. Er wandte sich um, starrte Karlchen mit leeren Augen an. Der in Uniform begriff langsamer, er runzelte zwar die Stirn, weil da etwas passierte, was nicht zur Ordnung gehörte, jemand macht einen Witz, das gehört sich nicht, er in Ausübung seines Dienstes – er runzelte Karlchen an. Karlchen hatte seine Stimme wiedergefunden, er wiederholte, eifrig, das Wohlwollen des Polizisten zurückzugewinnen: »Ich habe keine Fahrkarte; ich werde sofort verschwinden, ich muß nur noch mein Bier bezahlen …«
»So …« Der mit dem Regenmantel hatte sich plötzlich verwandelt. Er war beleidigt worden in Ausübung seiner Pflicht. Seine Stimme war offiziell, schneidig, scharf: »Das ist ja liebenswürdig von Ihnen, daß Sie gleich verschwinden wollen. Sie wissen ganz genau, daß es streng verboten ist, im Wartesaal rumzulungern nach Mitternacht ohne Fahrkarte. Ich will Ihren Ausweis sehen, wenn Sie einen haben …« Und während er auf eine Antwort wartete, wandte er sich an den Bahnpolizisten und wurde strategisch. »Stellen Sie sich am Ausgang auf, daß uns keiner abhaut. Nur die ich von jetzt an kontrolliert habe, dürfen raus. Die Kerle denken, wir wären zum Spaß hier. Das hat man davon, wenn man menschlich ist.«
Er erhob seine Rasiermesserstimme, sie schnitt durch den Mief und die Tabakwolken und die Müdigkeit: »Alles mal herhören … Fahrkartenkontrolle, Herrschaften. Ich möchte jetzt die Fahrkarten sehen. Und wer keine hat, Ausweise bereithalten. Werden euch mal zeigen, daß wir auch dienstlich sein können.«
Die vielen Menschen in dem großen Wartesaal gerieten in Bewegung. Sie erhoben sich mit grauen Gesichtern von den Bänken, sie nahmen die Zeitungen von den Augen und Stirnen, blickten sich um, wohin sie entfliehen könnten. Kinder wachten auf und begannen zu plärren. Der Kellner war plötzlich hellwach und fing eilig an zu kassieren. Jeder sah vorsichtig, mißtrauisch, feindselig auf den Nachbarn. Der neben Karlchen auf der Bank gelegen hatte, setzte sich langsam, schwerfällig auf, reckte sich. »Du Schweinehund«, sagte er ohne Leidenschaft zu Karlchen, »jetzt muß ich wieder in ’n Knast, wo ich doch Bewährung habe …«
Die blonde junge Frau mit den beiden Kindern starrte Karlchen an, offenen Mundes, verständnislos, ihre Augen schwer vor Müdigkeit. Sie schüttelte den Kopf und sagte vor sich hin, aber er hörte sie genau. »So dämlich wie Sie möchte ich auch mal sein – dann kann einem doch gar nichts passieren …«
»O doch«, murmelte Karlchen.

Zitate

traurige Fabel von einem, der ausbrach, um die Freiheit zu lernen, und der freiwillig in die Anstalt zurückkehrte, weil diese Freiheit unerträglich ist.
Erich Maria Remarque

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