304 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag

€ 24.00

ISBN 978-3-903184-02-2

Gina Kaus

Der Teufel nebenan

Der junge Albert heiratet die ein paar Jahre ältere und reiche Melanie. Die Ehe entwickelt sich alsbald zum Desaster. Gina Kaus’ leidenschaftlicher Romanklassiker über Eifersucht und ein Paar, das sich gegenseitig fast in den Wahnsinn treibt.

Der junge, unvermögende Student Albert Holzknecht lernt die reiche Witwe Melanie Simrock kennen. Melanie ist von dem unerfahrenen Mann sehr angetan und die beiden heiraten. Melanies Vermögen ermöglicht Albert eine hohe Stellung in einer Keramikfabrik – der Einzelgänger kommt unter Leute und es dauert nicht lange, da ihm seine Ehefrau Untreue und Affären mit anderen Frauen unterstellt. Ihre Eifersucht steigert sich zum Psychoterror, die Streitereien zwischen dem Paar nehmen immer unbarmherzigere Formen an und das unglückliche Ende ist abzusehen.

Gina Kaus’ Roman ist ein Psychodrama wie aus einem individualpsychologischen Lehrbuch, die Protagonisten sind Paradeneurotiker im Sinne der Individualpsychologie Alfred Adlers – und auf fatale Weise durch Minderwertigkeitskomplexe und Eifersuchtsneurose miteinander verbunden. Kaus versteht es jedoch, das Paar nicht in eine Schwarz-Weiß-Schablone zu pressen, sondern das unglückliche Zusammenspiel der beiden Charaktere zu beleuchten.

Der 1940 verfasste Roman Der Teufel nebenan wurde 1956 mit Lilli Palmer und Curd Jürgens in den Hauptrollen unter dem Titel Teufel in Seide verfilmt – und avancierte damit zum Bestseller. In der Romanfigur des Arztes Dr. Heinsheimer setzte Kaus Alfred Adler ein literarisches Denkmal.

Albert läutete eine Viertelstunde nach der festgesetzten Zeit an Frau Simrocks Tür. Er hatte durchaus nicht der erste sein wollen. Aber als ihm das Stubenmädchen den Mantel abnahm und in den völlig leeren Kleiderschrank hängte, sah er mit Schrecken, daß er offenbar immer noch zu früh daran war.
Durch die geschlossene Türe kam Musik. Eine Frauenstimme sang zu Klavierbegleitung ein Lied von Grieg.
»Vielleicht ist es besser, wenn ich ein wenig warte«, sagte Albert.
Das Mädchen maß ihn mit ernsthaftem Staunen. Sie sah ganz anders aus, als er sich ein Stubenmädchen in wohlhabendem Haus vorgestellt hatte. Zwar trug sie über dem schwarzen Gewand ein zierliches Batistschürzchen und ein Häubchen von Batist über dem Scheitel. Aber diese koketten Utensilien brachten die groteske Häßlichkeit ihres Gesichts, die Derbheit ihres Körpers nur stärker zur Geltung. Sie sah aus wie ein Frosch. Sie hatte auch einen Kropf.
»Die gnädige Frau wartet schon«, sagte sie und öffnete ihm die Tür zum Salon.
Er sah den großen schwarzen Flügel und den Rücken der Frau, die sang. Das Stubenmädchen hatte die Tür hinter ihm leise wieder geschlossen.
Die singende Frau hatte ihn offenbar nicht gehört. Er blieb bewegungslos stehen und sah sich um. Der Raum, in dem er sich befand, war ein Mittelding zwischen einem Salon und einer Bibliothek. Es waren erstaunlich viele Bücher an den Wänden und, wie Albert mit einem schnellen Blick auf das nächste Regal feststellte, keine ledergebundenen Prachtausgaben, wie sie reiche Leute zusammenkaufen, um den Eindruck einer gepflegten Bibliothek zu erwecken, sondern, in wildem Durcheinander, alte und neue Bücher, die Werke Pascals und broschierte Romane, Zeitschriften, ein ganzer Stoß Theaterstücke. – Hat sie diese Bücher von ihrem verstorbenen Mann geerbt oder liest sie selbst? dachte er.
Der Gesang gefiel ihm nicht. Sie sang viel zu anspruchsvoll für eine Frau, die zum eigenen Zeitvertreib vor sich hin trällert, und viel zu unregelmäßig für eine geübte Sängerin. Ihre Stimme war groß und erreichte mühelos die gewünschte Höhe, aber es war eine Stimme, die jeder Wärme entbehrte.
Das Kleid, das sie trug, war von rosenfarbener Seide, es war lang und bildete zu beiden Seiten ihrer Füße sanfte Wellen auf dem Teppich. Trotzdem hatte Albert, der von solchen Dingen nichts verstand, das Gefühl, daß es keines jener Kleider sei, das eine Dame trägt, wenn sie viele Gäste erwartet. Er konnte nur ihren Rücken sehen, der auffallend gerade war, den langen Hals und das tiefschwarze Haar.
Aber plötzlich sah er in einem Spiegel ihr Gesicht. In derselben Sekunde begegnete er im Spiegel dem Blick ihrer Augen, sie hörte jäh zu singen auf und drehte sich auf ihrem Klavierstuhl herum.
»Wer sind Sie?« fragte sie.
Er wußte nicht, was ihn so maßlos erschreckt hatte, als er ihrem Blick im Spiegel begegnet war. Kaum hörte er, was sie sagte, sie mußte ein zweites Mal und beinahe gereizt fragen, ehe er sich zusammenraffte und erwiderte: »Ich bin der Freund Stephan Rotaugs – meine Name ist Albert Holzknecht.«
Tölpelhafterweise blieb er dabei an der Tür stehen. Frau Simrock ihrerseits dachte anscheinend gar nicht daran, sich von ihrem Klavierstuhl zu erheben und ihm entgegenzugehen. »Und?« fragte sie bloß.
Er wagte es nicht, ihr ins Gesicht zu sehen. Er blickte schief nach abwärts und sah, daß ihr rosenfarbenes Kleid vorn auseinanderging und ihre Beine bis zu den Knien freigab. Und er sah auch, daß sie Pantoffel an den bloßen Füßen trug, sehr hübsche, mit Straußenfedern besetzte Pantoffel, aber eben Pantoffel.
Albert fühlte leichten Schweiß auf der Stirne. Er dachte, er sei in ein falsches Haus gegangen, habe an einer falschen Tür geläutet. Es war eine Situation, die er aus Angstträumen kannte, und er sah an sich hinab, um sich zu überzeugen, daß er wenigstens vollkommen bekleidet war.
»Mein Freund hat mich gebeten …«, begann er schließlich zu stottern, »… er hat nämlich ganz plötzlich eine Grippe bekommen – 39 Grad Fieber, Schüttelfrost« – das alles hatte ihm Stephan aufgetragen, und er brachte es zur Not heraus –, »er hat gemeint, ich solle an seiner Stelle herkommen, weil …«
»Das ist aber – sehr sonderbar«, sagte die Dame am Klavier, »er hat einfach jemanden anders statt seiner geschickt?«
»Ja – damit nicht dreizehn bei Tisch sind. Sie haben ihm gesagt, ohne ihn seien Sie dreizehn bei Tisch – und deshalb hat Stephan gemeint, es komme nicht so sehr darauf an. – Aber wenn Sie einen anderen vierzehnten haben«, sagte er plötzlich mit einem Schimmer von Hoffnung, in den nächsten Minuten weggehen zu dürfen, »oder wenn Sie vielleicht nur Spaß gemacht haben und gar nicht abergläubisch sind …«

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