126 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag
Mit einem Nachwort von Hendrik Werner

€ 19.50

ISBN 978-3-903184-27-5

Friedo Lampe

SEPTEMBERGEWITTER

An einem Septemberspätnachmittag vor dem Ersten Weltkrieg blicken die Reisenden in einem Fesselballon auf eine kleine Stadt am Fluss hinab. Alles sieht so friedlich aus. Doch der Schein trügt, eine junge Frau wurde ermordet, ein Vater wird betrauert, und der böse Emil ärgert die kleinen Mädchen.

Nachmittags um vier beginnt unsere Geschichte, und sie endet abends. Wie ein Kreisel zieht die Handlung am Leser vorüber. Der Großvater, der Totengräber ist, und seine Enkelinnen. Der böse Emil, der den Kindern die Drachenschnüre durchschneidet, weil er nicht will, dass sie in den Himmel fliegen. Der kleine Martin, der in die Bubenbande des starken Jan aufgenommen werden möchte, aber eben nicht so stark ist, wie es sein verstorbener Vater war. Der junge Leutnant Charisius, der beschließt, nach Kamerun zu gehen, weil man dort so schön sterben kann. Seine Geliebte, Marie, die vor einer Woche ermordet aufgefunden wurde. Wer war der Täter? Die Buben werden ihn später aufspüren, die Überraschung ist groß … Es kann viel passieren an einem heißen Septembertag in der kleinen Stadt.

„Man muss’n bisschen lachen dabei, aber es ist doch auch traurig. Natürlich geht das Ganze schief aus.“ Friedo Lampes lyrische Prosa, die filmartige Erzähltechnik, mit der er seine Szenen miteinander verwebt, erweist sich in „Septembergewitter“ als gelungenes Beispiel eines magischen Realismus, dem Sachlichkeit und Wunder nicht als Gegensätze gelten.

Zitate

Besprechung im Weser Kurier



Zu entdecken: Ein Dichter und sein Septembergewitter
In Bremen gibt es einen Friedo-Lampe-Weg. Er ist eine Sackgasse. Mehr erinnert nicht an den Schriftsteller, der hier 1899 geboren wurde und ein Großer hätte werden können. Für diesen Fall wäre bestimmt ein Platz nach ihm benannt worden, wenn nicht gar eine Straße.
Aber: „Ich habe immer Pech.“ So klagte der Sohn einer Kaufmannsfamilie, dessen erster Roman im Oktober 1933 unverzüglich verboten worden war.
In „Am Rande der Nacht“ kommen nämlich Prostituierte vor. Die durfte es nicht geben, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen; außer für sie selbst.
Beim zweiten Roman, „Septembergewitter“, achtete Friedo Lampe sehr darauf, dass nichts zu beanstanden war. Aber kaum jemand beachtete 1937 dieses kleine Meisterwerk.
Damals lebte er bereits in Berlin und arbeitete als Lektor im Verlag von Ernst Rowohlt. Seine Wohnung war autonomer Bereich „ziviler Freiheit und Einsamkeit“, und als sie zerbombt wurde, als seine stattliche Bibliothek verbrannte, begann Friedo Lampe sofort wieder, eine neue Idylle zu schaffen – eine „Idylle auf vulkanischem Untergrund“.
In den letzten Kriegstagen verließ er sie höchst ungern und ließ sich zu viel Zeit für seine Flucht aus Berlin. Ein Soldat der Roten Armee erschoss ihn. Versehentlich.
Später berichtete ein Freund: Lampe schloss sich einer Gruppe Arbeiter an, aber das waren gar keine Arbeiter, sondern SS-Leute, die sich tarnten, um den Russen zu entkommen. Friedo Lampe konnte zwar seine guten Papiere herzeigen, aber er wurde trotzdem erschossen, mit allen Festgenommenen, am 2. Mai 1945. „Ich habe immer Pech.“
Der Wiener Milena Verlag macht es möglich, den Schriftsteller / Dichter zu entdecken. „Septembergewitter“ ist neu aufgelegt worden.
Nur eine Ballonfahrt. Eine Stadt von oben. Saftige Wiesen, ein schwarzes Schiff mit braunem Segel. So friedlich. Und jetzt unten: Episoden mit 40 herangezoomten Personen fließen ineinander, ein Mord geschieht, das Gewitter ist voll da.
Zur Sicherheit geschieht alles in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Soll niemand sagen können, mit dem Gewitter war Hitler gemeint.
(KURIER, Peter Pisa, 11. September 2018)


Was für ein schönes Cover-Bild: Ein Freiluftballon in Pastelltönen, vor Wolkentürmen schwebend und von ein paar verhaltenden Sonnenstrahlen auf seiner Fahrt begleitet. Und unter diesem heiter anmutenden Sujet der Titel des Romans von Friedo Lampe: „Septembergewitter“. Noch ist von Blitzen und Sturm nicht viel zu sehen, allein der sich dunkler färbende Himmel warnt vor drohendem Unheil.
Nichts ist, wie es scheint: Das könnte das Motto sein für ein Buch, das mehr als achtzig Jahre nach der ersten Auflage auf eine Wiederentdeckung wartet. Sehr zu Recht. Friedo Lampe hat ein recht überschaubares Werk hinterlassen. Besonders das „Septembergewitter“ möchte man gerne vor dem Vergessen bewahrt wissen.
Eine Ballonfahrt bildet den erzählerischen Rahmen des schmalen Bandes. Vater und Tochter steigen in Osnabrück in die Lüfte, um bis an die dänische Küste zu treiben. So sie denn gelingt, diese Reise durch den Norden Deutschlands. Inmitten friedlicher Landstriche taucht eine alte Stadt auf, wie sie der Autor lapidar nennt. Hier hält Lampe an, um dem Schicksal etlicher ihrer Bewohner nachzugehen. Es wird rasch klar, dass die vermeintliche Idylle bürgerlicher Wohlanständigkeit trügt: In eben jenem Park, wo eine Musikkapelle Operettenmelodien zum Besten gibt und damit den Kaffeeklatsch bei Käsesahne und Schwarzwälder-Kirsch umrahmt, ist vor zwei Tagen eine junge Frau umgebracht worden. Nun fahndet man nach dem Täter. Und überhaupt: Hinter den Fassaden des properen Städtchens wohnen Dramen, die Friedo Lampe auf die Bühne holt, oder besser: vor die Linse. Sein Roman spiegelt einen sehr filmischen Zugang zur Welt, mit kurzen Sequenzen und schnellen Schnitten und Montagen. Oft genügen ein paar wenige Sätze, um das Setting und das Wesen der Figuren einzufangen.
Da sind die beiden Mädchen, die als Waisen bei ihrem Großvater zurückbleiben und ihre ältere, von ihrem feigen Geliebten schnöde verschmähte Schwester. Da ist die obsessiv trauernde Witwe, die ihrem toten Mann nachweint und ihren Sohn vernachlässigt. Dieser wiederum bemüht sich um die Aufnahme in eine Bande halbwüchsiger Burschen, die fragwürdigen Ideen von Heldentum anhängen. Der Verlobte der Ermordeten hingegen spielt mit dem Gedanken, nach Afrika abzuhauen – so er sich nicht vorher selbst tötet. Während der Mörder, ein vom Schicksal gepeinigter Künstler, frei herumläuft. Teil dieser Runde ratloser, deprimierter oder auch größenwahnsinniger Charaktere ist ein Dichter: Er vergräbt sich in die griechische Mythologie, landet bei Leda und ihrem Schwan und schließlich bei Odysseus und dem Beginn von dessen Liebesgeschichte mit Nausikaa. Das Kokettieren mit der Antike wird zu einer Flucht aus dem Heute, in dem eine desperat gewordene Gemeinschaft durch unsichere Tage und Wochen triftet.
Lampes Roman fließt zügig dahin. Die einzelnen Episoden prallen übergangslos und meist kommentarlos aufeinander und erzeugen eine fiebrige und darin fast gespenstische Atmosphäre. Es ist dies eine vom damaligen Erfolg der Kinos inspirierte Erzähltechnik, die an John Dos Passos und Alfred Döblin erinnert. Knappe, nur lose verbundene Szenen wolle er entwerfen, hatte Lampe in einem frühen Brief gestanden, in malerisch-lyrischer Manier. Damit suchte er zudem noch an die Schreibweisen des von ihm sehr geschätzten Hugo von Hofmannsthal anzuknüpfen. Auf diese Weise schuf er eine sehr eigenwillige Poetologie, eine Form der magischen Fantastik, wie der Literaturwissenschaftler Hendrik Werner im Nachwort der Neuauflage konstatiert.
In diesem „Septembergewitter“ liegt eine schwer greifbare Unruhe in der Luft. Schwarz, dumpf, schwül, das sind Adjektive, die leitmotivisch wiederkehren. Ein Unwetter kündigt sich an, schon Stunden vorher meint man das Donnern und Blitzen zu erahnen. Doch der Roman greift über das eigentliche Naturschauspiel hinaus ins Metaphorische: Der Autor sucht das Buch aus der unmittelbaren Gegenwart wegzurücken und siedelt es in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg an. Wer genau hinhört, der spürt aber, wie subversiv er auf die Machtergreifung Hitlers und das Erstarken des Faschismus reagiert. Sein 1934 erschienener Erstling „Am Rande der Nacht“ wurde ja von den Nazis beschlagnahmt, die Anklänge an Homoerotik und Libertinage und das Auftreten eines Negers galten als skandalös und passten nicht ins Bild des edlen deutschen Volkes. Entsprechend vorsichtiger gab sich Lampe im „Septembergewitter“ - zumindest vordergründig. Wirklich explizite Verstöße gegen die Leitlinien der Reichsschrifttumskammer sind darin nicht nachweisbar, zumal sich der Roman als historische Reminiszenz an die Ära vor 1914 tarnt. Lampe ist äußerst subtil zugange – und evoziert damit jenes beklemmende Lebensgefühl, das auf eine elementare Krise hinsteuert. Die vermeintlichen Sicherheiten sind zu fragil, um die herbeiziehende Katastrophe zu stoppen. Ein Krieg müsse ausbrechen, meint der Leutnant, ein reinigender Sturm solle alles Alte, Muffige hinwegfegen und für einen Aufbruch in eine gesunde Zukunft sorgen. Besonders die jungen Burschen orientieren sich Richtung Fehde und Kampf: mit Mutproben, dem Beschwören von Blutsbruderschaft, Ordnung und Hierarchie und mit dem romantisch-verklärten Eid auf sogenannte Tugenden wie Tapferkeit und Treue.
Friedo Lampe, selbst gehbehindert und auch sonst so gar nicht dem Ideal der Nazis entsprechend, zeigt seinen klaren Blick: Aus dem bürgerlichen Dünkel und dem Untertanendenken entwickelt sich die Sehnsucht nach dem Erstarken der Gesellschaft unter strenger Führung.
Der Fesselballon, den der Autor in die Lüfte entlassen hat, erreicht sein Ziel. Lampes Roman hingegen segelte 1937, als er erstmals erschien, viel zu schnell davon und wurde kaum wahrgenommen. Die Neuauflage könnte dies ändern – es wäre zumindest sehr zu hoffen.
(ORF, Ö1, Ex Libris, Susanne Schaber, September 2018)

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