Mit einem Nachwort von Evelyne Polt-Heinzl
152 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag

€ 22.00

ISBN 978-3-903184-34-3

Joe Lederer

BRING MICH HEIM

Joe Lederer erzählt in ihrem stilistisch treffsicheren Roman von der feinen Gesellschaft und ihrer Dekadenz und Verlorenheit. Einsamkeit, lange Nächte, Rausch und kein Daheim. Von Liebschaften, die kommen und gehen, von Rastlosigkeit und Stillstand im Luxus. Ein Klassiker mit feiner Klinge, wiederentdeckt.

Jeannine Maran ist eine einsame Frau. Seit acht Tagen weilt sie mit ihrem Jugendfreund Harald und der geliebte Dogge Tommy in Florenz. Alkohol und Ennui bestimmen ihren Tagesablauf, bis Jeannine beschließt, einen wichtigen Ort ihrer Kindheit, eine Villa am Meer, wiederaufzusuchen. Als Jeannine 16 war, verbrachte sie dort einen Sommer – und verliebte sich in ihren älteren Cousin Andy. Jeannine liebt Andy noch immer, doch er ist aus ihrem Leben verschwunden. Im Zug lernen Jeannine und Harald den bekannten Schauspieler Mathieu Corodi kennen, und da es nur ein Hotel im Ort gibt, mieten sich alle drei dort ein …

Mit feiner Klinge analysiert Lederer, was am ewigen Missverständnis zwischen den Geschlechtern schuld ist: Komplexe, Obsessionen, kindliche Kränkungen, Rollenvorgaben, ungleich verteilte und durchaus wechselnde Stärken und Schwächen. Nicht selten scheitern die Figuren – Männer wie Frauen – daran, dass sie sich und ihrem Gegenüber etwas vorspielen, was sie nicht sind. So entstehen ausdifferenzierte psychologische Porträts aller Akteure, selbst nur flüchtig auftretende Figuren erhalten eine Tiefendimension.

Nach Erscheinen ihres ersten Romans Das Mädchen George wurde Lederer der Titel „deutsche Colette“ verliehen. Im Juli 1935 wurde ihr gesamtes literarisches Werk verboten. Bring mich heim erschien erstmals 1932, Lederer verarbeitete darin ihre Liebesgeschichte mit Hans Albers.

„War es nicht schlimm bestellt um diese Welt, in der es Männer und Frauen gab? Eine unabwendbare Gewalt zwang sie, sich zu suchen, sich in Rausch und Tränen, Küssen und Verzweiflung zu lieben, um wieder voneinandergetrieben zu werden, mit entgötterten Augen und gesättigt von Überdruss. Was für ein schrecklicher Zauber, der einen Mann so verblenden konnte, dass er ein normales, gesundes Mädchen zuerst für eine Blumenelfe und dann für eine eiserne Kette hielt!“

Sie waren seit acht Tagen in Florenz und wollten den ganzen Januar dort zubringen. Sie wohnten im »Savoia«, einem großen Haus mit stillen Korridoren, Gesellschaftsräumen und unzähligen Kellnern. Der Zufall hatte sie hingebracht, aber dann waren sie geblieben, denn Jeannine hatte sich in ihr Zimmer verliebt, in die drei Fenster, die auf die Piazza Vittorio Emanuele hinausgingen, in die Kirschholzmöbel und in die alte Tapete. Auf gelblichem Kretonne schwebten blaue Figürchen in Reifrock und Eskarpins, sie tanzten zwischen blauem Korn und Blütenzweigen, Schäfer und Schäferin, sehr zart, anmutig und verblasst.
Harald legte keinen Wert auf Tapeten, auch nicht auf gepflegte alte Möbel. Er hatte eine besondere Zuneigung für solche Zimmer, in denen es möglich war, die Zigarettenasche auf den Fußboden zu streuen. Er liebte die Bequemlichkeit über alles. Sein Traum war, in einer Wohnung zu leben, in der die Bartheke neben dem Bett und das Bett neben dem Billardtisch war.
»Das kommt davon, weil du romantisch bist!«, sagte Jeannine nachdenklich. »Du solltest dich bemühen, praktisch zu sein. Als ich so alt war wie du …«
Sie war sechsundzwanzig und genau um drei Monate älter als er. Aber schon als Kind hatte sie es für nötig gefunden, ihn zu erziehen und mit Herablassung zu behandeln. Harald hatte sich damals ihren kleinen Hochmut gefallen lassen und nahm jetzt voll Gutmütigkeit ihre weisen Ratschläge hin. Er war ein zarter Riese. In seinem großen, schwerfälligen Körper saß ein scheues Herz.
Es war ihm nicht gegeben, Jeannine zu widersprechen, selbst dann nicht, wenn sie plötzlich ohne Grund behauptete, dass sie den Tag, die Zukunft und sich selbst leichtnähme. Er schwieg, aber es fiel ihm schwer zu glauben, dass sich Jeannine in den zwölf Jahren, die er sie nicht gesehen hatte, so verändert haben sollte.
Tagsüber trieben sie sich in der Stadt herum und führten lange Gespräche mit Droschenkutschern, Zeitungsjungen und Kellnern. Nachts saßen sie in Jeannines Zimmer, drehten das Grammophon an und tranken Kognak mit Wermut. Aus dem Grammophon tönten hawaiische Gitarren. Im Halbdunkel des großen Zimmers tanzten die blauen Damen an der Wand, und Harald erklärte, es sei eine Lust, zu leben. O Jahrhundert, o Wissenschaft! Die Künste blühen, und es ist eine Lust, zu leben.
Jeannine war nach Florenz gekommen, um zu fotografieren. Harald erfuhr dadurch, dass Jeannine seit einem Jahr beinahe einen Beruf hatte: Sie fotografierte ihre Freundinnen, deren Hunde, Autos und Gärten. Doch jetzt war es genug. Sie sagte, dass ihr beim Anblick von Pekineserhündchen, nackten Damen und Irisbeeten schwindlig würde. Sie sagte, dass sie endlich etwas Richtiges und Vernünftiges vor die Kamera bekommen müsste, Mauerwerk, Wolken oder Türme. Sie sagte, dass sie nicht eher ruhen würde, als bis sie ganz Florenz auf ihren Platten hätte. Aber dann fehlte ihr einfach die Zeit zur Arbeit. Sie musste mit Harald in der Konditorei Gilli heiße, schäumende Schokolade löffeln und am Ponte Vecchio bunte Glasketten kaufen.
Sie statteten Fra Filippo Lippi lange Besuche ab, und Jeannine staunte über die Weisheit, die er gemalt hatte. Sie sagte, jede seiner Madonnen sei ein Traktat über die Geheimnisse ihres eigenen Herzens. Harald konnte nicht wissen, welche Geheimnisse der Maler des Cinquecento entschleiert hatte – aber er sah das schöne, gefährliche Lächeln seiner Engel und dass sie Jeannine ähnlich waren wie ein Geschwister dem anderen. »Fra Filippo hat dich gekannt!«, sagte Harald.
»Nein!«, erklärte Jeannine stolz. »Er hat mich prophezeit!«

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