ca. 260 Seiten
Broschur mit Lesezeichen

€ 19.00

ISBN 978-3-90295-086-4

Vanessa Wieser (Hg.)

Wien schön trinken

37 Wiener Lokale mit Herz

In diesem originellen Lokalführer werden 37 aktuelle Wiener Lokale vorgestellt. Witzig und einfühlsam beschreiben bekannte Lokalmatadore ihre Lieblingslokale, Lieblingsgasthäuser, Lieblingscafés oder gar den Lieblingswürstelstand. Mit Fotos und Serviceteil.

Aufgrund des großen Erfolgs verlängert! Die 2. Ausgabe des beliebten Wiener Lokalführers jetzt aktualisiert und um 10 Beiträge erweitert. In den schwungvollen literarischen Texten geht es um witzige Erlebnisse im Lokal, um Beobachtungen, Kontaktaufnahmen, belauschte Gespräche, schrullige Kellner, resolute Wirtinnen. Aufgelockert wird das Buch durch stimmungsvolle Fotos. Ein Muss für alle, die Wien besuchen, in Wien leben, von Wien träumen.

Mit Texten von: Heidi List, Dodo Roscic, Klaus Nüchtern, Tex Rubinowitz, Thomas Maurer, Fritz Ostermayer, Martin Amanshauser, Samir Köck, Roland Gratzer, Maximilian Zirkowitsch, Marc Carnal, Max Horejs, Austrofred, Sebastian Fasthuber, Manfred Gram, Jürgen Lagger, Nino aus Wien, Maik Novotny, Mieze Medusa, Ernst Molden, David Pfister, Manfred Rebhandl, Robert Rotifer, Rokko, Clarissa Stadler, Cornelia Travnicek, Peter Zimmermann u. v. m.

Beiträge über: Café Alt Wien, Anzengruber, Café Bendl, Bierstadl im Böhmischen Prater, Café Concerto, Café Sperl, Café Engländer, Café Frame, Gasthaus Sittl, Kleines Café und Gasthaus Pöschl, Le Troquet, Loosbar, Nachtasyl, Nordpol, Café Prückel, Pizzeria Mari, Phil, Pulse, Rhiz, Schikaneder, die Seestadt, Café Weidinger, Würstelstand in der Parkgarage u. v. m.

Markus Köhle: Café Alt Wien (1010)

Erster Schluck, erstes Bier. Ein Moser-Bild in Öl, und Moser in seinem Element: trinkglasbewaffnet, Kopf im Nacken, die nasale Singstimme wie ein Schwert vor sich hertragend, wie nix schneidet sie sich durch Jahrzehnte zu mir durch. Ich summe Du narrischer Kastanienbaum. Ich sitze im letzten Eck, Rücken zur Wand, direkt bei den Toiletten. Bester Überblick. Es ist November, beste Alt-Wien-Zeit, und es ist dunkel, weil die burgunderrotweinschweren Vorhänge zugezogen sind und es im November hier ohnehin nie hell wird. Das Moser-Bild ist auch dunkel, dunkel und rauchgeselcht.
Zweiter Schluck, erstes Bier. Das Qualtinger-Bild ist ein Foto hinter Glas: Klassisches Kaffeehaustischsitzfoto. Daneben steht was, vermutlich vom Quasi selbst geschrieben. Kann’s nicht lesen, dafür müsste ich aufstehen, das ist nicht drinnen, muss sitzen, schreiben und trinken. Hängt über der Küchenausgabe, der Qualtinger. Muss sicher monatlich von einer zentimeterdicken Gulaschdampfschicht befreit werden, das Schutzglas.
Dritter Schluck, erstes Bier.Das Gulasch ist immer gut hier und oft die Rettung. Ein Gulasch, gut gesetzt – zum vierten Bier –, verlängert den Abend um drei, vier weitere, die man sonst zwar auch getrunken, aber am nächsten Tag bedeutend mehr bereut hätte. Gulasch ist ein Bierturbo und eine Katerbremse, zumal das Alt-Wien-Gulasch. Joe Berger hängt direkt über der Korbflechtflasche Knoblauchschnaps. Das hat schon seine Richtigkeit so. Berger wäre gerne der österreichische Bukowski gewesen, hat mir hier mal wer gesagt, der gerne der neue Schmidt-Dengler werden würde.



Tex Rubinowitz: Hermann’s Würstelsalon (1070)

Ist es eine gute Idee, wenn man nur mit Unbehagen Fleisch isst, weil es einfach nicht richtig ist, Fleisch zu essen, und man nur ungern Alkohol trinkt, weil er zu Kontrollverlust und Komplettverdruss führt, einen Würstelstand zu besuchen, in dem zu allem Überfluss auch noch geraucht wird, und der sich innerhalb eines Parkhauses befindet, wenn man Nichtraucher ist und noch nicht mal einen Führerschein besitzt? Man muss das versuchen, soviel Destruktions- und Depressionskomponenten bekommt man doch selten zusammen, rein aus ethnografischen und topografischen Gründen, als Expedition ins Reich der Finsternis, andererseits, schön ist die Lage ja schon, eine harsche architektonische Groteske, die es wohl kein zweites Mal in der Stadt gibt, man könnte sich den Aufenthalt ja hier in Hermann’s Würstelsalon schönquälen, also rein.
In dem Holzkubus sitzen sechs Gäste, es ist nachmittags, 16 Uhr, alle rauchen, auch Wirt und Wirtin, die Würste auf der Wärmeplatte liegen da wie geschundene Kreaturen, so als sollten die Kadaver qua Wärme am Restleben erhalten werden. Ich bestelle ein Bier, eine Käsekrainer, einen öligen und einen scharfen Pfefferoni, beide grau, und eine Scheibe Brot. Das Mahl eines zum Strick verurteilten Delinquenten.
Im Radio spielen sie von Doris Day »Move Over Darling«, ich muss plötzlich weinen (»The way you sigh. Has me waving my conscience good-bye«), eine Träne tropft auf den Resopaltisch, ich verreibe sie mit dem Zeigefinger. Es gibt eine Stelle in dem Lied, die mich jahrelang irritiert hat, wenn sie nämlich die Stelle singt »You captured my heart, and now that I’m no longer free, make love to me«, es kann doch nicht sein, dass damit Liebemachen gemeint ist, wie wir es jetzt verstehen, Sex, unverblümt zur sogenannten Sache kommend, den Biber räuchern, dass so was in den Fünfzigerjahren durchgegangen wäre, gerade bei Doris Day, aber seit einiger Zeit weiß ich, dass Making Love bis 1964 eine unschuldige Bedeutung hatte, gleichbedeutend vielleicht mit Turteln, man kann die Umdeutung deswegen so genau terminieren, weil es von den Drifters eine Version deren Liedes »Under the Boardwalk« gibt, in zwei Versionen, die auf der vorher ausgekoppelten Single, noch in mono (»Under the boardwalk, we’ll be making love«), was dann auf der Langspielplatte und in stereo aber ganz anders klang, nämlich so: »… we’ll be falling in love«, das ist das Jahr, als die Liebe sozusagen ihre Unschuld verlor. Doris Days Lied ist von 1963, aus dem gleichnamigen Film, in dem ihr James Garner unbeabsichtigt eine Rippe brach, die Rippe der Liebe, die die Unschuld zusammengehalten hat. Als ich den Gästen hier davon zu erzählen versuche, ernte ich nur kalte Blicke, und das spöttische Entsetzen darüber, dass hier bei ihnen einer heult, wenn mal was Sentimentales im Radio kommt. Weinen kann hier niemand mehr, ihre Seelen sind hartgeraucht, und ihre Augen erschöpft.


Manfred Gram: Trzesniewski (1010)

Uneingeschränkt für die Katerpflege zu empfehlen, ist der Trzesniewski. Seit über 100 Jahren gibt es die Wiener Brötcheninstitution bereits und ebenso lange führt der Eiaufstrich dort ein strenges Regiment. Der ist die Mutter von fast allem, was in der Kühlvitrine feilgeboten wird und hauptverantwortlich dafür, dass in der Trzesniewski-Welt Begriffe wie Cholesterinspiegel, freie Radikale oder Omega-3-Fettsäuren einfach noch nicht eingedrungen sind. Kein Detox-Nazi setzt einen Fuß in diese üble Gegend. Das trifft sich ausgezeichnet, denn der geübte Trinker weiß, dass mit Spezereien wie Ei mit Ei, Speck mit Ei, Krabbe mit Ei, Salami mit Ei, Gurke mit Ei, Pikantes Ei, Thunfisch mit Ei sich grandios Kater vertreiben lassen.
Bei mir funktioniert vorzüglich die Kombination aus Ei mit Ei, Matjes mit Zwiebeln und Pfefferoni. Ei mit Ei beruhigt den Magen. Matjes mit Zwiebel (natürlich ist auch da Ei dabei) bringt die Mundflora wieder ins Gleichgewicht, und der Pfefferoniaufstrich watscht einen munter. Das ist der lukullische Geschmacks-Soundtrack zum Wiederaufbau. Sollte das alles nichts helfen, muss man einen Pfiff Bier nachspülen. Das ist im Vergleich zu dem, was am Vortag konsumierte wurde, die lächerliche Menge von 0,125 Liter. Ein Achterl. Auf den Liter hochgerechnet, entspricht diese aberwitzige Menge nicht einmal der Getränkemehrwertsteuer von 20 Prozent. Läppisch.
Der Trzesniewski, so heißt es, habe den Pfiff erfunden. Das stimmt zwar nicht, die Maßeinheit gibt es schon länger als 111 Jahre, aber es ist auch nicht so wichtig. Erwähnenswerter ist vielmehr, dass einen beim Trzesniewski niemand deppert anschaut, wenn man sich um neun oder zehn Uhr vormittags einen dieser herzigen, kleinen Bierwichtel reinpfeift. Die Damen hinter der Theke nicht und die anderen Vormittagsgäste schon gar nicht. Die wissen nämlich, was sich gehört und sind nicht selten stolze Träger von Gesichtern, die nur Alkohol und Nikotin zu schnitzen imstande waren.

Zitate

Kurzweilig und sehr charmant beschreiben darin u.a. Clarissa Stadler, Manfred Rebhandl, Mieze Medusa, Ernst Molden oder Schmähreißer Austrofred Lieblingslokale. Eine aufschlussreiche Entdeckungsreise durchs nächtliche Wien.
Format

Lokalkolorierte Trinkerromantik beiseite: der Leser hat es bei Wien schön trinken mit einem wunderbar kurzweiligen Lesevergnügen zu tun, Liebeserklärungen an Beisln und Gasthäuser, Denkmäler für die Fortgeh-und irgendwo-picken-bleiben-Kultur, humorvoll geschrieben von Musikern/Autoren/Künstlern/anderen Berufsgruppen/bekannten Gesichtern und anderen Menschen, die es gelegentlich dürstet.
Wiener

Die Idee, ein solches Buch zu machen ist einfach nur klasse und modern.
www.fachbuchkritik.de

Kurzweilig und sehr charmant beschreiben die Autoren, darunter Austrofred, der Nino aus Wien, Robert Rotifer, die Zeit in ihrem Wiener Lieblingslokal.
Kurier

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