ca. 550 Seiten
Hardcover
erscheint im März 2017

€ 24.00

ISBN 978-3-902950-92-5

Christopher Just

Der Moddetektiv

Augustin Johnny Sandemann ist der Moddetektiv. Ein gut aussehender, amphetaminsüchtiger Privatermittler in den besten Jahren. Und Christopher Justs Roman so ziemlich das Beste, was schwungvolle, selbstironische und gigantisch unterhaltsame Literatur leisten kann.

Augustin Johnny Sandemann ist ein Privatermittler in Wien. Nach einem verstörenden Traum erwacht er schweißgebadet in seinem Büro. Das Telefon läutet. Es ist Lieutenant Tenant-Tanner, Chef des VNAPD (Vienna Police Department), der ihn um Unterstützung in einem Mordfall in der Subkulturszene bittet. Der Ermordete ist ein Mod. Alle Hinweise deuten darauf hin, dass nur ein Ted der Mörder sein kann. Zwei Tage später wird bei einem Anschlag mit einer unbekannten Superwaffe beinahe die gesamte Immobilienszene der Stadt ausgerottet. Spätestens jetzt ist dem Moddetektiv klar, dass er einer weitaus größeren Sache auf der Spur ist – kein kleiner Bandenkrieg, sondern eine Bedrohung für die ganze Welt. Und Emerald Westminster III, ein exzentrischer, superreicher Immobilientycoon, steckt in der ganzen Sache tief drin.

Christopher Justs Roman ist eines der seltenen Exemplare, die man, ist man am Ende angelangt, sofort wieder von vorne beginnen möchte. Sein Ins-Absurde-Führen von Genres und Klischees sucht seinesgleichen. Und sprachlich wird hier nicht gekleckert, sondern geklotzt. Ein Riesenlesevergnügen, man kann es nicht oft genug betonen.

»Whooooooo« krähend, fuhr der Moddetektiv aus einem schon hunderte Male durchlebten, immer an derselben Stelle endenden Traum hoch und fand sich auf der Couch seines Moddetektiv-Office wieder, wo er, wie schon so oft, die Nacht verbracht hatte. Nun war es früher Vormittag, und es war einer dieser Sommertage, wo es schon am Morgen so heiß war, wie es später auch sein würde, nur wäre es dann schon Mittag oder Nachmittag, aber jetzt war es erst Vormittag, und die Sonne brannte bereits erbärmlich beim Fenster herein, da halfen auch die letzten drei verbliebenen Dings der nachlässig heruntergelassenen, ausgeblichenen Jalousien nicht.
Zu später Stunde war noch sein alter Kumpel Gaylord Shydare vorbeigekommen und gemeinsam hatten sie etliche Pints des Moddrinks Shandy Cola gekippt. Und Drogentabletten hatten sie auch noch gegessen, jedenfalls: war es verdammt spät geworden …
»Shit!«, fluchte der Moddetektiv, als er bei dem Versuch, sich langsam von der Bürocouch zu rollen, mit seinem burlingtonbesockten Fuß auf einem Stück Fish & Chips vom Vorabend ausrutschte und der Länge nach auf dem dreckigen Boden des Moddetektiv-Office aufschlug. In seinem Kopf heulten zwanzig Presslufthämmer gleichzeitig auf, während Millionen von Staubpartikeln im gleißenden Sonnenlicht aufstoben, um an überquellenden Aschenbechern und leeren Bierdosen vorbei durch den stickigen Raum zu tanzen, bis sie sich schließlich auf dem Big Ben, einer typischen Londoner Telefonzelle oder sonst einem der zahllosen unnützen Scheißdrecke in Miniaturformat, die sich im Laufe der Jahre im Moddetektiv-Office angesammelt hatten, niederließen.
Während der Moddetektiv darüber nachdachte, wie groß wohl die Wahrscheinlichkeit war, dass ein Staubkorn wieder auf exakt denselben Platz herabsegeln würde, von dem es zuvor hochgewirbelt worden war, fischte er sich mit fahrigen Fingern die letzte Rothmans aus dem zerknüllten Päckchen in seiner Brusttasche und betrachtete, indes die dünne Tabakstange mit einem Feuerzeug, auf dem ein Bild des Paddington-Bärs eingraviert war, entfachend, sein zerrüttetes Ebenbild im Spiegel.
Das verwurschtelte Hemd hing ihm wirr zur Hose heraus, darüber baumelte die weit gelockerte Krawatte mit dem »The Jam«-Aufdruck, und genau auf dem »A« klebte – Mann, was für eine Ironie! – ein Marmeladefleck.
Sie hatten sich also auch noch Palatschinken gemacht gestern Nacht, Gaylord Shydare und er, hier, im Moddetektiv-Office, mitten im Soho von Wien – denn so lautete die unter Insidern hinter vorgehaltener Hand geflüsterte Bezeichnung dieses abgedrehten Stadtviertels, dachte sich der Moddetektiv leise wissend. Verdammtes Shandy Cola, er konnte sich nicht mehr daran erinnern. Oder vielleicht wollte er sich auch nicht mehr daran erinnern? Who knows …
Sein Hair-Style war arg cramped, die Koteletten standen bizarr, nahezu im rechten Winkel von seinen bereits grau melierten Schläfen ab, deren post-juvenile Präsenz seiner gereiften Männlichkeit und dem daraus resultierenden Erfolg bei Frauen bei Weitem mehr als nur ausgesprochen zuträglich war, und die mühselig an der Stirn eingebrannte Haarblume hing ihm nun traurig und welk aufs Hirn. Er würde den French Haircut waschen und komplett neu aufföhnen müssen, denn so unsmart konnte er sich keinesfalls auf die Straße begeben. Und das alles mit diesen verdammten, hämmernden Kopfschmerzen!
Der Moddetektiv (er hieß in echt übrigens Augustin Johnny Sandemann, aber alle kannten ihn nur unter dem Namen »Der Moddetektiv«) schleppte sich fluchend in die Waschecke und genau in dem Moment, als er sich gerade die Haare nass gemacht hatte – das musste ja so kommen –, schrillte das Moddetektiv-Telefon!
»Who the fuck«, zischte der Moddetektiv zwischen den Zähnen heraus und hastete mit klatschnass tropfenden Haaren ziemlich unsmart zum Schreibtisch, um sich den Hörer von der Gabel zu angeln und dem Anrufer ein raues »Wer stört?« entgegenzustoßen. Und auch wenn es vielleicht wie eine Frage geklungen hatte, gemeint war es als knallharte Beleidigung! Ihm war sofort klar, wen er da am Apparat hatte – nämlich Lieutenant Tenant-Tanner –, als eine gequetschte Stimme am anderen Ende der Leitung gequält quengelte: «Moddetektiv – wir haben einen Auftrag für Sie!«
Der Moddetektiv ließ sich ein paar Minuten Zeit, dann entgegnete er: »Lou (das war der Vorname Tenant-Tanners), warum rufen Sie immer mich an, statt Ihre Fälle selber zu lösen?«
»Moddetektiv, es handelt sich um einen Mord in der Szene, eine knifflige Sache, Sie sind der Einzige, der den Fall vielleicht lösen kann, wir brauchen Sie!«
»Okay, geben Sie mir die Adresse«, sagte der Moddetektiv und notierte mit einem Kugelschreiber, in den das Porträt der minderjährigen Queen eingraviert war, auf einem Prinz-Charles-ohrenförmigen Block die Adresse, die ihm Lieutenant Lou Tenant-Tanner buchstabierte: »Naomi – Aylin – Ucke – Bono – Eowin, noch mal Ucke – Ghane – Alfhild – Sabathea – Sabathea – Eberharda. Dann: Robin – Ildefons – Elias – Dagita.«
Der Moddetektiv blickte auf den Block: Naubeugasse Ried. Doch er wusste von Tenant-Tanners legasthenischer Schwäche und brauchte nur ein paar Buchstaben zu verdrehen, dann hatte er die richtige Adresse: Neubaugasse Drei.
Er pfiff leise durch die Zähne, so als ob er die Anschrift gut kannte – und ja, Mann, er kannte sie verdammt gut! Es war das »Scooterboy Inn«, ein Mod-Club allerersten Ranges.
»Gut, Lou, sagen Sie Ihren Männern, sie sollen nichts anrühren, ich bin in zwanzig Minuten da«, dann knallte er den Hörer zurück zwischen die bereitwillig gespreizten Bakelitschenkel seiner gabeligen Schlafstätte. Um in Fahrt zu kommen, warf er erst mal Purple Heart auf den Frühstücks- und eine Scheibe auf den Plattenteller. Es waren The Sons Of A Mod mit dem Food-Good-Song:

Food ease good when its teencane, Dude,
food is base Sir, when its gray Sir,
yeah, yeah, yeah …

Zehn Minuten später stand er mit neu gestyltem French Cut wieder vor dem Spiegel, und im Office roch es nach verbranntem Fett, denn der Moddetektiv hatte sich die Haare vor dem Föhnen nur nass gemacht. Ohne Shampoo, weil erstens hatte er gar kein Shampoo im Office, und zweitens gelang das Föhnen der Frisur besser, wenn die Haare schon ein paar Tage fett waren. Im Kasten hatte er noch einen Ersatzanzug hängen, und der kam ihm jetzt wie gerufen, denn: Er zog ihn an.

Zitate

Wer alles liest, vergisst, was er gelesen hat. Weniger lesen erhöht die Chance des Erinnerns. Wer nur ein Buch liest, z. B. das von Christopher Just, wird es nicht vergessen.
Peter Weibel, Medientheoretiker

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