200 Seiten
Hardcover

€ 20.00

ISBN 978-3-902950-93-2

Peter Waldeck

Die 67 enttäuschendsten Sexfilme aller Zeiten

Ein allseits beliebter Schriftsteller und Medienphilosoph wird eingeladen, eine Kolumne über Sexfilme zu verfassen. Aus dem erwarteten Voyeurismus für die hungrigen Massen wird aber nichts, denn die Kolumne wird persönlicher als erwünscht. Ein hochintelligenter Roman von Peter Waldeck.

Bruno Maria Haussmann, ein bekannter Schriftsteller und Connaisseur von Pornofilmen, schreibt für das VICE-Magazin eine Kolumne über die 100 enttäuschendsten Sexfilme aller Zeiten. Doch sehr zum Horror des Chefredakteurs, der ihm freie Hand gewährt hat, verlassen Haussmanns Kolumnen alsbald das erwünschte exhibitionistische Terrain und persönliche Gedanken und Erlebnisse greifen Platz. Haussmann verliert sich in Erinnerungen an sein Leben und Notizen über seinen Freund, den erfolglosen Philosophen Franz Sebastian Scheck, und dessen verzweifelte Versuche, wieder an Ruhm, Erfolg und Reichtum zu gelangen.

Klug, hellwach und ironisch pointiert erzählt Waldeck von ausgedienten schwedischen Pornodarstellern, tollpatschigem Slapstick-Sex, von Verdrängungskampf und Modernisierungsverlust, emotionalem Verrat an Freund und Hund sowie über das sagenumwobene 22 Stunden andauernde Sextape von Wladimir Putin. Am Ende bleibt dem Schriftsteller Haussmann nur eines: die Freude am neuen Haustier.

Das Telefon klingelte.
Marvin Latsko war am Apparat. Er wolle sich mit mir treffen, wenn möglich gleich.
Dann stand er vor der Tür.
Er wirkte verstört, bleich. Er schlotterte, als er sich die Zigarette anzündete. Immer wieder blickte er eingeschüchtert zu mir, ob ich sie ihm wieder aus der Hand schlagen würde.
„Ich habe mich da wirklich weit aus dem Fenster gelehnt, Bruno, aber du deliverst einfach nicht. Was soll ich bloß machen? Das Zielgruppen-Targeting bricht zusammen. Die Clicks waren am Anfang sehr gut, nicht sensationell, also nicht wie unsere Moneyboy-Serie, aber doch nicht so schlecht. Das hätte was werden können. Jetzt sind die Quoten auf stabilem Niveau. Zwar prinzipiell nicht so schlecht, aber wir haben die User getrackt und die sind alle zu alt. Was sollen wir denen denn verkaufen? Heizdecken?“
„Eine geheizte Decke ist doch etwas Schönes. Da muss man sich doch nicht drüber lustig machen.“
„Ich weiß schon, dass ich dir nicht drohen kann, aber das will ich auch nicht. Ich bin gekommen, um dich anzubetteln. Um zu weinen.“
Das arme Kind. Es dachte wohl, weil ich mich von Franz gerne erweichen lasse, sei Jammern mein wunder Punkt. Aber das stimmte so nicht. Ich helfe ungern aus. Die Menschen sind anstrengend genug und eine echte nachhaltige Lebenshilfe war ein Aufwand, den ich einfach nicht zu
leisten gewillt war. Mit Franz war das eine ganz andere Sache. Wir hatten eine Geschichte
zusammen und ich wollte wissen, wie es weitergeht.
„Ich verstehe einfach nicht, warum du den Leser immer noch siezt. Wir hatten das doch besprochen! Du generierst keinen Werbekuchen. Dein Werbekuchen schmeckt nicht. Niemand will von deinem Werbekuchen essen. Ich war ein aufstrebender Star. Der Crazy Marvin mit seinem
verrückten Riecher. Der weiß, wie die Jugend tickt, der weiß, wie die Jugend klickt. Aber Nikey grüßt mich nicht mehr am Gang. Wir haben uns immer die schlaffesten High-Fives gegeben.
Es war ein Joke zwischen uns. So ein Joke zwischen uns. Diese schlaffen High-Fives. Ich habe doch nichts anderes, ich habe nichts anderes gelernt, ich habe nichts, wo ich hinwechseln kann,
es gibt doch nichts.“
„Ihr macht immer das, was man von euch verlangt. Das ist das Problem.“
„Hä? Aber der Westen ...“
„Du hast Glück. Nächste Woche kommt eine knackige Geschichte, an der ich schon seit längerem recherchiere. Sie ist voll mit wildem Sex, mit Abenteuer, mit dem Geruch der Verruchten. Da wird ordentlich zur Sache gegangen. Die Millenials werden es klicken wie die Verrückten. Es ist ein Klick-Köder, der schmeckt. Das wollt ihr doch immer.“
Marvins Gesicht hellte sich zögerlich auf.
„Ist die Geschichte sexy, aber auch ironisch?“
„Die ist sehr sexy und verdammt ironisch!“
„Das ist gut“, Marvin atmete erleichtert auf. „Und ist sie auch kurz und knackig? Die langen Geschichten gehen irgendwie nicht so gut, du weißt schon, Too Long too read und so.“
„Die Geschichte ist sogar superkurz!“
Um mich versöhnlich zu zeigen, hielt ich ihm meine Hand hin, zum High-Five, zum superschlappen High-Five, doch als Marvin einschlug, schloss sich bereits die Haustüre hinter mir und ich begab mich die Stiegen hinauf, zu meiner Wohnung, zu meinem Hund, der mich liebte, meinem Fernseher und meinen warmen Socken.

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