208 Seiten
Hardcover

€ 23.00

ISBN 978-3-903184-04-6

Liane Locker

REBERG

Schreibt voneinander ab, aber so, dass es nicht auffällt … Professor Stefan Reberg unterbreitet einer Schulklasse ein unmoralisches Angebot und tritt damit eine tödliche Lawine von Ereignissen los. Ein moderner Schulroman, der einmal mehr deutlich macht, woran das System Schule und somit auch unsere Gesellschaft krankt.

Stefan Reberg, Professor für Deutsch und Latein, bricht im laufenden Schuljahr während seiner Aufsicht bei der Mathematikschularbeit in der Maturaklasse ein Lehrergesetz, wird zum Verbündeten der Schülerinnen und Schüler – und erschießt sich am selben Abend in seinem Arbeitszimmer.
Zwei Wochen später wird dem Klassenvorstand und Mathematikprofessor Joachim Beltzer zugetragen, was während der Schularbeit passiert ist, und eine bürokratische Maschinerie setzt sich in Gang: Direktor, Landesschulrat, Elternabend, Presse. Der Selbstmord Rebergs zieht seine Kreise, nicht nur was dessen eigene Diffamierung betrifft.
Joachim, Stefans Freund, beginnt zu recherchieren. Während des restlichen Schuljahres erlebt er nicht nur an sich selbst, sondern auch an seiner Klasse – besonders an den Schülern Tom und Eva – die Auswirkungen von Stefans Tod.
Parallel dazu erfährt der Leser die Wahrheit – in Form eines Tagebuchs, das Stefan Reberg verfasst hat und das Joachim am Ende des Schuljahres in seinen Unterlagen finden wird. Eine Wahrheit, die über das Lehrer-Sein hinausgeht und die jeden betreffen kann.

„Ich bin immer noch der Schüler Gerber, Joachim.“

Stefan Reberg starb an einem Dienstag.
Joachim wusste das so genau, weil er ursprünglich die dreistündige Schularbeit in der 8A für einen Montag vorgesehen hatte, was aber undurchführbar gewesen war, weil davor zu viele Tage frei waren und es laut Gesetz nach mehr als drei freien Tagen nicht erlaubt war, Schularbeiten abzuhalten. Oder Tests. Oder schriftliche Wiederholungen. Nein, stopp, schriftliche Wiederholungen schon. Oder doch nicht?
Joachim hätte jetzt nicht darauf schwören können, ob schriftliche Wiederholungen nach drei unterrichtsfreien Tagen erlaubt waren, da hätte er in seinem Handbuch nachsehen müssen. Das bekam man jedes Jahr am Schulanfang von der Gewerkschaft, oder vielleicht war es auch nicht die Gewerkschaft, egal, Hauptsache, es lag am Schulanfang dort, wo es immer gelegen hatte, all die zwanzig Jahre, die Joachim als Professor Beltzer jetzt schon unterrichtete. Sollte man das Handbuch benötigen, erwies es sich mittels Kalender, wichtiger Gesetzesvorlagen und schon vorgestrichelter Notenblätter als praktische Hilfe für jeden Lehrer. Wobei diese Notenblätter nichts mit Musik zu tun haben, nein, diese Notenblätter sind Seiten, auf die man die Namen der Schüler und Schülerinnen einträgt, untereinander. Oder mit einem Abstand von 3-4 cm. Damit viel Platz für die Aufzeichnungen bleibt.
Der Lehrer sollte ja jede Stunde Aufzeichnungen machen.
Am besten über jeden Schüler, jede Schülerin.
Was und wann er etwas gesagt hat. Oder sie.
Und wann oder was er oder sie nichts gesagt hat.
Was ja eigentlich im Schnitt viel öfter vorkommt.
Diese Aufzeichnungen sind dann am Ende des Semesters und des Schuljahres wichtig für die Note. Für die gerechte Note.
Einfach so aus dem Bauch heraus geht das nämlich nicht. Denn sollten Eltern kommen und Einspruch erheben, was Eltern schon seit längerem dem Gesetz nach dürfen, dann muss alles belegt sein. Hausübungen, Wiederholungen, sei es mündlich oder schriftlich, Mitarbeit, sei sie mündlich oder schriftlich, Schularbeiten. Aus diesem Zweck ist es auch ratsam, alles über einen längeren Zeitraum aufzuheben, am besten von jedem Schüler und mindestens ein Jahr, was sich natürlich summiert, deswegen brauchen Lehrer große Wohnungen mit großen Arbeitszimmern.

Joachim wusste also genau, dass Stefan an einem Dienstag gestorben war.
Am Dienstag war die Schularbeit in der 8A gewesen, die Joachim vom Montag auf den Dienstag verschieben hatte müssen und zwar nachdem er sie schon im Schularbeitenkalender eingetragen hatte. Das war unangenehm. Normalerweise wird das auch nicht gerne gesehen, wenn man etwas verschiebt, aber in diesem Fall, da es nur ein Tag war, geschah es ohne viel Aufhebens. Joachim hatte also diese Mathematikschularbeit in der 8A – übrigens eine miserable Mathematikklasse, in der er auch Klassenvorstand war –, und die war dreistündig. Stefan war zwar kein Mathematiker, aber er unterrichtete Deutsch in der 8A und die zweite Stunde der Mathematikschularbeit fiel in diese Deutschstunde und aus diesem Grund hielt Stefan die Aufsicht.
Warum Joachim diesen Dienstag noch in Erinnerung hatte, war, weil sich der leidige Vorfall, der so große Wellen schlagen und keinen Stein auf dem anderen lassen sollte, weil sich also jener Vorfall während der Mathematikschularbeit, genauer, während der zweiten Stunde, in der Stefan supplierte, ereignete. Joachim erfuhr erst zwei Wochen später davon, Stefan war schon unter der Erde, da erschien ein Schüler aus der 8A bei Joachim, in der Pause stand er an der Tür des Konferenzzimmers, und stahl einem Kollegen seine Zeit, indem er Herrn Professor Beltzer verlangte, der in diesem Moment versuchte, seinen Vorrat an mitgebrachter Jause in den zehn Minuten, die ihm zur Verfügung standen – fünf der insgesamt fünfzehn waren verstrichen, ungenützt sozusagen, verloren gegangen auf dem Weg von der Klasse in das Konferenzzimmer und beim unerlässlichen Besuch der Toilette –, so einzuteilen und zu sich zu nehmen, dass er nicht wieder dieses entsetzliche Magendrücken bekam, das ihn phasenweise quälte.
»Joachim?«
Er antwortete mit vollem Mund. »Ja?«
»Ein Schüler, draußen, für dich. Aus der 8A, glaub ich.«
»Ph.« Das hieß: Muss das jetzt sein? Joachim sprach es nicht aus.
»Sieht dringend aus.«
Das war der Kollege. Ein junger. Einer von den Unterrichtspraktikanten. Seinen Namen wusste Joachim nicht. Das heißt, er hatte ihn am Anfang des Schuljahres kurz gewusst, dann aber wieder vergessen. Praktikanten kamen und gingen. Sich ihre Namen zu merken, war für ein von Schülernamen malträtiertes Lehrerhirn purer Luxus.
»Soll ich ihm ausrichten, dass du keine Zeit hast?«
Per Du waren sie alle. Namen hin oder her.
Joachim schluckte. Der hatte leicht reden.
»Ich komm schon.«
Er erhob sich, schleppte sich nach draußen. Sein Magen begann zu drücken.
Vor der Konferenzzimmertür stand Tom. Achtzehn. Ziemlich groß, schlaksig. Das blonde Haar kurz geschnitten, wache, kluge Augen. »Herr Professor?«
»Was gibt’s, Tom?«
»Ich muss mit Ihnen reden. Dringend.«
Joachim kaute noch. Schmeckte aber nichts mehr. Einige Kollegen wollten an den beiden vorbei. Joachim ging ein paar Schritte auf den Gang hinaus, zog Tom mit sich.
»Es ist wegen dem Reberg, ich meine, wegen Herrn Professor Reberg«, sagte Tom, als sie stehen blieben. Er sah Joachim ernst an und schien nicht sonderlich aufgeregt zu sein.

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