176 Seiten
Hardcover
Erscheint 5. März 2018

€ 21.00

ISBN 978-3-903184-17-6

Peter Draxl

PAPA PEINLICH

Als nicht ganz alltäglicher Vater erlebt man mit seiner allerliebsten Tochter viele peinliche, lustige und schräge Momente. Hier eine Sammlung aus Kurzgeschichten, die das Leben schreibt. Mit Witz, Charme und Selbstironie.

Peter Draxl hat eine 15-jährige Tochter, die Eltern leben getrennt. Der „alte Sack“, der viel zu schnelle Musik hört, ein viel zu lautes Motorrad fährt und sich oft gar nicht wie ein erwachsener Mensch benimmt, erlebt so allerlei mit seinem wohlerzogenen Kinde. Egal ob bei Ausflügen, gemeinsamen Unternehmungen, im Urlaub, im Freibad, bei festlichen Anlässen, Konzert- oder Kinobesuchen, oder einfach nur im alltäglichen Haushaltswahnsinn – irgendetwas geht immer schief. Oft nur kleine, wunderbare Hoppalas, die jeder aus seinem eigenen Leben kennt, manchmal aber auch ziemlich gewaltige Pannen. Denn wir wissen: Die Pubertät setzt dann ein, wenn die Eltern schwierig werden.


„Kindergeburtstag. Mein Kind schiebt einen Stuhl in die Mitte des Raums. Scheinbar hat sie etwas zu sagen. Es wird stiller. All eyes on her. Sie klettert auf den Stuhl, mit einem Zettel in der Hand, dem Selbstbewusstsein von Dwight D. Eisenhower und beginnt mit einem „Bitte alle mal herhören.“ Alle Selbstmord oder Fluchtgedanken weichen brennender Neugier. Was bitte hat dieser Stoppel jetzt vor? „Also, ich hab hier eine Liste vorbereitet und erzähle euch jetzt, wen ich mag, wen ich nicht mag, und wen ich ganz besonders mag.“ (Aus: Kindergeburtstag Desert Storm)

Kindergeburtstag Desert Storm

Man fragt sich, was einem lieber ist. Einen Kindergeburtstag durchzustehen oder in den Irak einberufen zu werden, um Kuwait zu retten. Ich kann mich ernsthaft nicht entscheiden.

Drehen wir das Rad der Zeit doch ein wenig zurück und den Spieß um. Es gibt auch Momente im Leben eines Vaters, wo nicht ER ein Glanzstück zum Gaudium oder Entsetzen seines Nachwuchses hinlegt, sondern wo das Töchterlein aufzeigt und sich binnen weniger Sekunden disqualifiziert. Und zwar radikal.
Kindergeburtstag.
Wer kennt das nicht? Die Einladungsliste ist elendiglich lang, die ganze Schule muss kommen, nein, der ganze Bezirk, es wird runtergestrichen, zusammengestrichen, diskutiert, gemault, verhandelt. Was tun mit den Eltern? Manche liefern ihren Balg nur ab, manche wollen dableiben, wer bleibt, wer geht? Man weiß es nicht, muss aber vollständig vorbereitet sein.
Getränke, Essen, Wegwerfgeschirr, keine spitzen Gegenstände, Haustiere in Sicherheit gebracht, bunte Girlanden, Luftballons, die Wohnung komplett umgeräumt, um eine Mischung aus Heurigenbuffet und Kinderspielplatz zu errichten. Die Nerven liegen blank. Vor meinem geistigen Auge tauchen Horden randalierender Kinder auf, die eine Schneise der Verwüstung durch die gesamte Behausung ziehen.
Darauf ein Fläschlein Bachblütentropfen, weg mit der Pipette, ex rein damit. Die Wirkung ist etwas kärglich, aber spürbar.
Es klingelt. Es geht los, die Ersten treffen ein. Es klingelt andauernd, es hört nicht mehr auf zu klingeln, warum hält sich denn keiner an die Uhrzeit auf der Einladung, sie strömen in Massen zur Geburtstagsparty, und die meisten der Eltern wollen auch noch bleiben. Bitte, wo sind die Bachblütendragees? Ich hab doch noch welche!
Man labt sich an Schnitzel, Frankfurter, Weißbrot, an Säften und Wasser. Die Geräuschkulisse ist ohrenbetäubend, ein Rammstein-Konzert ist angenehmer. Die Kinder fetzen durch alle Räume, wo sie keinen Zutritt haben, die Erwachsenen unterhalten sich, und ich will bitte jetzt und gleich in den Golf einberufen werden. Ruhe, Frieden (?), Wüste. Auch wenn ich mit einem Hammer Landminen entschärfen muss, bitte holt mich gleich einer ab.
Der Gabentisch quillt über vor lauter Mitbringsel, die kein Mensch braucht, es ist alles zu viel, im Hintergrund plärrt noch der CD-Spieler irgendwelche stumpfsinnigen Kinderlieder mit ewig gleichen Reimen und Refrains, doch bevor ich endgültig zum Handy greife und die US Navy Seals um Rekrutierung bitte, passiert etwas Wunderbares. Etwas Einzigartiges.
Mein Kind schiebt einen Stuhl in die Mitte des Raums. Schein-bar hat sie etwas zu sagen. Es wird still. All eyes on her. Sie klettert auf den Stuhl, mit einem Zettel in der Hand, dem Selbstbewusstsein von Dwight D. Eisenhower und beginnt mit einem: »Bitte, alle mal herhören!«
Alle Selbstmord- oder Fluchtgedanken weichen brennender Neugier. Was bitte hat dieser Stoppel jetzt vor?
»Also, ich hab hier eine Liste vorbereitet und erzähle euch jetzt, wen ich mag, wen ich nicht mag, und wen ich ganz besonders mag …«
In diesem Moment einen Schluck vom O-Saft zu nehmen, ist keine gute Idee, ich verschlucke mich, ich ersticke fast daran, ich pruste das Gebräu lautstark auf die Wand hinter mir. Ernst jetzt?
Ja.
Sie zieht das durch und liest mit der Ruhe einer Literatin ihre Like- und Unlike-Liste vor. Als ich wieder halbwegs Luft bekomme, beginne ich schallend zu lachen, die vorher aufgestaute Anspannung potenziert sich zu fassungsloser Hysterie, kann bitte jemand »Klappe, Take im Kasten« rufen? Die Coen-Brüder zum Beispiel wären jetzt passend.
Am Ende ihrer Liste steigt sie selbstbewusst von ihrem Sesselthron und tut auf völlig normal. Es ist leise geworden. Um nicht zu sagen gespenstisch ruhig. Nur langsam setzen wieder zag-hafte Gespräche ein, die Verwunderung ob dieses meisterhaften Kommuniqués ist den Gästen mit Hammer und Meißel ins Gesicht gehauen. Das Geburtstagskind beginnt zu erkennen, dass vielleicht irgendetwas nicht stimmen könnte. Ich gehe sanft zu ihr hinüber und bringe mich auf Augenhöhe.
»Kind, das kannst du doch nicht machen, das ist doch urpeinlich, du kannst doch nicht deine geladenen Gäste öffentlich hinrichten.«
Ich ernte ein Nasenrümpfen gepaart mit einem aufblitzenden Funken der Erkenntnis in diesem kleinen Gesicht.
»Das Einzige, was peinlich ist, ist, dass DU die Wand angespuckt hast.«
Sie dreht mir den Rücken zu und fort ist sie. Sind wir quitt? Nein, ich glaube nicht. Zwischen sich verschlucken mit einer nachfolgenden kleinen O-Saft-Explosion und einer öffentlichen Anprangerung ist ein feiner Unterschied. Aber Respekt, kleines Fräulein, diesen Mut wünschte ich mir bei so mancher Parlamentssitzung.

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