272 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag

€ 24.00

ISBN 978-3-903184-33-6

Andreas Kump

ÜBER VIERZIG

Alt werden und dabei jung bleiben – wer wünscht sich das nicht? In Andreas Kumps kraftvollem Debütroman erleben wir fünf Menschen an einem brütend heißen Tag im Hochsommer, an dem auch die Fragen des Älterwerdens hochkochen. Eine spontane Reise in die Vergangenheit lässt den Glauben an die Zukunft wieder erstarken.

Ein Hochsommertag mit 40 Grad. Fünf Menschen, alle über oder kurz vor 40, stehen entscheidende Stunden bevor. In Wien ist Roland, 45, trotz Hitze und drohender Panikattacken quer durch die Stadt unterwegs, um Versäumnisse wiedergutzumachen. Seine Frau Mona, 39, hadert bei der Arbeit im Copyshop mit ihrem Selbstbild als Künstlerin. Die Grafikdesignerin Pia, 40, kämpft mit dem Alter und schwindenden Karrierechancen.
Aber auch in Linz wird geschwitzt – Tommi, 48, lebt dort von seiner Muskelkraft. Er ist Schuldeneintreiber. Nun holt ihn seine Vergangenheit als Hooligan ein. Lesbos war mal der größte Star des Linzer Undergrounds. Damals, als noch Häuser besetzt und Klassenfeinde verachtet wurden. Nun will es der alte Revolutionär und Womanizer noch einmal wissen.

Andreas Kumps origineller Gegenwartsroman behandelt mit Wortwitz und Ehrlichkeit ein Thema, das uns alle betrifft: den Tag, an dem man bemerkt, dass die Zeit knapper wird. Und man sich panisch fragt: Wo sind die Jahre hin? Und, verdammt, ist das schon alles gewesen?

„Überhaupt schien ihm nach seiner jüngsten Erfahrung das Leben keine große Sache zu sein. Im Grunde nur ein Bindestrich zwischen zwei Jahreszahlen. Und das war das eigentlich Neue dieses Sommers – dass er sich dieses pfeilgeraden, sehr kurzen Bindestrichs bewusst geworden war.“

Lesbos sah dem neuen Schankburschen beim Arbeiten zu. Anders gesagt, er beobachtete ihn dabei, wie er hinter der Bar lehnte und flink auf einem Smartphone herumwischte. Das schnelle Spiel der Finger erinnerte Lesbos an einen Artikel in einer stadtplangroßen deutschen Tageszeitung. Darin hatte er kürzlich gelesen, der Homo sapiens sei mit Sicherheit nicht der letzte seiner Art. Sobald sich
Lebewesen neuen Bedingungen anpassen müssten, entwickelten sie sich rasch weiter. Die menschliche Gattungsentwicklung schritt also immer noch voran. An genau diese Sätze musste er jetzt zwangsläufig denken. Denn im Gegensatz zu ihm machte dem Youngster die Hitze im Lokal überhaupt nichts aus. Er transpirierte kein bisschen. Wahrscheinlich ist das hier schon eines unserer Nachfolgemodelle, dachte Lesbos. Serienmäßig bereits auf den Klimawandel ausgelegt. Die Kühlung funktionierte bei dem neuen Typus Mensch eindeutig besser. Auch das Hirn schien anders zu arbeiten. Es schien bereits für die Benutzung technischer Kommunikationsgeräte umprogrammiert. Das Streicheln, Patschen, Wischen und Drücken geschah in fließenden Bewegungen.
Ich war selbst mal jung, dachte Lesbos. Aber ich war nicht so ferngesteuert wie der Kerl da. Ich hatte Stacheln auf dem Kopf, in allen Farben, um mich gegen den vorbestimmten Mist zu wehren. Mich beschäftigten schon mit vierzehn die großen Fragen des Lebens. Wie bringt man ein Vakuum zum Verschwinden? Wann habe ich das Geld für den ersten London-Trip zusammen? Wo bekomme ich in dieser elenden Stadt eine vernünftige E-Gitarre her? Das waren die entscheidenden Aufgabenstellungen damals. Im Grunde waren wir privilegiert. Von der Zeit und der Unterversorgung. Hier gab es vor uns ja nichts. Wir konnten Pioniere sein. Als Pioniere mussten wir Züge nehmen, mit der Fähre über den Ärmelkanal setzen, um vom Fleck zu kommen, entfernungstechnisch und geistig, romantisierte er in der Hitze des Lokals fort. Es gab erst Schwellen und dann Wege, die es zu finden und auf sich zu nehmen galt, Distanzen und dahinter eine Ferne, nach der man sich sehnen konnte, weil nur eine vage Vorstellung davon existierte. Geografie galt damals noch etwas. Mobile Kommunikationsmittel und Computer existierten nur in Science-Fiction-Filmen. Auf Knopfdruck flog uns gar nichts zu. Für Botschaften aus fremden Universen mussten wir geduldig auf den Briefträger warten. Wir bekamen auch sonst nichts geschenkt. Wir mussten uns alles selbst aneignen, uns gegen jede Menge Idioten behaupten.
Zuspätgeborene kennen das alles leider nicht mehr, sinnierte Lesbos. Zum Teil ist das unsere eigene Schuld. Wir haben das verursacht. Wir haben ihre natürlichen Feinde ausgerottet. Indem wir nicht zu den Vierzig- und Fünfzigjährigen wurden, mit denen wir selbst einst konfrontiert waren. Autoritäre Spießer, Nazis, Kapitalisten. Das hat fatale Auswirkungen. Nicht für uns, aber für Kerle wie den da. Man sieht das doch: Ohne natürliche Feinde verkümmern die Instinkte. Wenn du den scharf anhustest, fällt er um. Bis der begreift, dass er mit seinem Dauergesurfe einzig den Algofaschisten aus dem Silicon Valley ins Messer läuft, ist sowieso alles zu spät. Vielleicht ist das aber zu pessimistisch gedacht, überlegte Lesbos. Konnte es sein, dass er den hitzeresistenten Handykindern unrecht tat? Sah oder verstand er ihren Auftrag einfach nicht? Möglicherweise führte ja eine junge Generation den Aufstand mit anderen Mitteln als den seinen fort. Und war Vicky nicht ohnehin die lebendige Antithese zu seinem Blues?
Vielleicht war doch nicht alles umsonst, hoffte Lesbos. Das Hausbesetzen, die Prügeleien mit den Bullen, die Vorstrafen, die verrutschten Bandscheiben vom Verstärkerschleppen, die Tausenden Kilometer im Bandbus, das Klebstoffschnüffeln.
So viele Scharmützel mit dem Imperium. So viele an Zirrhose, Aids oder an die Bürgerlichkeit verlorene Gefährten. Der Geist unserer Jugendtage kann doch nicht spurlos verschwunden sein. Vielleicht ist unser Schweiß in ein uneinsehbares Loch gesickert, wo er jetzt vor sich hingärt, um irgendwann zu explodieren.
Mal hören, was die Zukunft der Menschheit dazu zu sagen hat. Und weit wichtiger: Ob sie auch weiß, wo Vicky steckt.
Lesbos räusperte sich. »Wie heißt du eigentlich?«, fragte er über die Bar. Es sollte harmlos klingen, tat es aber nicht.
»Baldur«, sagte die Zukunft zögerlich.

Zitate

Andreas Kump hat seinen Vierziger schon hinter sich und versuchte als Sänger und Texter von Shy lange deutsche Texte, klassische Slackerhaltung und den englischen Popbegriff zu vereinen – und trotzdem immer in seiner Heimatstadt Linz verortet zu bleiben. Als echtes Stahlstadtkind hielten Shy den klassischen Willi-Warma-Somg am Leben und schufen große Songs und Beinahe-Hits wie „Neben den Schuhen“. 2004 erschien in der Spätphase der Band die CD „35 Sommer“. Der Titelsong feierte noch das unbeschwerte Leben und blickte mit Kraft und Freude der Zukunft entgegen. „Über 40“ ist jetzt quasi die Fortsetzung dieses Songs in Romanform, und die Vorzeichen haben sich wesentlich geändert. An einem glühend heißen Sommertag begleitet der Autor seine fünf Protagonisten durch ihren Tag. Da ist einmal Roland, der EDVler der ersten Stunde, der nach Panikattacken schon Monate im Krankenstand ist und seinen Hang zur Prokrastination auslebt, seine Frau Mona, die nach dem Kunststudium als großes Talent galt, aber schon viel zu lange im Copyshop arbeitet, ihre Beziehung zu Roland in Frage stellt und den gemeinsamen Sohn versorgt, dann Tommi, der Geldeintreiber und Nebenerwerbsdealer, der merkt, dass die körperliche Überlegenheit, die er in seinem Geschäft braucht, dem Ende zugeht und dessen jugendliche Leidenschaft für Blau-Weiß Linz schwindet, Pia, die eine Karriere in der Werbebranche hingelegt hat, zum Workoholic wurde und sich als Frau der Gefahr der jungen Kolleginnen mit noch strafferer Haut bewusst ist, und Lesbos, der in seiner Jugend als Sänger einer legendären Band zum Lokalheroen wurde und seit Jahrzehnten dem Müßiggang und dem Biertrinken frönt, aber der Idee einer einmaligen Reunion der Band nicht abgeneigt ist, da eine fette Gage winkt.
Kump hält Distanz zu den Figuren in dieser Versuchsanordnung und wertet die Wohlstandsprobleme und Lebenssituationen in keiner Zeile. Obwohl er selbst seit vielen Jahren als Werbetexter arbeitet, bliebt seine Quasikollegin Pia ein oberflächliches Rätsel, während der Tag mit Tommi zu einem saftigen dreidimensionalen Lesevergnügen wird, in dem Themen wie Ehre und Liebe zum Fußball, zu seinem Verein und die damit verbundenen Verpflichtungen zur Selbstverständlichkeit werden.
Auch die nur skizzierte Beziehung zu seiner Freundin ist von einer wunderbaren Klarheit, die ihn von den dahinschlurfenden Bobos abhebt.
Mit „Über 40“ zeigt Andreas Kump Schlaglichter einer Generation, die dem Scheitern ins Auge schauen muss, und lernt, dass es immer im Leben um Momente geht, die selbst erkämpft werden müssen. Er ersucht seine Generation höflich, aber bestimmt doch endlich den Hintern in die Höhe zu bringen, das Heft in die Hand zu nehmen und den Begriff „jammern“ aus dem Wortschatz zu streichen.

Günther Schweiger, FAQ-Magazin, Mail 2019



Die erste Klammer wird von der Sauhitze gebildet. Die hat einst schon bei „Falling Down – Ein ganz normaler Tag“ mit Michael Douglas einen Amoklauf durch Los Angeles entschieden begünstigt. Und dass den Leuten da draußen gerne einmal die Kabel durchbrennen, wenn sich die nicht von ungefähr auch als „gelbe Sau“ bekannte Sonne wieder einmal besonders erbarmungslos gibt, ist hierzulande außer aus dem ganz normalen Alltagswahnsinn nicht zuletzt durch Ulrich Seidls Schelmenstück „Hundstage“ von 2001 bekannt. Stichwort: „La Cucaracha!“
In Richtung Niedertracht oder gar Blutrausch (mit einer Ausnahme, in der es allerdings darum geht, mit ein paar Gnackwatschn im Kleinkriminellenmilieu der sogenannten Ehre gerecht zu werden) bewegt sich Andreas Kump mit seinem Debütroman
allerdings nicht. „Über vierzig“, dessen Titel zum einen die hochsommerlichen Saharatemperaturen in Wien und Linz und zum anderen das handelsübliche Jahrzehnt einer Midlife-Crisis adressiert, bringt uns fünf Hauptfiguren näher, die nicht nur aufgrund durchgeschwitzter T-Shirts und glühender Mauerschluchten buchstäblich im Leben festkleben: Roland wird von Panikattacken dazu gezwungen, Terminen großräumig auszuweichen und im Kongressbad der Tagesfreizeit beim Vergehen zuzusehen, während seine im Copyshop jobbende Frau Mona mit ihrer gescheiterten Künstlerexistenz hadert und es jetzt auch noch mit den Bürden des De-facto-Alleinerziehens zu tun bekommt.
Pia droht als Büroveteranin in ihrer Werbeagentur ausgebootet zu werden. Tommi blickt als
Schuldeneintreiber auf stahlstadthartem Pflaster auf eine Zeit zurück, als die Sozialdemokratie noch mächtig und die VOEST Eigentümerin eines Fußballvereins war. Und Lesbos, dessen Kosename auf eine „Gibson Les Paul“-Gitarre zurückgeht, ist historisch auf den Lokalmatador mit der Linzer Band BH-Wert festgelegt, an die sich die jungen Leute von heute eher nicht mehr erinnern. Die Ironie aber will es, dass sich der Silberrücken in seiner aktuellen Rolle als Barhocker ausgerechnet in die junge Schankkraft verschaut, die seine
Tochter sein könnte. Andreas Kump hat mit seiner Band Shy (1991–2014) ein Stück
heimische Popgeschichte geschrieben – noch lange, bevor vom „österreichischen Popwunder“ die Rede war. Er hat den Linzer Underground in seiner Oral History „Es muss was geben“ (2007) verewigt und mit „Erstmals zurück – Das unglaubliche Aufstiegsrennen des FC Blau-Weiß Linz 2011“ (Eigenverlag, 2012) auch seiner bevorzugten Fußballmannschaft ein Denkmal erbaut. Das damit verbundene Herzblut ist in „Über vierzig“ ebenso eingeflossen, wie sich Kumps Erfahrungen in der Werbebranche in diesem kurzweiligen
episodischen Langtext nicht nur zwischen den Zeilen spiegeln.
Der Entschluss, sich zu trennen, ein überraschendes und finanziell überzeugendes Angebot
für eine Band-Reunion, die Wiederbegegnung mit einem verstrahlten Bekannten aus goldenen Tagen und ein zum Ausbruch taugender Aufbruch nach Urfahr bringen plötzlich Veränderung in den Alltag – und Tempo in die Erzählung.
Wir haben es in „Über vierzig“ nämlich definitiv nicht mit Mittlebenskrisen zu tun, die
auf den Erwerb eines Ferraris und einen ersten Zwischenstopp in der nächsten Hausmauer zusteuern, sondern mit mitunter sentimentalen Blicken und leisen Zwischentönen einhergehen.
Es geht etwa um die Frage, wann, wo und warum man in ein Zeitloch gefallen ist und welche
Kompromisse man unter den veränderten Rahmenbedingungen (nicht) gemacht hat – betrachtet nicht zuletzt über die Verweigerungshaltung von einst und das empfundene Freiheitsgefühl der 90er Jahre, dem das disziplinierte Gefüge einer längst leistungsorientierten Gegenwartsgesellschaft gegenübersteht. „Auch die Drogen waren andere gewesen. Damals ging es um Bewusstseinserweiterung, um Fantasie. Jetzt ging es ums Durchhalten.“
Es regiert aber auch kein „Früher war alles besser“ den Tonfall, sondern ein Zweifeln, das keinem denkenden Menschen mit den Jahren fremd sein wird. Darüber, dass der Krisenteufel in Zeiten der kollektiven Beschleunigung auch unter vierzig schon hart zuschlagen kann, dann ein andermal mehr.

Wiener Zeitung, Andreas Rauschal, 27./28.4.2019

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