152 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
Erscheint im März 2019


€ 23.00

ISBN 978-3-903184-32-9

Peter Zimmermann

DER HIMMEL IST EIN SEHR GROSSER MANN

Ein Buchhändler, das Kind, ein Ritter. Das Kind blickt nach vorn, der Buchhändler zurück, der Ritter hat die Zeit überwunden. Peter Zimmermanns neuer Roman handelt von nichts weniger als dem Leben, er führt zusammen, was uns Menschen eint. Ein großer und wunderschöner Roman.

Der Buchhändler führt ein ruhiges Leben. Er lebt stark in der Vergangenheit, erinnert sich an seine Kindheit, an das ständige Schweigen des Vaters, der ihn an den Wochenenden und in den Ferien mit dem Auto zu den Großeltern bringt. An die Wochenenden in den Wäldern, wo der Bub herumstreift und seinen Phantasien nachjagt. An das plötzliche Verschwinden der Großmutter. An die fremde Frau, die an Großmutters Stelle tritt. Das Kind sieht alles, aber verstehen kann es die Erwachsenenwelt nicht.
Doch eines Tages geschieht im Leben des Jungen etwas Wundervolles: Ein Ritter bricht in seine magische Welt ein, eine Gestalt aus einer anderen Zeit. Der Ritter lebt ewig, etwas oder jemand treibt ihn durch die Jahrhunderte und hat offensichtlich Freude daran, ihn die Geschichte der menschlichen Zivilisation durchleben zu lassen. Der Bub hat nun jemanden gefunden, der ihm Antworten auf seine vielen Fragen gibt. In gemeinsamen Gesprächen erzählt ihm der Ritter von seinen Erlebnissen und von seinen Erkenntnissen – hier wird der Roman großartig und das Lesen zum reinen Genuss.

Peter Zimmermanns geschliffene und gehaltvolle Prosa erweist sich erneut als gelungenes Beispiel eines magischen Realismus, für den Sachlichkeit und Wunder nicht als Gegensätze gelten.

„Eines Tages, sagte der Ritter, werde ich nicht mehr kommen. Du wirst mich suchen, und ich werde nicht da sein.
Warum?
Weil es so sein wird.
Und dann?
Dann bist du erwachsen.“

Ach Gott, stöhnte der Ritter einmal in der Kühle der Laube, während rundherum die regenfeuchte Wiese in der Julisonne dampfte, so viel ist da nicht zu verstehen. Ich weiß ja nichts über deine Eltern und Großeltern, aber ich weiß einiges über Männer und Frauen. Und so gesehen weiß ich doch einiges über deine Eltern und Großeltern. Die Menschen sind nicht so kompliziert, wie man glaubt. Oder wie sie uns glauben machen möchten. Wie viel Mühe nicht schon aufgewendet wurde, um uns zu erklären, dass wir nicht zu erklären sind! In unserer Genialität und Bösartigkeit! In unserer Fähigkeit, die Welt zu gestalten und an ihr zu zerbrechen! Ich lebe lange genug, um zu wissen, dass sich daran nichts verändert hat.
Es gibt in moralischer Hinsicht keinen Fortschritt! Du weißt, was Moral ist, oder? Der Mensch ist Verstand und Gefühl, ist also in der Mitte durchgeschnitten. So, und jetzt muss er versuchen, die zwei Teile irgendwie zusammenzuhalten, sonst fällt er auseinander und ist kein Mensch mehr. Dort, wo es gelingt, Verstand und Gefühl zusammenwachsen zu lassen, wenigstens ein bisschen, entsteht Moral. Nur dort, denn weder die eine noch die andere Seite kann für sich Moral entwickeln. Sie muss die Grundlage für dein Handeln sein, das so ausgerichtet ist, dass das, was du tust, nicht zum Nachteil der anderen gerät. Aber auch nicht zu deinem Nachteil. Wie das gehen soll, ist bis heute eine ungelöste Frage. Und ich weiß auch warum: Weil die Menschen nichts anderes tun, als Menschen zu imitieren. Ihnen wird gesagt: Du bist ein Mensch. Und der Mensch fragt sich: Was ist ein Mensch? Und weil er nichts falsch machen möchte oder weil er feig ist oder faul, sagt er sich: Ich mache einfach das, was die anderen tun. So vervielfältigt sich eine Vorstellung vom Menschsein, die nichts weiter ist als Ahnungslosigkeit. Ich vermute einmal, dass das auf deine Leute zuhause zutrifft: Ahnungslosigkeit. Sie sind damit beschäftigt, nichts zu versäumen und es den anderen gleichzutun.
Ahnungslose beobachten Ahnungslose beim Ahnungslossein. Eigentlich eine Tragödie. Da hat es die Moral natürlich schwer, denn das meiste, das uns von ihr vermittelt wird, ist ja auch nur abgekupfert, wird zum Gesetz gemacht oder zur Religion, sodass sich alle zu unterwerfen haben. Mit Verstand und Gefühl hat das nichts mehr zu tun. Als ich damals das Schloss am Meer verließ, hatte ich keine Vorstellung von Moral. Männer taugen nichts, hatte ich gelernt, obwohl ich ein Mann war. Und wirklich, als ich Männern begegnete, hasste ich sie, weil sie Männer waren, aus keinem anderen Grund, und ich hatte kein Problem damit, sie zu erschlagen. Das klingt jetzt vielleicht hart für dich und ich mag nicht so aussehen, als meinte ich das ernst, aber damals, als ich jung war, war das eben so. Du bist auf deinem Pferd einen Pfad entlanggeritten, die Sonne hoch am Himmel, die Luft so warm, dass du nicht weit davon entfernt warst, im Sitzen einzuschlafen, weißt du, so ein
Dahindämmern eben, wenn du dich geborgen fühlst wie zuhause unter Daunendecken, und da kam dir plötzlich ein anderer auf einem Pferd entgegen, der sagte: entweder du oder ich. Das macht man inzwischen nicht mehr, man geht aneinander vorbei und schaut einander nicht in die Augen, möglicherweise nickt man einander einen Gruß zu, aber damals wollten junge Männer auf einem Pferd Helden werden. Nicht ganz so junge Männer waren auch darunter, alte nicht. Nur die wenigsten wurden alt, aber das beschäftigte mich gar nicht. Mich beschäftigte vielmehr, dass ich mich selbst auch nicht mochte – ich war im falschen Körper unterwegs, konnte den aber nicht einfach ablegen. Ich mochte auch die Frauen nicht, denn in ihnen sah ich eine unversöhnliche Spezies, die mich verachtete, weil ich einem verachtenswerten Geschlecht angehörte, wofür ich aber nichts konnte. Also musste ich das Beste daraus machen, ein Mann zu sein. Das heißt, ein Held. Der ein Frauenherz erobert, als Krönung der Mannhaftigkeit sozusagen. Und dafür verachtet wird. Jetzt bin ich schon geneigt zu sagen: eine komplizierte Geschichte. Aber es ist eben nicht kompliziert, weil alles auf dem Prinzip der Wiederholung fußt. Beziehungsweise der Kopie.

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