264 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag



€ 24.00

ISBN 978-3-903184-31-2

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David Bröderbauer

WOLFSSTEIG

Als der Truppenübungsplatz in Wolfssteig aufgelassen wird, werden die vielfältigen Hoffnungen der Bewohner zum Leben erweckt. Die Verhandlungen und Streitereien beginnen – wird das Land privatisiert, kommt ein Asylheim oder wird aus dem riesigen Grundstück ein Nationalpark? In diesem tragikomischen Provinzdrama treffen moderne Themen des dörflichen Lebens auf wunderbar intensive und fachkundige Naturschilderungen.

Der Truppenübungsplatz Wolfssteig im Waldviertel wird aufgelassen. Jetzt beginnt das Ringen um die Zukunft des Grundstücks. Ein Biologe, Ulrich, streift durch das Gelände und zählt die seltenen Birkhühner, er trägt den Plan für einen wunderbaren Nationalpark im Kopf. Ein ehemaliger Wehrdiener, Christian, versucht den Neustart als Hausmeister in der Kaserne, die bald Flüchtlinge beherbergt. Und die Nachfahren der Enteigneten fordern ihre alte Heimat zurück, die 1939 zum Sperrgebiet wurde, als viele Dörfer geräumt und Menschen vertrieben wurden, um Hitlers Truppenübungsplatz Platz zu machen. Blind verfolgen die Widersacher ihre Ziele, und rasch geraten die Fronten durcheinander. Zuletzt fliegen auf dem Truppenübungsplatz Wolfssteig die Funken.

David Bröderbauer erzählt davon, wie auf der Suche nach einem festen Bezugspunkt die Orientierung verloren geht. Dieser Gegenwartsroman überzeugt durch seine intelligente Handlung und die wunderbaren Naturschilderungen in der Tradition von Henry David Thoreau.

Obwohl es bereits die vierte Informationsveranstaltung zum Schicksal des Truppenübungsplatzes war, füllten die Wolfssteiger den Burgsaal auch an diesem Samstag wieder bis zum letzten Platz. Die Zuspätgekommenen drängten sich an die Rückwand und in die Fensternischen. Auf dem Podest hantierte jemand nervös mit dem Mikrofon, aber es kam kein Ton heraus. Die Zuhörer unterhielten sich laut. Die meisten schienen sich zu kennen. Ein paar Reihen vor Ulrich, der in der vorletzten Platz genommen hatte, rief jemand: »Hans, jetzt gib doch den Hut runter, wir sehen ja nichts. Wieso hast denn überhaupt den Gamsbart auf, heute gibt’s nichts zum Schießen!«, worauf die Sitznachbarn des Witzboldes lachten und der Hans seinen Hut wie zum Gruß lüftete und auf den Schoß legte. Die Leute beschwerten sich, dass die Luft wieder so stickig sei. Jemand riss ein Fenster auf. Vom Burgberg aus hatte man einen prächtigen Blick über den Truppenübungsplatz, wo in diesem Moment die Sonne unterging.
Neben Ulrich nahm ein Mann mit dunkler Hautfarbe Platz, der einzige Schwarze im Saal. Er trug ein ziemlich altmodisch geschnittenes Sakko und ein weißes Hemd mit steifem Kragen. Ulrich wunderte sich nicht so sehr über die Aufmachung als über den Mut des Mannes, hierherzukommen. Die Leute im Saal machten allerdings nicht viel Aufhebens um ihn, ein paar Umstehende hoben sogar ihre Augenbrauen zum Gruß. Der Mann bemerkte, dass Ulrich ihn musterte, und sprach ihn an. »Guten Tag, ich bin Stephen Obasi, der Pfarrer von Wolfssteig«, sagte er mit einem englischen Akzent. »Sie leben auch hier?«
Ulrich fühlte sich überrumpelt. »Nein, das heißt, ja, ein paar Kilometer außerhalb, in Apfelscheid.«
»Apfelscheid. Sie haben dort ein Haus?«
»Nein, ich habe eine Wohnung gemietet, bei Adam Kramer, falls Sie den kennen.«
»Aber natürlich, Kramer, alter Musiker. Ist noch nie bei mir in der Messe gewesen. Nur die alten Marienstatuen hat er sich angeschaut. Aber irgendwann muss er auch zu mir kommen«, sagte er mit einem tiefen Lachen. Plötzlich wieder ganz ernst, fragte er: »Und Sie? Wie ist Ihr Name? Woher kommen Sie?«
Ulrich war verunsichert. Der Pfarrer registrierte es mit einem schelmischen Lächeln. War er vertrauenswürdig?
»Mein Name ist Ulrich Bruckner. Ich habe bis vor Kurzem in Wien gelebt, aber ursprünglich komme ich aus …«
In diesem Moment brachte ein rundlicher Mann mit Schnurrbart und ordentlich über die Glatze gekämmten Haaren das Mikrofon zum Laufen. »Grüß euch, liebe Wolfssteiger. Das heute ist die letzte Versammlung zum Thema Asylantenheim. Ich sage euch gleich, ich habe mich sehr bemüht, den stellvertretenden Landesrat zu bekommen, aber aus terminlichen Gründen musste er leider …« Die Anwesenden unterbrachen den Bürgermeister mit wütenden Rufen. Der Hans ohne Hut hob die Faust und zeterte: »Das ist wieder typisch, wenn wir was brauchen, lassen uns die Politiker im Stich.« Ein anderer drohte: »Bei den nächsten Wahlen werdets schon sehen, was ihr davon habts.« Die kleinen Augen des Bürgermeisters wuselten wie verschreckte Mäuse
zwischen den Gesichtern der Zuhörer hin und her. Bei jeder Unmutsäußerung zuckten die pelzigen Brauen. Schließlich unterbrach er die Zwischenrufer. »Bitte, Herrschaften. Ihr müsst doch verstehen: Das Gelände gehört dem Bund. Mir sind doch da die Hände gebunden. Nicht einmal der Landeshauptmann hat ein Zugriffsrecht. Das Heim steht, das können wir jetzt nicht mehr ändern. Aber ich versichere euch, die Partei hat mir ihren vollen Rückhalt versichert, und wir werden dafür Sorge tragen, dass wir das Beste aus der Situation machen.«
»So ein Blödsinn«, sagte ein Zuhörer in einem groben Karohemd. »Ihr Politiker lügt doch, dass sich die Balken biegen. Die Innenministerin hat dem allen zugestimmt, und die ist von deiner Partei. Die ist froh, dass sie die Asylanten nach Wolfssteig abschieben kann. Bei uns kostet sie das weniger Stimmen, wie wenn sie irgendwo in der Stadt ein Heim hinstellt. Und kosten tut es sie auch nichts, weil die Gebäude vom Bundesheer schon alle da sind. Also erzähl uns keine G’schichten, Toni.« Der Mann hob bestimmt den Zeigefinger. »Uns hauts den Milchpreis zsamm, und den Negern steckts des Geld hinten rein. Da stimmt doch was nicht.«
Einige Zuhörer klatschten so heftig, dass ihre Hände rot anliefen. Der Pfarrer blickte regungslos geradeaus. Eine rothaarige Frau, Brille mit grünem Rahmen, erhob sich entschlossen. Die Arme verschränkte sie beim Sprechen vor der Brust. »Also jetzt möchte ich bitte auch was sagen. Wolfgang, ich verstehe deine Sorgen. Aber diese Menschen haben noch viel größere Probleme als du. Die brauchen wirklich Hilfe. Wir dürfen jetzt nicht wegschauen.« Sie wurde vom spitzen Lachen eines älteren Herren unterbrochen, der tief in seinen Sessel gesunken war und sich beim Reden nicht aufrichtete: »So viel Zeug, wie ihr denen schon geschenkt habts, haben wir ja selber nicht. Und ihr sammelts noch weiter, und dann gebts ihr denen auch noch Deutschkurse, statt dass ihr euch auf den Schulbeginn vorbereitets.« Seine Nachbarin sekundierte eilig, dass sogar der Bäcker schon mehr Brot für die Ausländer als für die Einheimischen backe. Die roten Hände klatschten wieder.
Da mischte sich ein junger Mann ein. Er hatte es sich auf einem Fensterbrett bequem gemacht. Mit verschränkten Armen saß er da. Die Unterarme waren ziemlich muskulös. »Jetzt seids doch einmal ehrlich. In dem Bauernnest ist seit dreihundert Jahren nichts Spannendes mehr passiert. Ihr solltet froh sein, dass sich wieder einmal was tut, dann habt ihr wenigstens was zum Reden.« Die Zuhörer starrten ihn ungläubig an. »Neunzig Prozent von euch stehen schon mit einem Fuß im Grab. Was kann dem Ort Besseres passieren, wie wenn da neue Leute herkommen? Ein Haufen neue Arbeitsplätze entstehen durch das Heim auch. Wenn es die nicht gibt, ziehen die letzten Jungen auch noch weg.«

Zitate

Gedanken beim Sammeln von Kotproben
Kein Geheimnis, dass „Wolfssteig“ das Städtchen Allentsteig meine, bekannt durch den Truppenübungsplatz (TÜPL) und, zuletzt, als Wolfsrevier. Man merkt: Der Autor, selbst studierter Biologe und ursprünglich aus Zwettl, schöpft aus einer im bekannten Welt. Das Setting: Der TÜPL wird aufgelassen, die Kaserne zum Flüchtlingsheim, ein Biologe erforscht im Auftrag einer NGO die Wildnis, weil aus dem einstigen Sperrgebiet ein Nationalpark werden soll. Währen der Biologe Ulrich beim Sammeln von Kotproben von Birkhühnern über die Dorfbevölkerung, Thoreau und den ökologischen Mehrwert von Panzern sinniert, bemühen sich die Nachgeborenen um eine Restitution der ihren Vorfahren einstmals vom Führer zur Errichtung des TÜPL enteigneten Liegenschaften.
Ein gelungenes Debüt mit witzigen Lagerhausepisoden, interessanten Einsichten und Wissenswertem über Birkhühner.

Biorama, Thomas Weber



Dass man sich dem Waldviertel literarisch nicht nur in Form von Regionalkrimis annähern kann, zeigte der Zwettler Autor David Bröderbauer bei der Lesung aus seinem Romandebüt
„Wolfssteig“ in der Bücherstube. Der Truppenübungsplatz in Wolfssteig soll aufgelassen werden und der junge Biologe Ulrich wird beauftragt, die Möglichkeiten für eine geplante Umwandlung in ein Naturschutzgebiet auszuloten. Bei der Dorfbevölkerung stößt dieser Plan auf wenig Gegenliebe und was soll mit den Asylwerbern geschehen, die in der aufgelassenen Kaserne untergebracht sind? Ulrich gerät zusehends zwischen die Fronten, denn auch die Nachfahren der einst Vertriebenen melden Besitzansprüche an.
Als „tragikomisches Provinzdrama“ wird der Roman im Klappentext bezeichnet, wobei
der Autor bei der Lesung vor allem komische Textpassagen auswählte, die beim Publikum großen Anklang fanden. Überhaupt überzeugte David Bröderbauer, selbst Biologe im Botanischen Garten in Wien, mit einem gekonnten Vortrag und sehr sympathischem
Auftreten. Dass die Geschichte natürlich an den Tüpl Allentsteig erinnert, wollte
Bröderbauer nicht leugnen, betonte aber, dass sein Roman reine Fiktion sei, auch aus Respekt gegenüber den Schicksalen der damals Vertriebenen und Umgesiedelten.
NÖN, Juni 2019



Der Waldviertler Autor Bröderbauer ist Biologe, deshalb vergisst er nicht auf die einzigartigen Birkhühner, wenn er den Truppenübungsplatz Allentsteig zum Vorbild nimmt und „Wolfssteig“ daraus macht: Er soll aufgelassen werden, und nun prallt alles gegeneinander – Vorstellungen, was daraus werden soll; Natur gegen Mensch; Mensch gegen Mensch. Sehr ruhig schreibt Bröderbauer über die größten Probleme, die wir haben, und die kann man an einem militärischen Sperrgebiet festmachen – genauso wie große
Naturforscher nur ein paar Wespen beobachteten, um die Welt zu beschreiben.
(Kurier, Peter Pisa, Juni 2019)




Ö1, Ex libris: David Bröderbauer, „Wolfssteig“

Der Truppenübungsplatz Allentsteig im Waldviertel ist vielen Grundwehrdienern in Österreich ein Begriff. Bekannt ist die Übungsstätte aber auch aufgrund zahlreicher Zwischenfälle: Dokumentiert sind unter anderem Hubschrauberabstürze, tödliche Scharfschießübungen und eine Granate, die versehentlich im anliegenden Wohngebiet detonierte. Zuletzt ertrank 2012 ein Panzerfahrer während einer Ausbildungsfahrt in einem übersehenen Schlammloch.
Aufgrund seiner isolierten Lage ist der Trainingsplatz aber auch ein einzigartiges Naturgebiet mit seltener Flora und Fauna, sogar Wölfe haben sich dort wieder angesiedelt. In Anlehnung an diesen Ort hat David Bröderbauer sein Debüt „Wolfssteig“ genannt. Doch während am realen Sperrgebiet Geschosse durch die Luft fliegen, sind es im Roman diametral entgegengesetzte Lebensanschauungen, die aufeinander krachen.




David Bröderbauer:
Für mich geht’s in dem Buch um Menschen, die die Orientierung verloren haben und die auf der Suche sind nach einem Ort, wo sie eine Bestimmung finden. Und dieser Truppenübungsplatz ist die Tabula Rasa, die die Leute mit ihren Sehnsüchten und ihren Vorstellungen neu beschreiben wollen.


Der Truppenübungsplatz in Wolfssteig soll aufgelassen werden und sogleich beginnen die Streitereien: Kommt ein Asylheim, ein Naturschutzgebiet oder soll das Land den Nachfahren der 1939 enteigneten Bewohner zurückgegeben werden? Die Riesenbrachfläche gerät zum buchstäblichen Spannungsfeld, wobei die Spannungen kaum noch auflösbar sind.

David Bröderbauer:
Ich hab das Gefühl, das ist etwas, das auch in unserer Gesellschaft immer stärker wird. Es gibt ganz viel verschiedene Perspektiven und Streitpunkte, die sich nicht mehr zusammen bringen lassen.


Erzählt wird abwechselnd aus der Sicht der zwei ganz unterschiedlichen Hauptcharaktere, die sich im Laufe der Handlung zaghaft anfreunden: Christian, ein ehemaliger Bundesheerangestellter arbeitet als Hausmeister im Asylheim. Er hat mit der Natur nicht viel am Hut, außer dass er gern mit dem Panzer drüber brettert. Ulrich ist ein mäßig erfolgreicher Wissenschaftler mit prekärem Arbeitsverhältnis. Ihm ist das Wohlergehen der Bevölkerung weit weniger wichtig, als das Wohlergehen der von ihm erforschten Birkhühner.
Die Auseinandersetzungen werden im Buch auf mehreren Ebenen und an zahlreichen Fronten ausgetragen: Stadt gegen Land, Mensch gegen Natur, Akademiker gegen Nicht-Akademiker, Inländer gegen Ausländer, Religion gegen Esoterik gegen Wissenschaft. Die Vielschichtigkeit der Konflikte wird auch anhand der komplexen Figuren deutlich. Da ist etwa der Pfarrer: Der Nigerianer ist mit einem Doktor in Moraltheologie als Dorfpfarrer eigentlich überqualifiziert und muss sich darüber hinaus mit dem latenten Rassismus seiner Schäfchen herumschlagen. Die Stimmung im Dorf ist aufgeheizt.

David Bröderbauer:
Das ist mir dann passiert, dass gerade mit der außenpolitischen und innenpolitischen Entwicklung in Österreich haben mich die Geschehnisse überholt. Also da haben Politiker dann Dinge gesagt und getan, die ich in meinem Buch entweder erfunden hab oder verworfen hab, weil ich sie für nicht möglich gehalten hab.


Konkret kommen Begriffe vor, die 2016, als David Bröderbauer mit dem Schreiben beschäftigt war, noch nicht in aller Munde waren. Es gibt zum Beispiel eine Szene, in der rechtsradikale junge Männer versuchen die Bevölkerung gegen das Asylzentrum einzuschwören, indem sie ihnen erklären, dass ein „Bevölkerungsaustausch“ bevorstehe.

David Bröderbauer:
Ich hab das damals recherchiert. Ich hab mich mit der Identitären Bewegung auseinandergesetzt, über die gelesen, und dieser Begriff, der ist mir so absurd erschienen, dass er auf diese absurde Situation dieses geschlossenen Sperrgebiets gut passt. Dass der jetzt etwas später nach dem Schreiben plötzlich von Teilen der Politik anerkannt und verwendet wird, das hat mich selber erschreckt, was die Realität für Blüten treibt.


Die ebenso seltsamen Blüten der Provinz beschreibt David Bröderbauer, der hauptberuflich als Botaniker an der Universität Wien arbeitet, mit der Nüchternheit eines Wissenschaftlers. Im ruhigen, besonnen Tonfall erzählt er von den drängenden Problemen unserer Zeit und streut daneben philosophische Betrachtungen und Naturanschauungen ein. Die Landbevölkerung kriegt in dieser tragikkomischen Erzählung ordentlich ihr Fett weg – denn die meisten Kapitel werden aus der Perspektive des etwas überheblichen, in die Großstadt gezogenen Ulrichs geschildert: Er sieht in seinen ehemaligen Klassenkollegen und Dorfkameraden nicht mehr als minderbemittelte, rassistische Prolos.

David Bröderbauer:
Ich persönlich als Autor seh das ganz ambivalent. Also ich würd jetzt nie sagen, am Land sind die Leute primitiv oder fremdenfeindlicher. Aber ich glaub, dass gerade in abgehängten Regionen, wo es viel Arbeitslosigkeit gibt, wo viele junge Menschen, viele junge Frauen wegziehen, dass sich da bestimmte Feindbilder und bestimmte Sorgen stärker halten und auch stärker sichtbar werden, weil da einfach diese ganzen Probleme vorhanden sind.


Abgehängt ist der Großteil der im Buch beschriebenen Personen, es handelt sich um die Bevölkerungsgruppe der Männer. Ulrichs Kollegin auf der Universität hat ihn karrieretechnisch schon lange überholt. Christians Freundin, eine Asylwerberin, ist ihm ebenfalls weit voraus: Sie hat Kunst studiert und entspricht so gar nicht dem Klischee einer unterdrückten, kopftuchtragenden Muslima. Zu Christians Bedauern will sie schon wieder fliehen – diesmal vor der Engstirnigkeit der Provinz in die Stadt. Die selbstbewussten, starken Frauen bleiben für die beiden Protagonisten undurchschaubar. Von dieser eingeschränkten, männlichen Sicht löst sich der Autor, wenn er sich auf die Natur einlässt. Wenn letztendlich die Insekten die Herrschaft auf dem Sperrgebiet übernehmen, dann wechselt der Autor von einer dem Dialekt angelehnten Sprache hin zu fast poetischen Schilderungen, erhebt sich von den menschlichen Niederungen und lässt die Natur gewissermaßen für sich selbst sprechen.

David Bröderbauer:
Meine Intention war auch bei diesen Naturschilderungen, die Natur als Eigensubjekt darzustellen. Das ist für viele Menschen irrsinnig schwierig, Natur außerhalb vom menschlichen Blick zu sehen. Das lernt man als Biologe, gerade so wie ich als Freilandbiologe, der viel Pflanzen kartiert hat im Gelände oder Insekten bei der Bestäubung beobachtet hat. Man sieht das Eigenleben der Natur. Und ich wollte diesen Perspektivenwechsel haben, weg vom Blick der menschlichen Absicht und Deutung der Natur, hin zum Wirken der Natur an ch. hineinversetzen können, soweit ich halt dazu in der Lage bin.


(Ex libris, 16.6.2019, Beitrag: Claudia Gschweitl)




Ein Truppenübungsplatz als rurales Sittenbild
David Bröderbauer ist mit seinem Debüt "Wolfsteig" ein beachtlicher Gesellschaftsroman gelungen. Im Zentrum steht eine riesige Brache im Waldviertel. Und ein Figurenreigen, der seinesgleichen sucht.
Der Truppenübungsplatz Wolfsteig ist ein Naturjuwel. Seit die Nazis die Bevölkerung von dem Areal vertrieben haben, wuchern hier Kiefern, Birken, Fichten, Goldruten, Bruchweiden, Feldulmen, Mondviolen, Winterlinden. Rehe, Wildschweine, Mufflons, Seeadler, acht verschiedene Specht-Arten leben auf dem Sperrgebiet. Sogar Birkhühner soll es hier noch geben. Die haben es dem Biologen Ulrich Bruckner angetan. Als der Truppenübungsplatz schließt, soll er sie im Auftrag des Naturverbandes zählen.
Denn der Truppenübungsplatz Wolfsteig – oder Tüpl, wie der Einheimische sagt – ist heiß umkämpft. Die Übungsgefechte der Rekruten waren eine Kleinigkeit im Vergleich zu den Schlachten, die seit der Auflösung der Heereseinrichtung hier toben. Der Naturverband will einen Nationalpark errichten, die Nachfahren der 1939 Enteigneten fordern ihre alte Heimat zurück. Und vielen Einheimischen ist das neue Asylzentrum in der alten Kaserne ein Dorn im Auge.
David Bröderbauer, 1981 im niederösterreichischen Zwettl geboren, verhandelt in seinem Debütroman "Wolfsteig" die Probleme unserer Zeit auf einem Truppenübungsplatz, der erst nach dem Abzug der Soldaten zwischen die Fronten – und ins Zentrum der Begierde gerät. Um die riesige Brache schwirren die großen Themen Flucht, Fremdenfeindlichkeit, Religion, Identität, Naturschutz, Landflucht, Freundschaft, Liebe – während Frösche unbeeindruckt in feuchten Granattrichtern laichen. Ein Sperrgebiet als Sittenbild der Gesellschaft.
Die Themenlawine, die Bröderbauer in "Wolfsteig" lostritt, überrollt den Leser nicht. Sie geht neben ihm nieder. Er beobachtet sie. Das ist der klaren Sprache des Buches genauso geschuldet wie der formalen Stringenz, die Bröderbauer konsequent einhält. Abwechselnd folgen die Kapitel den beiden Hauptprotagonisten. Da ist der junge Biologe Ulrich Bruckner, der aus der Großstadt in seine Vergangenheit zurückkehrt – und ein tief gespaltenes Waldviertel wiederfindet. Da ist der ehemalige Soldat Christian Moser, der nach einem Panzerunfall als Hausmeister im Asylzentrum arbeitet – und seine Beinprothese mit Magenta-Lack besprüht.
Gemeinsam stolpert das Duo über den Truppenübungsplatz auf der Suche nach Birkhühnern und nach sich selbst. Dabei bekommen sie es mit Autoprolos, rechten Schlägern, Esoterikern, wütenden Bauern, Naturschützern, Flüchtlingen, dem Bürgermeister und einem Pfarrer aus Nigeria zu tun. Alle haben sie Lunte gerochen. Jeder will seinen Teil des Tüpls.
David Bröderbauer kennt das Land und seine Leute. Und wir kennen seine Figuren. Sie sitzen in den Gemeindesälen, den Dorfdiscos, Pfarrhäusern und in den Kinderzimmern der Provinz. In "Wolfsteig" formieren sie sich zu einem Reigen, der in der hiesigen Literatur seinesgleichen sucht. Frei von Klischees und Stereotypen malt Bröderbauer ein rurales Bild der Gegenwart, ohne jedoch mit dem Zeigefinger zu wedeln oder gar ins sentimentale Fach des Heimatromans abzugleiten. "Wolfsteig" mutet zunächst an wie eine Mischung aus Wolf-Haas-Krimi, "Braunschlag" und modernem Franz-Innerhofer-Drama, bevor sich das Buch als handfester Gesellschaftsroman entpuppt.
Nebenbei überzeugt der studierte Biologe Bröderbauer mit fantastischen Naturschilderungen. Die wilde Natur des Tüpls – wo sich Wildschweine paaren, Bienen um Blütenkörbe schwirren, das morsche Holz des Urwalds knarzt – steht im drastischen Widerspruch zur menschlichen Diabolik, die sich an diesem Ort genauso offenbart. Der Tüpl, unberührtes Habitat für Flora, Fauna – und Niedertracht. Ein Vexierbild unserer Zeit.


Wiener Zeitung, Matthias Winterer, 9.5.2019



Woher rührt diese österreichische Obsession, Land sofort verbauen und versiegeln zu müssen, sobald es als frei erkannt wird? Genau um diese Frage und um die mit ihr verbundenen sozioökologischen Aspekte geht es in David Bröderbauers Debütroman Wolfssteig.
Im gleichnamigen fiktionalen Ort, der im realen Waldviertel liegt, löst das Bundesheer einen Truppenübungsplatz auf, der bis vor Kurzem für Panzerübungen genutzt worden war. Der Platz war bald nach dem Anschluss, angeblich auf besonderen Wunsch Hitlers, errichtet worden. Nun wurden seine Kasernen gegen den Willen einer lautstarken Mehr- oder Minderheit der Wolfssteiger zu einem Asylantenheim umfunktioniert. Verschiedene ortsansässige und -fremde Gruppen haben jedoch andere Verwendungszwecke für die riesige Fläche im Sinn.
Die Wolfssteiger Jäger wollen den Platz, weil es durch die jahrzehntelange Sperrung und Abschottung eine große Vielfalt von jagdbaren Tieren wie Wildschweine, Mufflons und Birkhühner gibt. Die Wolfssteiger Bauern wollen den Platz, weil ihre Vorfahren bei seiner Errichtung, gegen eine Entschädigung, umgesiedelt worden waren. Und schließlich will ein Na-turverbund den Platz zum Naturschutzgebiet oder am besten zu einem Nationalpark machen. Denn neben den vielen Tieren ist das Sperrgebiet auch reich an Pflanzen, wobei die Abschottung und die Panzer geholfen haben:
"Ihr Kettenantrieb schadete der Steppe weniger als Pflugscharen und Pestizide. Im Gegenteil übernahmen die Panzer die Rolle der ausgestorbenen Auerochsen und Waldbüffel, walzten die aufkeimenden Birken und Fichten platt und verhinderten die Ausbreitung des Walds."
Bauern und Jäger sowie eine Gruppe junger Männer, die an die Identitäre Bewegung Österreichs angelehnt scheint, verbünden sich gegen den Naturverbund. Dessen namenlos bleibender Geschäftsführer räumt dem Verbund trotzdem die besten Chancen ein, da ihnen "der Umweltminister persönlich grünes Licht für die Planung des Naturschutzgebiets gegeben hatte." Denn aufgrund der ungeklärten Besitzverhältnisse habe das Verteidigungsministerium gegen die Bauernlobby Veto eingelegt, sodass dem Umweltministerium, das dieser Lobby eigentlich näher als den Naturschützern steht, die Hände gebunden sind.
Bei einer Informationsveranstaltung zu Beginn des Romans macht daher ein Herr Fellner von der Landwirtschaftskammer Stimmung gegen das Naturschutzgebiet, denn er weiß, dass die Wolfssteiger das Projekt doch kippen könnten. Mit einem Naturschutzgebiet bliebe "das Land für uns Wolfssteiger für die nächsten hundert Jahre ein Sperrgebiet. Ich sage euch, wir müssen jetzt zusammenhalten und gemeinsam für die Wiederbesiedelung des Truppenübungsplatzes kämpfen." Die Bauern, Jäger, die Identitären, sowie eine lautstarke Mehr- oder Minderheit der Wolfssteiger sind auf seiner Seite.
Der promovierte Biologe Bröderbauer macht aus dieser komplexen Sachlage einen spannenden Roman, indem er die Handlung auf zwei Protagonisten konzentriert. Der diplomierte Biologe und gebürtige Waldviertler Ulrich Bruckner soll im Auftrag des Naturverbundes ein Jahr lang die Birkhuhnpopulation am ehemaligen Truppenübungsplatz untersuchen. Das Birkhuhn soll "das Zugpferd für die geplante Kampagne werden." Denn im Waldviertel und vor allem am Platz "existiert die letzte außeralpine Population auf heimischen Boden", erklärt Ulrich dem zweiten Protagonisten Christian Moser.
Dieser hat beim Bundesheer gearbeitet, einige Auslandseinsätze "in der Wüste" mitgemacht, und am letzten Tag des Truppenübungsplatzes einen Panzerunfall gebaut, bei dem er sein rechtes Bein verlor. Seit dem Ende des Panzerbataillons arbeitet er als Hausmeister im Asylantenheim, für dessen Bewohner er sich bei der erwähnten ersten Infoveranstaltung und auch danach einsetzt. Außerdem hilft er mit seiner umfassenden Kenntnis des Geländes Ulrich bei der Katalogisierung der Birkhühner.
Ulrich und Christian wissen um die Komplexität der Situation und versuchen sie auf ihre Art zu lösen. Ulrich will mit seiner Studie eine unumstößliche Grundlage für ein Naturschutzgebiet schaffen. Christian will mit guten Beispiel vorangehen und den Wolfssteigern seine Weltoffenheit vorleben.
Beide erkennen noch im ersten Drittel des Romans beziehungsweise lernen sie von einander, dass es dabei nicht um die Wahrheit ihrer Fakten oder um die Redlichkeit ihrer Intentionen geht, sondern dass es vor allem auf die Wirkung der guten, der richtigen Geschichte ankommt. Ulrich ist etwa erstaunt, als Christian ihm erzählt, dass der Somalier Masud Fischer war. Vor ein paar Tagen hat Masud Ulrich noch erzählt, dass er Bauer war: "Christian schien sich an dem Widerspruch nicht zu stören, aber Ulrich war beleidigt. 'Dann hat er mir eine Geschichte erzählt? Mir kann er doch die Wahrheit sagen!' / 'Nimm es nicht gleich persönlich. Wer weiß, vielleicht stimmt es ja auch.'"
Ulrich kann das aber nicht so schnell akzeptieren, weshalb Christian ihm Masuds mögliche Beweggründe für diese 'Lüge' erklärt: "Jeder Westler, den du triffst, hat eine Vorstellung, wie deine Geschichte aussehen soll. Deine wahre Geschichte glaubt dir sowieso keiner. Die Ayslbehörden wollen nur eine ganz bestimmte Version hören, die Wahrheit interessiert die gar nicht. Wenn du keine gute Geschichte hast, bist du aufgeschmissen."
Ulrich hat sich diese Lektion gemerkt. Als er etwas später Dee Browns Bury My Heart at Wounded Knee liest, bemerkt er ein Foto des Kiowa-Häuptlings Kicking Bird: "Eine Inszenierung für den weißen Mann, schoss es Ulrich durch den Kopf."
Davor erklärt er Christian, als sie über den Platz spazieren, dass es "im Waldviertel ursprünglich fast keine Nadelbäume gab". Der bestehende Laubwald "wurde abgeholzt, um Fichtenforste anzulegen." Christian kann das nicht glauben, ist er doch quasi im Fichtenwald aufgewachsen und zudem würde der Tourismus mit der guten Waldluft werben. "'Alles Betrug. Alles Fälschung.' Ulrich schien es zu genießen, in zu schockieren."
Bei einem Workshop, den der Naturverbund veranstaltet und in dem sich die verschiedenen Gruppen näher kommen sollen, wendet Christian dieses Wissen an und sagt, "dass die Fichten im Waldviertel ja gar nicht heimisch seien und der Borkenkäfer die ruhig auffressen könne."
Doch hilft ihm diese Einsicht um die Macht von den richtigen Geschichten? Nicht wirklich. Vielmehr macht sie die komplizierte Lage noch komplizierter, denn bereits im Workshop erkennen sie, dass sie nicht gegen die Geschichten der anderen ankommen werden. Auch wenn sie diese als falsch enttarnen, halten sie genug andere Menschen für richtig und gut.
Bröderbauer, so viel sei hier verraten, lässt sie keine einfachen Lösungen finden. Und das ist die große Stärke von Wolfssteig: Jenes Gefühl von Ohnmacht sichtbar zu machen, das sich einstellt, wenn man erkennt, dass man etwas machen muss, man aber nicht weiß, wie man es machen soll. Oder wenn man erkennt, dass man nichts (mehr) machen kann.
Davon ausgehend führt Bröderbauer Ulrich und Christian nach dem ersten Drittel an dunkle Orte. Doch zu Pessimisten werden sie nie. Dafür sind sie zu empathisch: Obwohl das natürlich das Ohnmachtsgefühl verstärkt, wollen sie die Hoffnung nicht aufgeben.
Vielleicht an diese ohnmächtige Hoffnung anspielend, beendet Bröderbauer sein gelungenes Debüt jedenfalls so wie er es begonnen hat: Mit einer kurzen und menschenleeren Szene am ehemaligen Truppenübungsplatz. Die Natur als Rahmen, der sich an den Menschen anpassen kann. Noch könnte der Mensch sich auch an sie anpassen.

Florian Dietmaier, Literaturhaus.at

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