264 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag



€ 24.00

ISBN 978-3-903184-31-2

David Bröderbauer

WOLFSSTEIG

Als der Truppenübungsplatz in Wolfssteig aufgelassen wird, werden die vielfältigen Hoffnungen der Bewohner zum Leben erweckt. Die Verhandlungen und Streitereien beginnen – wird das Land privatisiert, kommt ein Asylheim oder wird aus dem riesigen Grundstück ein Nationalpark? In diesem tragikomischen Provinzdrama treffen moderne Themen des dörflichen Lebens auf wunderbar intensive und fachkundige Naturschilderungen.

Der Truppenübungsplatz Wolfssteig im Waldviertel wird aufgelassen. Jetzt beginnt das Ringen um die Zukunft des Grundstücks. Ein Biologe, Ulrich, streift durch das Gelände und zählt die seltenen Birkhühner, er trägt den Plan für einen wunderbaren Nationalpark im Kopf. Ein ehemaliger Wehrdiener, Christian, versucht den Neustart als Hausmeister in der Kaserne, die bald Flüchtlinge beherbergt. Und die Nachfahren der Enteigneten fordern ihre alte Heimat zurück, die 1939 zum Sperrgebiet wurde, als viele Dörfer geräumt und Menschen vertrieben wurden, um Hitlers Truppenübungsplatz Platz zu machen. Blind verfolgen die Widersacher ihre Ziele, und rasch geraten die Fronten durcheinander. Zuletzt fliegen auf dem Truppenübungsplatz Wolfssteig die Funken.

David Bröderbauer erzählt davon, wie auf der Suche nach einem festen Bezugspunkt die Orientierung verloren geht. Dieser Gegenwartsroman überzeugt durch seine intelligente Handlung und die wunderbaren Naturschilderungen in der Tradition von Henry David Thoreau.

Obwohl es bereits die vierte Informationsveranstaltung zum Schicksal des Truppenübungsplatzes war, füllten die Wolfssteiger den Burgsaal auch an diesem Samstag wieder bis zum letzten Platz. Die Zuspätgekommenen drängten sich an die Rückwand und in die Fensternischen. Auf dem Podest hantierte jemand nervös mit dem Mikrofon, aber es kam kein Ton heraus. Die Zuhörer unterhielten sich laut. Die meisten schienen sich zu kennen. Ein paar Reihen vor Ulrich, der in der vorletzten Platz genommen hatte, rief jemand: »Hans, jetzt gib doch den Hut runter, wir sehen ja nichts. Wieso hast denn überhaupt den Gamsbart auf, heute gibt’s nichts zum Schießen!«, worauf die Sitznachbarn des Witzboldes lachten und der Hans seinen Hut wie zum Gruß lüftete und auf den Schoß legte. Die Leute beschwerten sich, dass die Luft wieder so stickig sei. Jemand riss ein Fenster auf. Vom Burgberg aus hatte man einen prächtigen Blick über den Truppenübungsplatz, wo in diesem Moment die Sonne unterging.
Neben Ulrich nahm ein Mann mit dunkler Hautfarbe Platz, der einzige Schwarze im Saal. Er trug ein ziemlich altmodisch geschnittenes Sakko und ein weißes Hemd mit steifem Kragen. Ulrich wunderte sich nicht so sehr über die Aufmachung als über den Mut des Mannes, hierherzukommen. Die Leute im Saal machten allerdings nicht viel Aufhebens um ihn, ein paar Umstehende hoben sogar ihre Augenbrauen zum Gruß. Der Mann bemerkte, dass Ulrich ihn musterte, und sprach ihn an. »Guten Tag, ich bin Stephen Obasi, der Pfarrer von Wolfssteig«, sagte er mit einem englischen Akzent. »Sie leben auch hier?«
Ulrich fühlte sich überrumpelt. »Nein, das heißt, ja, ein paar Kilometer außerhalb, in Apfelscheid.«
»Apfelscheid. Sie haben dort ein Haus?«
»Nein, ich habe eine Wohnung gemietet, bei Adam Kramer, falls Sie den kennen.«
»Aber natürlich, Kramer, alter Musiker. Ist noch nie bei mir in der Messe gewesen. Nur die alten Marienstatuen hat er sich angeschaut. Aber irgendwann muss er auch zu mir kommen«, sagte er mit einem tiefen Lachen. Plötzlich wieder ganz ernst, fragte er: »Und Sie? Wie ist Ihr Name? Woher kommen Sie?«
Ulrich war verunsichert. Der Pfarrer registrierte es mit einem schelmischen Lächeln. War er vertrauenswürdig?
»Mein Name ist Ulrich Bruckner. Ich habe bis vor Kurzem in Wien gelebt, aber ursprünglich komme ich aus …«
In diesem Moment brachte ein rundlicher Mann mit Schnurrbart und ordentlich über die Glatze gekämmten Haaren das Mikrofon zum Laufen. »Grüß euch, liebe Wolfssteiger. Das heute ist die letzte Versammlung zum Thema Asylantenheim. Ich sage euch gleich, ich habe mich sehr bemüht, den stellvertretenden Landesrat zu bekommen, aber aus terminlichen Gründen musste er leider …« Die Anwesenden unterbrachen den Bürgermeister mit wütenden Rufen. Der Hans ohne Hut hob die Faust und zeterte: »Das ist wieder typisch, wenn wir was brauchen, lassen uns die Politiker im Stich.« Ein anderer drohte: »Bei den nächsten Wahlen werdets schon sehen, was ihr davon habts.« Die kleinen Augen des Bürgermeisters wuselten wie verschreckte Mäuse
zwischen den Gesichtern der Zuhörer hin und her. Bei jeder Unmutsäußerung zuckten die pelzigen Brauen. Schließlich unterbrach er die Zwischenrufer. »Bitte, Herrschaften. Ihr müsst doch verstehen: Das Gelände gehört dem Bund. Mir sind doch da die Hände gebunden. Nicht einmal der Landeshauptmann hat ein Zugriffsrecht. Das Heim steht, das können wir jetzt nicht mehr ändern. Aber ich versichere euch, die Partei hat mir ihren vollen Rückhalt versichert, und wir werden dafür Sorge tragen, dass wir das Beste aus der Situation machen.«
»So ein Blödsinn«, sagte ein Zuhörer in einem groben Karohemd. »Ihr Politiker lügt doch, dass sich die Balken biegen. Die Innenministerin hat dem allen zugestimmt, und die ist von deiner Partei. Die ist froh, dass sie die Asylanten nach Wolfssteig abschieben kann. Bei uns kostet sie das weniger Stimmen, wie wenn sie irgendwo in der Stadt ein Heim hinstellt. Und kosten tut es sie auch nichts, weil die Gebäude vom Bundesheer schon alle da sind. Also erzähl uns keine G’schichten, Toni.« Der Mann hob bestimmt den Zeigefinger. »Uns hauts den Milchpreis zsamm, und den Negern steckts des Geld hinten rein. Da stimmt doch was nicht.«
Einige Zuhörer klatschten so heftig, dass ihre Hände rot anliefen. Der Pfarrer blickte regungslos geradeaus. Eine rothaarige Frau, Brille mit grünem Rahmen, erhob sich entschlossen. Die Arme verschränkte sie beim Sprechen vor der Brust. »Also jetzt möchte ich bitte auch was sagen. Wolfgang, ich verstehe deine Sorgen. Aber diese Menschen haben noch viel größere Probleme als du. Die brauchen wirklich Hilfe. Wir dürfen jetzt nicht wegschauen.« Sie wurde vom spitzen Lachen eines älteren Herren unterbrochen, der tief in seinen Sessel gesunken war und sich beim Reden nicht aufrichtete: »So viel Zeug, wie ihr denen schon geschenkt habts, haben wir ja selber nicht. Und ihr sammelts noch weiter, und dann gebts ihr denen auch noch Deutschkurse, statt dass ihr euch auf den Schulbeginn vorbereitets.« Seine Nachbarin sekundierte eilig, dass sogar der Bäcker schon mehr Brot für die Ausländer als für die Einheimischen backe. Die roten Hände klatschten wieder.
Da mischte sich ein junger Mann ein. Er hatte es sich auf einem Fensterbrett bequem gemacht. Mit verschränkten Armen saß er da. Die Unterarme waren ziemlich muskulös. »Jetzt seids doch einmal ehrlich. In dem Bauernnest ist seit dreihundert Jahren nichts Spannendes mehr passiert. Ihr solltet froh sein, dass sich wieder einmal was tut, dann habt ihr wenigstens was zum Reden.« Die Zuhörer starrten ihn ungläubig an. »Neunzig Prozent von euch stehen schon mit einem Fuß im Grab. Was kann dem Ort Besseres passieren, wie wenn da neue Leute herkommen? Ein Haufen neue Arbeitsplätze entstehen durch das Heim auch. Wenn es die nicht gibt, ziehen die letzten Jungen auch noch weg.«

Zitate

Ein Truppenübungsplatz als rurales Sittenbild
David Bröderbauer ist mit seinem Debüt "Wolfsteig" ein beachtlicher Gesellschaftsroman gelungen. Im Zentrum steht eine riesige Brache im Waldviertel. Und ein Figurenreigen, der seinesgleichen sucht.
Der Truppenübungsplatz Wolfsteig ist ein Naturjuwel. Seit die Nazis die Bevölkerung von dem Areal vertrieben haben, wuchern hier Kiefern, Birken, Fichten, Goldruten, Bruchweiden, Feldulmen, Mondviolen, Winterlinden. Rehe, Wildschweine, Mufflons, Seeadler, acht verschiedene Specht-Arten leben auf dem Sperrgebiet. Sogar Birkhühner soll es hier noch geben. Die haben es dem Biologen Ulrich Bruckner angetan. Als der Truppenübungsplatz schließt, soll er sie im Auftrag des Naturverbandes zählen.
Denn der Truppenübungsplatz Wolfsteig – oder Tüpl, wie der Einheimische sagt – ist heiß umkämpft. Die Übungsgefechte der Rekruten waren eine Kleinigkeit im Vergleich zu den Schlachten, die seit der Auflösung der Heereseinrichtung hier toben. Der Naturverband will einen Nationalpark errichten, die Nachfahren der 1939 Enteigneten fordern ihre alte Heimat zurück. Und vielen Einheimischen ist das neue Asylzentrum in der alten Kaserne ein Dorn im Auge.
David Bröderbauer, 1981 im niederösterreichischen Zwettl geboren, verhandelt in seinem Debütroman "Wolfsteig" die Probleme unserer Zeit auf einem Truppenübungsplatz, der erst nach dem Abzug der Soldaten zwischen die Fronten – und ins Zentrum der Begierde gerät. Um die riesige Brache schwirren die großen Themen Flucht, Fremdenfeindlichkeit, Religion, Identität, Naturschutz, Landflucht, Freundschaft, Liebe – während Frösche unbeeindruckt in feuchten Granattrichtern laichen. Ein Sperrgebiet als Sittenbild der Gesellschaft.
Die Themenlawine, die Bröderbauer in "Wolfsteig" lostritt, überrollt den Leser nicht. Sie geht neben ihm nieder. Er beobachtet sie. Das ist der klaren Sprache des Buches genauso geschuldet wie der formalen Stringenz, die Bröderbauer konsequent einhält. Abwechselnd folgen die Kapitel den beiden Hauptprotagonisten. Da ist der junge Biologe Ulrich Bruckner, der aus der Großstadt in seine Vergangenheit zurückkehrt – und ein tief gespaltenes Waldviertel wiederfindet. Da ist der ehemalige Soldat Christian Moser, der nach einem Panzerunfall als Hausmeister im Asylzentrum arbeitet – und seine Beinprothese mit Magenta-Lack besprüht.
Gemeinsam stolpert das Duo über den Truppenübungsplatz auf der Suche nach Birkhühnern und nach sich selbst. Dabei bekommen sie es mit Autoprolos, rechten Schlägern, Esoterikern, wütenden Bauern, Naturschützern, Flüchtlingen, dem Bürgermeister und einem Pfarrer aus Nigeria zu tun. Alle haben sie Lunte gerochen. Jeder will seinen Teil des Tüpls.
David Bröderbauer kennt das Land und seine Leute. Und wir kennen seine Figuren. Sie sitzen in den Gemeindesälen, den Dorfdiscos, Pfarrhäusern und in den Kinderzimmern der Provinz. In "Wolfsteig" formieren sie sich zu einem Reigen, der in der hiesigen Literatur seinesgleichen sucht. Frei von Klischees und Stereotypen malt Bröderbauer ein rurales Bild der Gegenwart, ohne jedoch mit dem Zeigefinger zu wedeln oder gar ins sentimentale Fach des Heimatromans abzugleiten. "Wolfsteig" mutet zunächst an wie eine Mischung aus Wolf-Haas-Krimi, "Braunschlag" und modernem Franz-Innerhofer-Drama, bevor sich das Buch als handfester Gesellschaftsroman entpuppt.
Nebenbei überzeugt der studierte Biologe Bröderbauer mit fantastischen Naturschilderungen. Die wilde Natur des Tüpls – wo sich Wildschweine paaren, Bienen um Blütenkörbe schwirren, das morsche Holz des Urwalds knarzt – steht im drastischen Widerspruch zur menschlichen Diabolik, die sich an diesem Ort genauso offenbart. Der Tüpl, unberührtes Habitat für Flora, Fauna – und Niedertracht. Ein Vexierbild unserer Zeit.

Top