225 S., gebunden
Mit Grafiken von Carry Hauser.

€ 22.00

ISBN 3-900399-75-1

Else Feldmann

Der Leib der Mutter

Erstmals 1924 als Fortsetzungsroman in der Arbeiter Zeitung in Wien, 1931 dann in Buchform - erschienen.

Einer trüben Zeit verhaftet, im Ton des Erzählens am Leben de "kleinen Leute" orientiert, schildert die Autorin, wie sie sich durchfristen, wie sie scheitern an der Bitterkeit dieser Jahre, die ahnen lassen, daß es noch schlimmer kommen wird. In einer Zeit, in der soziale Not und Rassismus wieder ungeahnte Formen annehmen, kann der Roman von Else Feldmann als sensible Zeit- und Milieustudie, die auch heute - wieder - Gültigkeit hat, gelesen werden.

Es war nach Geschäftsschluß. Die Luft war lau, die Leute gingen langsam und frühlingsmüde. Er ging eine halbe Stunde und kam in die Gegend des Artistenviertels, der kleinen Handwerker, Fabrikarbeiter, Kellnerinnen, Blumenmädchen, Hausierer, Zuhälter und Prosituierten; der kleinen verrufenen Kaffeehäuser mit dichten Vorhängen, wo bis zum Morgen Musik spielte; der Fremdenherbergen und Kinderbordelle.
Der schöne, warme Abend, das schwüle Wetter - es war Ende März - machte die Menschen trunken; die Männer sahen wie wahnsinnig nach Frauen aus.
Die Prosituierten kauften sich vom Verdienst der letzten Nacht die großen Strohhüte in den Modegschäften, gingen wie mit Rädern auf den Köpfen unter den Bogenlampen spazieren und guckten unter dem Haar hervor.
"Nun kann man euch nicht einmal vorher anschauen für sein gutes Geld", sagten die Männer und schimpften über die neue Mode der großen Hüte.
Einer fing mitten auf der Straße Streit mit einem Mädchen an, sie standen in der Tür des Kaffeehauses, er stieß sie hinaus über die Treppe und nannte sie eine blöde Hure. Da ging Laich vorüber; sein Gesicht zuckte schmerzlich, das Schimpfwort traf ihn wie ein Hieb; die Frau, wer immer sie war, tat ihm leid. In seinen Gedanken sagte er sich: Es kann eine Mutter sein, die man beschimpft...

Top