Mit einer Einleitung von Dorit Whiteman
In Zusammenarbeit mit Eleonore Lappin und Albert Lichtblau
Aus dem Amerikanischen von Mascha Dabic
270 Seiten/Hardcover

€ 23.90

ISBN 978-3-85286-207-1

Lilian M. Bader

Ein Leben ist nicht genug

Memoiren einer Wiener Jüdin

Autobiografische Erinnerungen an eine verlorene Welt zwischen dem Alsergrund in Wien und New York. Ein historisch hochinteressanter Fund aus dem Archiv des New Yorker Leo-Baeck-Instituts.

Ein Leben zwischen Anpassung und Selbstbestimmung, zwischen Assimilation und Flucht. Die Memoiren zeichnen sich durch viele köstliche Anekdoten und den scharfen Blick Baders aus, der in vielen Details erkennen lässt, dass für sie das Private nie von der aktuellen Politik zu trennen war.
Wien im Fin de siècle. Lilian Bader, geborene Stern, wächst in behütet bürgerlichen Verhältnissen auf, wenngleich das nach außen aufrechterhaltene Bild nicht der familiären Realität entspricht. Es sind die letzten Jahre der Donaumonarchie, die Bader, neben der ständigen Abwesenheit des Vaters, prägen: das bunte Treiben in der kaiserlichen Residenzstadt, der Tod der Kaiserin; das künstlerische Wien, das nicht zuletzt aufgrund der Arbeit ihrer Mutter als Klavierlehrerin und des musikalischen Talents ihrer Schwester an Bedeutung gewinnt.
Lilian Bader, die mit ihrer Familie 1938 zur Emigration gezwungen wird, erzählt auf beeindruckend analytische Weise von ihren Studienjahren als eine der ersten Chemiestudentinnen in Wien, dem zunehmenden Antisemitismus, der jungen 1. Republik, dem Dollfuß-Attentat, den Jahren des Austrofaschismus und der familieneigenen „Stern’schen Schule“, einer bekannten Mädchenschule, die von Bader nach dem Tod der Mutter geleitet wurde und die nach der erfolgten Arisierung in der Nazizeit, als Exempel für die Restituierungspolitik in der 2. Republik, verstanden werden kann.

Obwohl ich damals noch so klein war, war es für mich nicht ungewöhnlich, fremde Sprachen zu hören. Es kam oft vor, dass ein Fremder, der soeben am Bahnhof angekommen war, nach dem Weg fragte, in einer Sprache, die niemand verstand. Menschen, die ich jeden Tag sah, sprachen nur gebrochen Deutsch. Der Schuster, der unsere Schuhe reparierte, sprach Tschechisch. Der Mann, der Eier und Butter direkt vom Hof verkaufte, kam von der anderen Hälfte des Reiches, hinter der Grenze; er war Ungar. Der Mann, der in der Straße laut rief, dass er alte Kleidung kaufte, war Pole. Der Eisverkäufer mit dem kleinen Wagen und einer schrillen Glocke war Italiener, er stammte aus dem Süden der Monarchie, aus dem Gebiet Triest. In diesem Reich wurden achtzehn verschiedene Sprachen gesprochen, und Gott weiß wie viele Dialekte! Wien, als das Zentrum des Reiches, übte eine magnetische Anziehung aus.
Eines Tages, es war Anfang September, versanken unsere Straße und die Seitengässchen in tiefer Trauer. Lange schwarze Fahnen hingen von jedem Dach herab, jedes Fenster war mit schwarzem Krepp ausgekleidet; in jedem Schaufenster war das schwarz eingerahmte Porträt einer wunderschönen Dame zu sehen: Kaiserin Elisabeth, die Gattin von Kaiser Franz Josef, war einem Attentat zum Opfer gefallen.

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