220 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Leseband

€ 23.00

ISBN 978-3-903184-76-3

Katharina Tiwald

Mit Elfriede durch die Hölle

Die Hölle? Die liegt am Flughafen Schwechat – wo Himmel und Erde einander berühren. Und niemand anderer als Elfriede Jelinek ist der perfekte Guide durch die zeitgenössische Hölle, wo – so wie bei Dante – die Sünder von heute unterwegs sind. Ein literarisches Schurkenstück der Sonderklasse.

In Dantes mittelalterlicher Hölle schmorten seine Zeitgenossen: Lustmolche, Zuhälter, Korrupte und jede Menge anderer Sünder. So eine Hölle schreit zu jeder Zeit nach einer Aktualisierung, schließlich werden Sünden nie alt und nie anders. Während Dante auf seiner Tour durch die Unterwelt vom Dichter Vergil geführt wurde, braucht die heutige Hölle eine neue Führerin – und dafür eignet sich niemand besser als Österreichs „prima poetessa“ Elfriede Jelinek.
Auch heute ist die Hölle an einem Ort angesiedelt, wo Himmel und Erde einander berühren: am Flughafen Schwechat. In den Gates sind unsere aktuellen Sünder zu besichtigen, und wie es sich für ein ordentliches Jenseits gehört, statten auch ein paar Tote der neuen Hölle einen Besuch ab.
Am Flughafen angekommen, beginnt ein literarisches und assoziationsreiches Absolvieren von für die Menschheit bedeutsamen Stationen und Menschen. Wir begegnen u.a. Robert Pfaller, wir begegnen den mittlerweile handysüchtigen Geschwistern aus Jelineks Roman „Die Ausgesperrten“, wir begegnen dem Dichter Peter Hammerschlag und vielen anderen mehr.

75 Jahre Elfriede Jelinek, 700 Jahre Dante Alighieri, 67 Jahre Flughafen Schwechat – hier kommt der Roman, der all das auf das Gewitzteste zusammenführt. Geistreich, provokant und sehr unterhaltsam.

DIE STADT WAR VERLASSEN wie in üblen Filmen. Die Figuren, die vorüberhasteten, hatten die Gesichter gesenkt, wichen mir und einander aus; mir kam vor, alle trugen Schwarz. Wahrscheinlich war der Dritte Mann aus der Kanalisation entkommen und lauerte hinter der nächsten, schmierigen, nebelverhangenen Ecke. Genauso fühlte sich der Gang durch die Gassen und Straßen an, nur ab und zu schob sich eine marode Straßenbahn an Geleisen vorbei, quietschend, in ihren Gelenken knarzend, durch die frostgeränderten Scheiben zeigten sich Schemen von Köpfen und Mantelkrägen. Über den Gesichtern Masken, über den Köpfen Kapuzen und Hauben: Puppen hätten in den Wägen sitzen können, platziert von Stephen King. Ich ging.
Mein Koffer hüpfte über die schlampig reparierten Risse in den Gehsteigen, an den Randsteinen kippte er regelmäßig um, wie um mich zu frotzeln. »Schwechat«, zischten die Rädchen höhnisch, »Schwechat, wär gelacht, wenn sie ankommt dort, wenn sie ankommt dort«, sie rollten weiter, ich zog weiter, ich ging. Wenn ich will, bin ich wie aus Stahlwolle gemacht: Ich seh bloß weich aus. Zack, zack, mochten die Rollen rollen, was sie wollten.
Die Bäume am Ring nackt, was sonst. Blätter, Hoffnung, so was gab es, gibt es nicht mehr. Ich stieß die Luft beim Ausatmen durch die Zähne, ließ es zischen, spürte den Luftstrahl von der Maske zu mir zurückkommen. Ich badete im eigenen Saft, mir war warm um den Mund, das war gut.
Bei der Oper angekommen, zeigte sich das übliche Bild, hier war ausgespielt, ausmusikt, die Türen standen sperrangelweit offen, trotz der Kälte, die ihrerseits eine schlampige, unausgegorene Kälte war, Kälte aber nichtsdestotrotz, und auf den flachen Stiegen hatten sich ein paar Obdachlose drapiert, die noch nicht lange obdachlos waren: Eine Dame trug noch ihren Pelz, ihre Perlen, aber sie stierte so leer vor sich hin wie der Herr im Frack, der auf einer benachbarten Stufe apathisch eine leere Champagnerflasche hin- und herschwenkte.
Ob sie Polonaisen hörten in ihrem Kopf, war mir egal. Ich wollte
bloß weg von hier.
Aber wie?
Vor der Oper stand ein Fiaker mit einem fast schon zu Dörrfleisch gewordenen Klepper im Geschirr. Da wäre ich wohl schneller zu Fuß in Schwechat! Mit einem von beiden begann ich im Stand auf den Asphalt zu treten, was ich immer tue, wenn ich eine Lösung herbeizaubern will – meinetwegen herbeischreiben, das Tappen ist ja wie Tippen. Und wie schon mehr als einmal passiert, nahte auch jetzt die Lösung: Gleich drei Taxis schwangen sich um die Kurve, von der Albertina kommend, und stürzten, Schnauze an Kofferraum, in die Bremsen, quietschten, blieben stehen, fast rauchten die Reifen, und ehe ich mich’s versah, sprangen die Türen auf und wie Regenwetter kamen drei Gestalten auf mich zu.
»Signora!«, rief der Erste, ein wenig vertrauenserweckender Geselle mit einer riesigen Zahnlücke im Gebiss und einem, sah ich richtig?, Leopardenfellkragen an der abgewetzten Lederjacke, »Sie wollene su Schwechate? Ich fahre!« – »A so a Schas«, rief der Zweite, ein Afrowiener, gebaut wie Wotans Krieger, der sich zwei Luchsohren an einen Lederhelm montiert hatte, »die gnä’ Fraou foaht mit mia und sunst neamd!« Und schließlich fuhren zwei bekrallte Hände zwischen die beiden, stießen die zwei auseinander, und eine höchst magere, ausgezehrte Frau, deren wahrscheinlich sechzig Jahren die Entbehrungen des Lockdowns noch zehn Jahre draufgegeben hatten, bohrte sich kerzengerade und stichgrauen Haarschopfs zu mir durch; ihren Haut-und-Knochen-Körperbau umschlackerte ein, ich schwöre, Wolfsfell. Ich wünschte, ich hätte sie mit dem Handy aufgenommen, ihre Stimme, hätte die Diktierfunktion aktivieren können, wie sie sagte: »De zwaa Drottln findn
med zehn Diobtrien ned noch Schwechat! Owa i! Und bei mia im Taxi gibt’s a Salamibrod, dass Se goa neama fuatfliagn wean wuen, gnä’ Frau, und scho goa ned noch Idahlien!«
Ich linste zu den Autos hin, sah, dass das eine kotflügelfrei, das zweite auf rasierten Reifen und das dritte als Rostlaube unterwegs war, und lehnte vorerst dankend ab. Irgendwie, Herrgottsakra, musste das anders gehen.
»Danke, i hob’s ma andas übalegt«, sagte ich höflich und schickte mich an, mit dem Trolley die Reise in den dritten Bezirk anzutreten.
»Woooos?«, belferte da die Dame. »Die gnä’ Frau is si z’guad füa mei Salamibrod? Na, des gehd owa ned! Wo bleibtn do de Solidaridehd? San Se ned so a Guadmensch? Schauman S’ eahna ned, wie Se do de Weana Taxla im Regn stehn lossn? Na woat!« Und sie machte Schritte auf mich zu, als habe sie heute noch nichts gegessen.
»Lossn S’ de Dame in Ruah, de kheat mia!«, brüllte der Afrowiener mit den Luchsohren und stieß der Wolfsdame einen Ellbogen in die Seite, dass es nur so krachte. »Du Oa…!«, drang es aus deren Kehle, während der Herr im Leopardenkragen die Gunst der Sekunde nutzte, mich am Arm packte und zu seinem Škoda des Schreckens zerren wollte. Mein Trolley knickte ein, weil da ein loser Pflasterstein aus dem Boden stak, die Missgunst der Materie trat klar zutage, wie auch die Impertinenz der drei Personen, die so taten, als seien sie Taxler. Wer weiß? Autodiebe, schoss es mir durch den Kopf, das sind Autodiebe, die nur so tun, die führen hier eine Komödie auf, die wollen mich ausrauben und abmurksen, bevor ich überhaupt nur die Spitze des Towers von Schwechat sehe, und ich begann ernsthaft, um mein Leben zu fürchten – ganz so, als gäbe es keinen Virus, ganz so, als sei alles Prä-Lockdown, im Leben, als wir noch gar nicht wussten, was »Gefährlichsein« wirklich
bedeutet.
Ich sah meine letzte Sekunde heranrücken.
Da geschah etwas, das mich noch heute mir die Augen reiben lässt, eingeleitet von einem fokussierten Sonnenstrahl, der dem Fiat Punto voranfuhr; es war ein warmer Sonnenstrahl, der wie Moses das Rote Meer die Misere hier teilte, das Dunkel, das am Ring vor der Oper waberte, es war ein kleiner Fiat Punto, schwarz, aber in tadellosem Zustand, und sein Fenster senkte sich und eine Hand winkte mich heran und eine Stimme rief: »Steig ein, du da
mit dem Trolley, wenn du kein Schatten bist!«
Ich sah nur den Schatten einer Haartolle, ich hörte nur, dass die Stimme einer Frau gehörte, aber ich ließ mir solche Anweisungen nicht zweimal geben, ich dankte schon einmal schnell Gott, an den zu glauben ich mir nicht abgewöhnen möchte, weil es nämlich schön ist; ich schnellte auf die andere Seite des Autos, Gott sei Dank prügelten sich die drei Pseudotaxler wie Tick, Trick und Track auf Speed, ich schwang mich in den Punto, ich hatte noch den Trolley auf dem Schoß, als die Frau am Steuer Gas gab, sich die Räder durchdrehten und wir weiterschossen, weg von dieser Szene wie am Rand der Hölle.
Ich linste hinter meinem Trolley hervor, den ich vor dem Bauch liegen hatte, »so fühlen sich also Schwangere«, dachte ich noch, während ich die Frau am Steuer erkannte und scharf einatmete, sodass die Stoffmaske an den Lippen kleben blieb.
»Frau Jelinek? Sind … sind das Sie?«
»Ja, Jelinek. Und Sie?«
»Äh, Tiwald mein Name, aber das ist nicht … nicht wichtig.«
Verdammt. Ich war nicht imstande, der Nobelpreisträgerin meinen vollen Namen zu sagen, typisch ich, typisch meine Kindheit, depperte Bescheidenheit; ich rutschte auf dem Sitz herum, peinlich berührt, und schaffte es irgendwie, den blöden Trolley auf die Rückbank zu verfrachten – indem ich nämlich den Zipp öffnete, die unnötigen Schuhe, schicke Schuhe mit hohen Absätzen, rauszerrte und nach hinten pfefferte, ebenso die Hausbibel (offenbar plante ich, nie mehr wiederzukehren) und meine Toilettetasche, der Rest ließ sich zu einer Kofferpalatschinke zusammendrücken und nach hinten werfen.
Erst dann konnte ich durchatmen.
»Sie können die Maske abnehmen, wenn Sie das Fenster öffnen «, sagte Elfriede Jelinek und deutete auf den Fensterheber, eine charmante Kurbel wie im Jahrtausend meiner Geburt. Ich kurbelte, und Frischluft drang in die Kabine, als stürme der Frühling heran.
»Ich … ich danke Ihnen sehr, Frau Jelinek. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll. Sie haben mir vielleicht das Leben gerettet!«
»Ich weiß«, sagte sie und schaute auf die Straße. »Es ist hier schon zu Massakern gekommen«, fuhr sie nach einer Weile fort: »Natürlich ist die Oper ein Ort des Massakers, die Oper ist ein Opferort, hier wird das Schweigen eingeübt gegenüber der Totalität der Musik, aber eigentlich gegenüber der Totalität des Genies, das ohnehin schon tot ist; es sind ihrerseits quasi Todtouristen, die vor der Oper nach Taxis suchen. Und hier so zu Tode kommen, wie es im Inneren der Oper dem Verstand zustößt. Nur dass der Körper nach der Tötung des Verstandes weiterlebt. Leben muss. Das ist der Unterschied.«

Literaturstars im Inferno

Katharina Tiwalds Roman „Mit Elfriede durch die Hölle“ ist eine grandiose, bitterböse Aneignung von Dantes „Göttlicher Komödie“ – und zugleich Hommage an Jelinek und ihr Werk.

Das zurückliegende Dante-Jahr hat nicht nur eine Vielzahl von Würdigungen und Veröffentlichungen mit sich gebracht, sondern auch dafür sensibilisiert, wie nahe uns Dante und sein Werk sind – oder zumindest sein können. Die Ausgestaltung einer ungeahnten räumlichen Nachbarschaft bietet der Roman „Mit Elfriede durch die Hölle“ der österreichischen Autorin Katharina Tiwald, verlegt sie doch das Inferno an den Flughafen Schwechat. Nicht genug damit, aus diesem Ort des Über- oder auch Durchgangs einen höllischen Raum herauszuschälen – ihre mit viel Selbstironie gezeichnete Protagonistin „Frau Tiwald“ wandert, angelehnt an die Cantos der „Göttlichen Komödie“, durch die Tiefen einer völlig neuen Unterwelt.
Ganz im Sinne des referenzierten Klassikers ist „Tiwald“, Gewinnerin eines ominösen Literaturstipendiums, dabei nicht ohne Begleitung und Anleitung. An die Stelle Vergils tritt die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek, deren Werk Tiwalds Roman gleichermaßen durchzieht: Von den „Ausgesperrten“ bis zu den „Schutzbefohlenen“ sind Zitate in Tiwalds Text einmontiert, die bildstärkste und im besten Sinne auch naheliegendste Referenz bleibt dabei das höllische Wimmelbild „Die Kinder der Toten“. Lakonisch im Tonfall, lustvoll über alle Register hinweg referenzierend und sich geradezu durchkalauernd ist „Mit Elfriede durch die Hölle“ auch diesem Roman deutlich nachempfunden.
Wenn „die absolute Dichterin“ Jelinek also empfiehlt: „Schauen Sie sich gut um, bevor es weitergeht“, folgt ihr „Frau Tiwald“ im mehrfachen Sinne. Nach und nachüberwindet sie ihre selbst attestierte „depperte Bescheidenheit“, ins Staunen und Sprechen vertieft, wird das österreichische Inferno, Canto für Canto, Counter für Counter, erkundet.
Gar nicht zimperlich werden Stationen der Strafe dargestellt und abgegangen, immer zu auf ein Flugfeld, wo Beatrice in Fliegermontur wartet und im Hintergrund die Grünen vergeblich die dritte Piste zuzuschaufeln versuchen. Ohne Scheu nennt Tiwald auf dieser Route wie auch schon in früheren Arbeiten die Übeltäter beim Namen, die Tour durch die sogenannte Normalität reicht von MeToo bis zu Ibiza, von berittenen Innenministern a. D. bis zu Models in pechdurchtränkten Settings.
Dass die Ausstattung dieser Schrecken, in denen Bestrafung und Verbrechen einander entsprechen sollen, mitunter etwas zu wünschen übrig lässt, ist nicht Tiwalds Mangel an Imagination geschuldet, sondern dem Budget, einem attestierten Fehlen an Stipendien. Auch an diesem Punkt überblendet die Autorin ihre schillernde, sehr lustige Höllenfahrt mit realer Kritik: Ihr Roman ist nicht zuletzt eine Auseinandersetzung mit dem heimischen Literaturbetrieb, der als eitler Jahrmarkt der Aufmerksamkeitsökonomie dargestellt wird, als Ringen um Sichtbarkeit und biografische Haftungen auf Kosten ästhetischer Fragen oder gar Bildungsansprüche.
Tiwald, die sich mit Dantes „Commedia“ schon in Form von Theaterstücken, Podcasts und sogar einer noch unveröffentlichten Übersetzung des „Infernos“ auseinandergesetzt hat, eignet sich ebendieses Werk lustvoll an, um es (auch: für uns) zu erschließen.
Mit Jelinek und Dante im Gepäck hat sie in Zeiten von Corona einen Roman über eine Reise vorgelegt, die schlussendlich nicht angetreten wird. Der Himmel bleibt „leer“, eben weil Tiwald auf das Verharren in einem infernalischen Hier setzt, auf ein engagiertes Verständnis von Literatur im Sinne von Existenzbewältigung und kritischer Reflexion. Auch deshalb ist „Mit Elfriede durch die Hölle“ ein sehr ernster Spaß.

Die Presse, Thomas Ballhausen, Jänner 2022



Geschrieben hat Katharina Tiwald immer schon und immer viel. Aber im Rückblick auf 2021 fällt ihr auf: Es war ihr „schreiberischstes“ Jahr überhaupt. Neben Pädagogik und kulturpolitischer Hintergrundarbeit auch hat die Südburgenländerin für Texte für Zeitungen verfasst, einen neuen Roman veröffentlicht („Mit Elfriede durch die Hölle“) und ein Stück vollendet, um damit ins 2022er-Jahr zu starten. Im Grazer Theater im Keller wird „Bachmann in Leningrad“ am 18. Jänner uraufgeführt und bis Februar gespielt.
Ebenso poetisch wie politisch ersann Tiwald für die Bühne ein fiktives Aufeinandertreffen von Ingeborg Bachmann und der russischen Dichterin Olga Berggolz, das von Ernst Fischer, dem ersten Bildungs-Staatssekretär der Zweiten Republik, erzählt wird. Mit Parallelhandlungen und -welten kennt sie sich schließlich aus. Nach dem vor zwei Jahren erschienenen „Macbeth Melania“ folgte nun im Herbst der nächste literarische Streich im Wiener Milena Verlag – in den Hauptrollen: Elfriede Jelinek und … Katharina Tiwald selbst.
„Willkommen in der Hölle!“, sagt Elfriede Jelinek und meint es so. Und Katharina Tiwald meint es auch ganz genau so – dass sie (erneut) als ihre eigene Romanfigur in Erscheinung tritt, und dass sie das an der Seite der großen Jelinek macht. Genauer: mit ihr gemeinsam Dantes Inferno in einer ziemlich zeitkritischen Fassung durchlebt – am Flughafen Schwechat. Diese aberwitzig-gewitzte Kombination literarischer und bitterlich realer Welten (zum 75er Jelineks und zu Dantes 700er) funktioniert nicht nur, sie macht mit unbändiger Lust an der Sprache wie an der Zuspitzung einen Heidenspaß. Und verursacht mitunter höllisches Unbehagen.
Selbst wenn Heidi Klum mit einer Bande fieser Models auftaucht, Herbert Kickl auf einem Pony reitet oder Bruno Kreisky als gutmütiger Drache sinniert, ist das keineswegs zu viel des Guten. Es kann gar nicht genug sein!

Burgenländische Volkszeitung, Jänner 2022


Die "Mitzüchter des denkenden Menschen"

Katharina Tiwald gehört zu den seltenen Autorinnen, die mit vollem Klarnamen in ihren eigenen Werken auftauchen. Sie reflektiert über sich selbst, das Schreiben, die österreichische Kunstszene und die Politik. Das war schon in ihrem letzten Roman "Macbeth Melania" (2020) der Fall, der nur ein Jahr vor ihrem jüngsten Band "Mit Elfriede durch die Hölle" erschien.
In "Macbeth Melania" macht sich die Autorin Katharina Tiwald, genannt "die Tiwald", die gerade an einem Theaterstück arbeitet, das von einem Politikberater inszeniert wird, auf die Suche nach der Gattin des damaligen US-Präsidenten Donald Trump, der titelgebenden Melania Trump, die aus dem benachbarten Slowenien stammt.
In "Mit Elfriede durch die Hölle" wird die Autorin und Ich-Erzählerin Katharina Tiwald von der Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek durch eine Hölle geführt, in der österreichische und internationale Politiker, Potentaten und Verbrecher schmoren.
Tiwalds Romane sind wirklichkeitsgesättigt. Und sie haben Tempo. Sie sind so eloquent wie rotzig-derb, aber sie setzen eine Menge Wissen voraus, denn es hagelt in jedem Absatz nur so von Anspielungen. Bezogen sich diese in "Macbeth Melania" vor allem auf die österreichische Politik- und Kulturszene, so setzt der neue Roman "Mit Elfriede durch die Hölle" – und das macht ihn um einiges anspruchsvoller – auch eine gewisse Kenntnis der Autorin Elfriede Jelinek und ihrer Werke sowie der "Göttlichen Komödie" von Dante Alighieri voraus, verfasst vor beinahe 700 Jahren. (Der Autor starb am 14. September 1321.)
Um eventuelle Bildungslücken seitens der Leserschaft zu füllen, befindet sich im Anhang des Romans eine launige Zusammenfassung der einzelnen "Cantos" der "Göttlichen Komödie", die zu kennen ohnehin keinem literarisch Interessierten schaden kann.
Nach deren Lektüre sowie einer kurzen Einführung in Dantes Verskunst zu Beginn des Textes macht man sich an den eigentlichen Roman, dessen Erzählidee in einer Neuinterpretation der 34 Cantos besteht. Ein ambitioniertes Unterfangen, das Tiwald allerdings mit Witz und Einfallsreichtum meistert. Sprich: Statt Bildungsballast bietet der Roman eine burleske Anverwandlung an, die die Kontinuität der menschlichen Dummheit, Bosheit und Lächerlichkeit anschaulich macht.
Katharina Tiwald hat keine Scheu, auch die aktuellsten gesellschaftspolitischen Entwicklungen in Literatur zu verwandeln. Und so befinden wir uns tatsächlich im Zeitalter der Covid-19-Pandemie, die Menschen tragen Masken und sind gezeichnet von den "Entbehrungen des Lockdowns".
Die Hölle befindet sich am Flughafen Wien-Schwechat. Die Autorin Katharina Tiwald, so der Plot, hat ein "Durch-die-Hölle-gehen-Stipendium", "quasi eine Fortbildung" gewonnen, geleitet wird sie samt Romanmanuskript im Rollkoffer von der bewunderten Autorin Elfriede Jelinek. "In Verehrung Elfriede Jelinek zum 75. Geburtstag", lautet das Motto des Romans. "Ich sah sie von der Seite an, diese eigentlich zarte, eigentlich schöne Person, die mindestens eine Generation der Österreicher so leicht erkannte wie, sagen wir, die Mona Lisa."
Danach wird die meistgehasste und gleichzeitig am meisten respektierte Autorin Österreichs aber nicht mehr mit Samthandschuhen angefasst. Die Damen nennen sich beim Nachnamen. Zu ihnen gesellt sich Alex*, mit einem Sternchen geschrieben, weil "er* ein Mensch ist, in dessen Körper zur Kindszeit mit Operationsinstrumentarium herumgedoktert wurde, um aus einem Beinahe-Buben, der halt nicht ins Schnittmuster passte, ein hundertprozentiges, gutes, sozusagen rostfreies Mädchen zu machen".
Auch das heiße Genderthema lässt Katharina Tiwald also nicht aus. Das Befreiende an ihrem Zugang liegt darin, dass sie keine Message hat, sondern den Leserinnen und Lesern, mit und ohne Sternchen, eine Möglichkeit bietet, aus dem gewissen Abstand, den die Verfrachtung der Realität in Literatur nun einmal bedeutet, auf die aktuellen und umstrittenen Themen der Jetztzeit zu schauen.
Kuriositäten der heimischen Kultur bekommen dabei dieselbe Beachtung wie Missstände und Gräuel. Dazu gehört für Tiwald, auch sich selbst durch eine liebevoll-satirische Brille zu sehen, von der "im Kleinbürgerlichen wurzelnden Behütetheit" bis zu einem (nicht gänzlich ironischen) Glaubensbekenntnis an den christlichen Gott und das "umfassende Gute".
Durch die Tiwald’schen Assoziationsketten ist alles mit allem verbunden oder vielmehr alle mit allen. Man könnte es Name-Dropping nennen, aber der Begriff passt nicht, denn Tiwald macht sich mit solcherlei Nennungen nicht wichtig, sondern versucht die heimische Wirklichkeit abzubilden.
Außer ihr selbst und der Nobelpreisträgerin Jelinek tauchen etwa auf: die Autorin Marlene Streeruwitz, Manfred Müller von der Österreichischen Gesellschaft für Literatur, Milena-Verlegerin Vanessa Wieser, der Philosoph Robert Pfaller, der TV-Macher und Energy-Drink-Milliardär Dietrich Mateschitz, Falter-Chefredakteur Florian Klenk, der wegen Inzest verurteilte Josef Fritzl, der russische Dissident Alexei Nawalny, Model- und Casting-Show-Ikone Heidi Klum sowie eine lange Reihe von Politikern, die nicht immer beim Namen genannt werden, weil die Kenntnis ihrer Geschichte vorausgesetzt wird.
Neben der Frage nach der Halbwertszeit einer derart anspielungsreichen Literatur selbst für gelernte Österreicherinnen und Österreicher stellt sich zudem diejenige, ob auch die bundesdeutsche oder Schweizer Leserschaft damit etwas anfangen kann, die vermutlich schon mit den Dialektpassagen zu kämpfen haben wird. Aber das würde Katharina Tiwald wohl nur mit einem Schulterzucken quittieren. Denn sie steht Wohlfühlliteratur kritisch gegenüber.
"Ja, wir wollen quälen, wir müssen der Stachel im Fleisch sein, der Dorn in der Pranke des guten Lebens, die Prise Abführmittel im Chai Latte", schreibt sie an einer Stelle über die Aufgabe der Literatur und der Literaten. "Wir sind die Mitzüchter des denkenden Menschen." "Womöglich dachte ich zu viel, aber ich denke nun einmal ganz gerne", gesteht die Ich-Erzählerin an einer Stelle.
Fazit: Man muss dieses höllische Panoptikum oder vielmehr Pandämonium jetzt genießen. Zukünftige Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftler, mit und ohne Sternchen, werden dann einen umfangreichen Anmerkungsapparat erstellen müssen. In diesem könnten sie dann gleichzeitig auch die genaueren Bezüge zur "Göttlichen Komödie" erklären.

Literaturhaus Wien, Kirstin Breitenfellner


Plötzlich geistert der Name Dante Alighieri wieder laufend durch die Gazetten. Was ein sicheres Zeichen dafür ist, dass ein Gedenken ansteht: Vor 700 Jahren, am 14. September 1321, ist der hochgeschätzte Dichter in Ravenna gestorben. Das gilt es nun zu feiern. Doch wer liest heute noch Dante, wer entflammt ernsthaft für dessen „Göttliche Komödie“? Katharina Tiwald tut es jedenfalls, wie es scheint. Gerade erst hat sie Dantes „Inferno“, den ersten Teil der „Divina Commedia“ also, in ein zeitgemäßes, junges Deutsch übertragen und für einen Podcast auf die Bühne gebracht. Nun legt sie nach. Ihr Roman „Mit Elfriede durch die Hölle“ schickt sich an, uns das Teuflische und Dämonische unserer Tage drastisch und zugleich unterhaltsam vor Augen zu führen.
700 Jahre Dante Alighieri, zumindest, was seinen Todestag angeht, und 75 Jahre Elfriede Jelinek, sie möge noch lange leben: ein doppeltes Jubiläum. Zwei so hell strahlende literarische Fixsterne zusammenzuspannen, wird zum gewitzten Kunstgriff des Romans. Katharina Tiwald jagt die Nobelpreisträgerin auf den Spuren des italienischen Nationaldichters in die Hölle. Und das nicht im Alleingang: Jelinek ist mit ihrer Schutzbefohlenen unterwegs, der Ich-Erzählerin des Buchs. Sie entpuppt sich als Alter Ego von Tiwald und ist ihrer Lieblingsschriftstellerin in Hochachtung zugetan.
Dass sie tatsächlich live auf ihr Idol trifft, scheint ein ausgesprochener Glücksfall: Die Erzählerin ist auf der Suche nach einem Taxi zum Flughafen, als eine elegante ältere Dame ihren Fiat Punto abbremst und ihr vorschlägt, sie nach Wien-Schwechat zu kutschieren. Die Reisende reibt sich die Augen: Ist die hilfsbereite Frau am Steuer etwa Elfriede Jelinek? Und wirklich, sie ist es, ja, mehr noch: Sie bietet an, die jüngere Kollegin ins Reich der Schatten und Finsternis mitzunehmen, dessen Schlund sich ausgerechnet am Airport öffnet. Ein verlockendes Angebot. Zumal ihr mit Frau Jelinek eine kompetente Begleiterin zur Seite steht, ähnlich dem Vergil, der Dantes Helden auf seiner Tour durchs „Inferno“ eskortiert hat. Der oder die dritte im Bunde wird schließlich noch Alex, eine Bekanntschaft der Ich-Erzählerin, Geschlecht: divers. Gemeinsam stürzen sich die drei ins Abenteuer.
So ein Ritt gen Schrecken und Verderben, weiß Frau Jelinek, ist beileibe kein „Honigmilchtrinken“. Doch wer dieses „Durch-die-Hölle-Gehen-Stipendium“, eine Art Fortbildung für Autoren, einmal ergattert hat, kann daran nur wachsen, wie sie behauptet. Und überhaupt: Künstlerinnen und Künstler dürfen nicht kneifen und müssen sich unerschrocken ins Gefecht schmeißen, auch wenn es weh tut. Ein Erste-Hilfe-Set hat die abgeklärte, scharfsichtige Frau Jelinek in der Manteltasche. Dort lagert wie durch ein Wunder fast alles, was für einen solchen Höllentrip nötig ist. Besonders das „Speibsackerl“ ist regelmäßig im Einsatz angesichts der Gräuel und Scheußlichkeiten, die am Flughafen Wien-Schwechat in den Gängen und an den Gates warten.
Die 34 knappen Kapitel des Romans folgen den 34 Cantos von Dantes „Inferno“: Katharina Tiwald lässt sich von den Gesängen inspirieren, um dann ziemlich frei mit dem Stoff umzugehen. Sie spannt den thematischen Bogen breit und holt eine Fülle von Figuren auf die literarische Bühne, die die Abgründe moderner Zeiten repräsentieren. Da ist der österreichische Innenminister a.D., der auf dem hohen Ross daher reitet und muslimischen Sozialschmarotzern nachstellt, da ist das windige Journalisten-Pack auf der Jagd nach Skandalen und Skandälchen und dazu die Riege ambitionierter Jung-Politiker, die das Gemeinwohl im Spiegel ihrer Eitelkeiten und Machtgelüste aus den Augen verlieren. Während uns die sogenannten Philosophen mit leeren Ratschlägen bombardieren und sogar der Papst und dessen Entourage keinen Trost mit im Gepäck haben. Angesichts einer solcherart verlotterten Szenerie stehen widerständige Charaktere wie Pussy Riot, Edward Snowden oder Alexei Nawalny auf verlorenem Posten.
Katharina Tiwald zeichnet ein Panorama unserer Tage. Ob Korruption, die Schwächung der Rechtsstaatlichkeit, Sexismus, Umweltsünden, Fremdenhass oder die mitunter dubiose Rolle der Religionen, die den Extremismus befeuern: Alles da, was das Schmoren in der Hölle als angemessen erscheinen ließe. Der Befund über den Zustand unserer Welt ist schlicht und einfach trostlos: Die Gesellschaft schlingert dem Untergang entgegen und schmeißt sich dabei willenlos dem Teufel in die Arme.
In Tiwalds Inferno treten die mehr oder weniger gefährlichen regionalen und internationalen Bösewichte und ihre Klientel fast schon im Gänsemarsch auf: Geoffrey Epstein, Jörg Haider und Viktor Orbán, Marine Le Pen oder auch Heidi Klum mit ihren zweifelhaften Schönheitsidealen. Das ist viel auf einmal, und der Roman ist rundum ziemlich beladen. Entsprechend wichtig, ja geradezu rettend sind die humoristischen Überspitzungen und Brechungen. Anspielungen und Zitate verweisen laufend auf Elfriede Jelineks Werk. Deren Sprache trifft direkt auf den Wiener Slang, was Komik erzeugt und die Dialoge ordentlich aufmischt.
Der Roman ist flott unterwegs, mitunter aber gerät sein Motor ziemlich ins Stottern. Es gibt dann flachere Passagen, mit forcierten Gags und vorhersehbarer Satire. Doch es gelingt Katharina Tiwald immer wieder, neu anzusetzen, dem Thema Hölle ungeahnte Aspekte abzugewinnen und dabei auch noch das Schreiben an sich ausgiebig zu umkreisen.
Die Figur der Frau Jelinek bringt es schließlich auf den Punkt: Künstlerinnen und Künstler müssen nicht nur sich, sondern die Gemeinschaft quälen, so ihr Credo, sie sollen der Dorn in der Pranke des guten Lebens sein und die „Prise Abführmittel im Chai Latte“. Derlei Direktiven begegnet Katherina Tiwald augenzwinkernd und mit Ironie. Den Chai Latte, den wir bei der Lektüre genießen, wird uns ihr Roman nicht versüßen. Aber er wird auch nicht wirklich bitter schmecken.

ORF – Ex Libris, Susanne Schaber

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