304 Seiten, Hardcover, Leseband

€ 23.00

ISBN 978-3-903184-78-7

Wolfgang Millendorfer

Kopf über Wasser

Das Leben ist kein Hallenbad. Oder doch?
Ein Roman, der tief eintaucht in die Atmosphäre eines alten Hallenbads samt seinen trinkfesten Gästen. Erzählerischer Charme und viel Humor treffen auf Horror. Denn auch ein Politiker kommt darin vor.

Werner und Marina Antl sind die Besitzer eines alten Hallenbads, sie haben alle Hände voll zu tun, um den täglichen Betrieb aufrechtzuerhalten. Gemeinsam mit ihrer spätpubertären Tochter Rose, der resoluten Kantinenwirtin Bella, Bademeister Fred und dem Rest der unmotivierten Belegschaft müssen sie ihr desolates Haus nicht nur für die paar Stammgäste am Laufen halten, sondern auch gegen die Pläne eines windigen Politikers verteidigen.
Der Stress legt noch einen Zahn zu, als plötzlich ungewöhnliche Dinge passieren, zwei Saunagäste tauchen regelmäßig wie aus dem Nichts auf, eine alte Dame im Badeanzug tastet sich durch die Gänge, und dann findet sich auch noch ein mysteriöses Kästchen mit der Nummer 25. Gibt es auch im Hallenbad eine Parallelwelt? Diese Frage muss verschoben werden, zumindest bis nach dem Jubiläumsfest, das in ein paar Tagen ansteht, und auf das sich die meisten schon sehr freuen …

Wolfgang Millendorfer taucht in seinem Roman in den skurrilen Mikrokosmos eines Hallenbads ein, das ein mysteriöses Eigenleben entwickelt.

Marina Antl versucht noch, das Telefonklingeln in ihren Traum einzubauen, dann ist sie wach und hebt ab. »Der Spreitzer ist da! Der will irgendwas!«, ruft Werner in den Hörer, legt auf, sucht mit den Füßen unter dem Schreibtisch seine Hausschuhe, schlüpft hinein, springt vom Sessel und läuft nach unten. Seine Hausschuhe machen lustige Geräusche, als er Hofrat Spreitzer entgegengeht. Dabei behält er die Geschwindigkeit bei. Wie immer steht direkt hinter dem Hofrat sein Assistent, Kaufmann, der demonstrativ Ausschau hält und in einem kleinen Buch herumkritzelt. Kaufmann sieht genauer hin, sieht Werner Antl ungebremst auf seinen Hofrat zuhalten, unterbricht seine Notizen, macht einen Schritt nach vorn und baut sich schützend zwischen den beiden auf.
»Nicht so schnell«, sagt er mit einer Stimme, die aus seinen Nasenlöchern kommt, »nicht so schnell, guter Mann.« Werner bremst, schnauft und kämmt mit den Fingern seine Haare. »Was schreibt er da?!« – »Man wird sich ja noch Notizen machen dürfen«, kommt es aus den Nasenlöchern.
»Zuerst einmal: Guten Tag«, sagt Hofrat Spreitzer und geht ein paar Schritte durch die Eingangshalle. Werner und Kaufmann gehen ihm hinterher. Spreitzer bleibt stehen, fährt herum und hält Werner die Hand hin. Der nimmt sie widerwillig und schüttelt sie. »Wir kommen nur auf einen Sprung vorbei«, sagt Spreitzer und lässt Werners Hand nicht los. Kaufmann grinst. Werner drückt mit der Hand stärker zu, Spreitzer macht es ihm nach; Gesicht an Gesicht stehen sie da.
»Meine Herren, das erledigen wir besser gleich in der Sauna!« Werner und Spreitzer drehen die Köpfe zur Seite und sehen fragend Marina Antl an, die mit deutlich schwingenden Hüften die Stiegen runtergeht und dabei lächelt: »Euren Schwanzvergleich, meine ich.« – »Können wir gerne machen«, sagt Spreitzer. »Darauf kannst du wetten«, antwortet Marina. Werner nickt mit geschlossenen Augen und zieht seine Hand aus Spreitzers Hand. Genau deshalb hat er sie zur Hilfe gerufen – wegen ihres Charmes. Dass Marina den Hofrat einfach per Du anspricht, ist auch für Werner neu, aber es scheint zu funktionieren: Jetzt grinst Spreitzer auch, und Werner findet seinen anzüglichen Blick ganz und gar nicht gut. Kaufmann redet mit: »Die Sauna kontrollieren wir sowieso auch.« Alle drei sehen ihn an, und jetzt ist es Marina, die anzüglich wird: »Kannst gerne mitmachen.« Kaufmanns Gesicht läuft rötlich an. Spreitzer sagt: »Ach, Kaufmann, entspann dich endlich.« Kaufmann blättert verärgert in seinem Notizbuch, Spreitzer schüttelt den Kopf und wendet sich wieder den Antls zu: »Ist heute ja nur ein Freundschaftsbesuch, sozusagen.« – »Was heißt hier kontrollieren?«, fragt Werner. »Stadtratssitzung«, murmelt Kaufmann. »Und was ist da?!« – »Nächste Woche«, sagt Spreitzer, »da geht es wieder um euer Bad. Haben Sie den Bescheid nicht bekommen?« – »Lesen wir nicht.« – »Sollten Sie aber. Noch nicht nächste Woche, aber irgendwann wird’s knapp.«
Werner schnauft, Marina ist inzwischen angekommen und legt ihre Hand auf seine Schulter. Spreitzer wiederum greift auf Kaufmanns Schulter, und dem ist das sichtlich unangenehm. »Ich würde sagen, wir gehen unsere Runde, und dann besprechen wir alles beim Kaffee in der Kantine.« Werner und Marina nicken widerwillig. »Den bezahlen wir natürlich«, sagt Spreitzer, und Kaufmann klappt unnötig laut sein Notizbuch zu.
Zu viert gehen sie los. Während Marina an der Kassa eine kurze Diskussion schlichten muss, weil Rose Antl Eintritt verlangen will, wirft Werner durch das Fenster einen besorgten Blick in die Kantine, wo Georg mit der Hand in seinem Bierglas nach irgendetwas zu suchen scheint und Grant aufgestanden ist und auf den Zehen wippend mit Bella streitet.

»Straßenschuhe gibt’s hier drinnen eigentlich nicht«, sagt Fred, und von seinem Plastiksessel aus zwinkert er Werner mit einem Auge zu. »Schon gut«, sagt Werner und zeigt mit dem Finger nach oben an die Decke: »Und dort ist die Lüftung.« Hofrat Spreitzer nickt, Kaufmann schlägt sein Buch auf und notiert etwas. »In Ordnung«, sagt Fred, »dann machen wir heute eine Ausnahme.« Er meint es gut und lehnt sich demonstrativ entspannt zurück. Dabei weiß er nicht, dass alle den randvollen Aschenbecher unter seinem Sessel sehen können. Kaufmann macht Notizen, Spreitzer nickt ihm zu, Marina stößt Werner inzwischen mit dem Ellbogen, und da sieht er es auch: Der alte Nazi hat zwar immer noch sein Handtuch über dem Kopf, aber auch eine Hand in der Badehose und die bewegt sich langsam auf und ab.
»Wir machen hier weiter«, sagt Werner und dirigiert die Gruppe in die andere Richtung, weg vom Becken, zurück auf den Gang. Dabei sieht er noch einmal über die Schulter, und auch von der anderen Seite macht ihm der Blick durchs Kantinenfenster keine Freude: Dort versucht Grant gerade über die Schank zu klettern, Bella schwingt mit dem Besen einmal durch und trifft ihn am Kopf. Werner schiebt Spreitzer vor sich her, der lässt es zu: »Da geht es in die Sauna.« – »Haben Sie hier eigentlich ein Kinderbecken?«, fragt Kaufmann. – »Ja, warum?« – »Nur so.«

Als sie zu viert auf dem Gang stehen und der Aufzug nicht kommt, geht es endlich allen gleich. Jeder wartet darauf, dass endlich die Türen aufschwingen, jeder wackelt ein wenig mit dem Kopf und summt seine eigene Melodie. Ein altmodischer Klingelton, die Türen gehen auf und Spreitzer sagt: »Nach Ihnen.«
Der Aufzug ist alt und eng. Werner drückt sich an Marina, Kaufmann steht neben Spreitzer, Werner drückt den Knopf, die Türen rattern und keiner sagt ein Wort, obwohl das alles ewig dauert. Die Fahrt nach unten ebenso. Als Kaufmann versucht, Spreitzer etwas ins Ohr zu flüstern, versetzt der ihm einen Stoß, dass die Aufzugkabine wackelt. Werner schwitzt, Marina lässt es sich trotzdem nicht nehmen, ihm von hinten zwischen die Beine zu greifen; da grinst er. Kaufmann sieht das Grinsen, kann damit aber nichts anfangen.
Endlich der Klingelton, und sie kommen ein Stockwerk tiefer an. »Nach Ihnen«, sagt Spreitzer wieder. Werner und Marina steigen aus dem Aufzug, die Luft ist rein. Nein, doch nicht. Als Spreitzer und Kaufmann den Gang betreten, biegt Robert Anker um die Ecke. Nackt – und sein Ding steht leicht vom Körper weg. »Also, das ist ja …«, stottert Kaufmann. »Robert Anker«, fällt ihm Marina ins Wort, »der beste Saunameister von hier bis Bad Gastein!« – »Immer zu Diensten! Einen Aufguss, meine Herren? Den werden Sie nie vergessen.« – »Nein, danke«, antwortet Kaufmann und sieht noch einmal genauer hin. Spreitzer lächelt. »Keine Sorge«, sagt Robert Anker, »ist nur vom Duschen.« Er schnalzt mit seinem Handtuch vor ihren Köpfen einmal durch die Luft und bindet es um seinen Bauch. Auch das Handtuch steht vorne weg. »Sehr gut, Herr Robert. Sie können Pause machen.« – »Warum so förmlich, Frau Antl?«, fragt er und geht mit wedelndem Handtuch den Gang entlang. Alle vier sehen ihm hinterher.

Keine Überraschungen in der Sauna, außer dass es im Aufenthaltsraum unangenehm kühl ist. Wie gehabt macht Kaufmann seine Notizen, Spreitzer lächelt, Werner fragt: »Ist das Buch noch nicht voll?« – Kaufmann schreibt schneller. Sie öffnen alle Saunatüren, stecken die Köpfe rein und schließen sie wieder. »Hier riecht’s gut«, sagt Hofrat Spreitzer und Werner weiß nicht, ob das ernst gemeint ist oder wieder nur ein übler Scherz. Marina fragt laut in die Runde: »Sollen wir uns auch ausziehen?« Das irritiert Werner, sie war schon einmal kreativer. Spreitzer lächelt anzüglich. »Bitte, hier geht’s raus«, sagt Marina.

Es gibt diese Hallenbäder, die den Charme vergangener Epochen in unsere Zeit hinübergerettet zu haben scheinen, aus der Gründerzeit oder dem Jugendstil, und die in unserem weitgehend schmucklosen 21. Jahrhundert gleichsam wie rematerialisierte Traumwelten für schwelgende Nostalgiker wirken wie etwa das Amalien- oder das Jörgerbad in Wien oder die Gellert-Therme in Budapest. Und es ist durchaus vorstellbar, in und um so einen Ort eine Romanhandlung zu konzipieren.
Was der Autor und Journalist Wolfgang Millendorfer, der unter anderem auch mit literarisch-kabarettistischen Programmen seit anderthalb Jahrzehnten auf heimischen Bühnen unterwegs ist, mit seinem Werk "Kopf über Wasser" in diesem Herbst bei Milena veröffentlicht hat, atmet freilich nichts vom Geist dieser architektonischen Vorzeigetempel. Die Handlung seines mit dem Attribut Hallenbad-Roman untertitelten Buches, zeitlich im Jahr 2001 spielend, kreist vielmehr um den Mikrokosmos eines schlichten und sowohl optisch als auch funktional deutlich an sein nahendes Nutzungsende gekommenen Zweckbaus aus den frühen 1970er Jahren. Der Betonklotz hat mehr und mehr mit ausbleibenden Gästen und einer Lokalpolitik zu kämpfen, die sich vorstellen kann, auf dem städtischen Gelände langsam aber sicher einmal etwas Rentableres als ein solch abgehalftertes Freizeitzentrum zu betreiben. Hofrat Spreitzer und sein allgegenwärtiger und willfähriger Schatten namens Kaufmann haben da jedenfalls hochfliegende Pläne von florierenden Einkaufszentren und schmucken Wohnhäusern mit sattem Renditeabwurf, vor allem auch für sie selbst, im Blick.
Werner und Maria Antl hingegen, das Betreiberehepaar, das seit 1986 mit Herzblut an dem inzwischen etwas bröckeligen Kasten hängt, will unbedingt das dreißigjährige Jubiläum des Bades feiern, und mit ihnen das ganze leicht abgedrehte und schrullige Personal: die Antl-Tochter Rose, die mit fast dreißig den Absprung aus dem Elternhaus verpasst hat und für den Kassenbetrieb und das Büro zuständig ist; Fred, der als Bademeister und verhinderte Stimmungskanone fungiert; András, der Haustechniker, der stets auf Kriegsfuß mit der eigenwilligen Heizungsanlage des Bades steht und in der Sauna mit versteckter Kamera heimlich Aufnahmen von den Gästen macht; Robert Anker, als Saunameister eine Institution in Sachen flotte Sprüche und Aufgüsse aller Art; Bella, die ehrfurchtgebietende Hallenbad-Kantinenwirtin, die ihre handverlesenen Daueralkoholiker gewöhnlich ebenso gut im Griff hat wie ihr etwas verhuschtes Personal, die nicht mehr ganz taufrische Kellnerin Susi und den in sie verschossenen Koch Willi, der als "vom wöchentlichen Menüplan schwer unterfordert" geschildert wird; und nicht zuletzt Herbert Peter, seines Zeichens Nachtwächter, über dessen Tätigkeit es heißt: "Obwohl die Gefahr nächtlicher Badegäste äußerst gering ist, schreibt die Stadt diesen Posten vor - nur weil einmal etwas passiert ist."
Zu diesen quasi betriebseigenen Charakteren nebst Hofrat Spreitzer und seiner Entourage gesellen sich noch ein "alter Nazi" namens Hermann, dem Ordnung am und im Becken über alles geht, die beiden leberzirrhotischen Kampftrinker Georg und Grant, ihres Zeichens Bellas beste Gäste, der Lokalblattredakteur Pichler, der nicht zu Unrecht angesichts der örtlichen Machenschaften um das Bad eine gute Story wittert sowie Inspektor Wels und seine Kollegin Fritz, die einen folgenschweren Kantinenunfall und -brand aufzuklären haben, bei denen es sich in Wahrheit um eskalierte Auseinandersetzungen zwischen Thekenpersonal und Gästen bzw. aus den Fugen geratene nächtliche Kostümfeste handelt. Damit nicht genug, stiften plötzlich wie aus dem Nichts auftauchende und wieder verschwindende Badegäste Verwirrung: Werner Antl, der sein feuchtes Fliesenimperium reich mit Überwachungskameras ausgestattet hat, die er vom Büro aus leidenschaftlich beobachtet, glaubt bald an Gespenster. Und irgendwie hat das Ganze auch noch mit einem geheimnisvollen Garderobenkasten zu tun, der sich seit Jahrzehnten nicht mehr öffnen lässt, weil der Schlüssel dazu verschwunden ist, und aus dem mitunter merkwürdige Geräusche nach außen dringen. Welche Parallelwelt mag sich dahinter verbergen? Dass der Spreitzer-Adlatus Kaufmann und die Antl-Tochter Rose ein Techtelmechtel miteinander haben und die Polizistin Fritz heimlich in ihren Partner Wels verknallt ist, trägt so wenig zur Klärung dringend zu enträtselnder Sachverhalte bei wie die Vertuschung dunkler Geheimnisse aus der Bauphase des Hallenbades.
Millendorfer rührt hier also den ganz großen Cocktail an, in welchem sich durchaus Wortwitz und detailverliebter Retrocharme süffig durchmischen, auch wenn eine gewisse Straffung der Handlung und manchmal etwas weniger überspannte Dialoge zu einer wirklich bekömmlichen Mixtur beigetragen hätten. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Autor insgeheim am liebsten das Drehbuch für eine kleine, aber feine Soap-Serie geschrieben hätte: gleich zu Beginn charakterisiert er das Schwimmbadpersonal im Stil einer Dramatis Personae, wie sie Rollentexten vorangestellt wird, seine Großkapitel heißen dazu passend "Episoden", sieben an der Zahl, und die Perspektiven springen zwischen den Figuren hin und her wie Kameraeinstellungen. Das vermittelt eine gewisse Rasanz, obwohl über weite Strecken gar nicht wirklich viel geschieht.
Wie sich das Ganze dann auflöst, sei hier nicht verraten - das große Finale mit vorläufigem Happy End bleibt jedoch natürlich nicht aus, letztlich wenig überraschend, aber auch offen genug für eine potenzielle Fortsetzung:
"Das Hallenbad wird stehen bleiben. Wie in den vergangenen 29 Jahren wird auch heute Nacht das Wasser unaufhörlich über den Rand des Beckens rinnen und in den namenlosen Zwischenraum unterhalb des weißen Plastikgitters gesaugt werden. Und dann, in fünfeinhalb Stunden, wird ein neuer Badetag beginnen. Muss er ja."
Und das mit der kleinen Fernsehserie ist gewiss auch noch nicht vom Tisch.

Literaturhaus Wien, Marcus Neuert, November 2021

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