294 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Leseband

€ 24.00

ISBN 978-3-903184-96-1

Bernhard Moshammer

Die Holzapfel Schwestern

Frauen im Wald, die sich um sich selbst kümmern und niemandem vertrauen, in einer Welt, in der das Gesetz des Stärkeren regiert. Der große Erzähler Bernhard Moshammer entwirft in seinem neuen Roman ein archaisches Sittengemälde, er singt das Lied der menschlichen Natur – aber es ist kein sanftes Wiegenlied.

Mitten im Wald führen die Schwestern Maria und Regina Holzapfel ein karges, archaisches Leben; ohne Strom, ohne technische Errungenschaften schlagen sie sich durch. Wir schreiben das Jahr X nach dem Kollaps; was den Kollaps herbeiführte, lässt der Roman offen, aber der Mensch ist in Moshammers Geschichte sich selbst
überlassen. Eines Tages bekommen die Schwestern unerwarteten Besuch: Halbschwester Sarah stößt zu ihnen und erbittet hochschwanger Einlass. Das Leben der Schwestern ändert sich schlagartig, Sarah bringt den kleinen Adam zur Welt, Maria entdeckt durch das Kind die Liebe , Regina versinkt noch mehr in Verzweiflung.
Die Jahre vergehen, da meldet sich eines Tages auch Adams Vater, der Felsenreiter, zurück. Ihm gehört ein Bordell, und er entführt den Fünfjährigen, um ihm ein Leben in der Stadt zu ermöglichen, wo der Bub von den Mädchen der Sunshine Bar erzogen wird. Die Holzapfelschwestern verlassen den Wald, um nach ihm zu suchen, aber sie passen nicht in die ihnen fremde Welt. Als Adam seine Bezugspersonen nach und nach verliert, wird seine Sehnsucht nach dem Wald und seinen Tanten immer größer.

Evelina Holzapfel war eine Frau, die stets tat, was zu tun war, ohne sich zu beklagen oder ihr Schicksal anzuzweifeln. Sie war so ruhig, dass ein zweifelhafter Arzt das Kind, das sie einst gewesen war, als stumm bezeichnet hatte. Es war aber keine Krankheit gewesen, die sie schweigen ließ, sie hatte einfach nichts zu sagen.
Mit vierzehn Jahren war sie von ihren Eltern, Bauersleuten, mehr oder weniger verkauft und formlos an ihren Cousin verheiratet worden. Seitdem bewohnte sie diese Hütte und sollte nie wieder ins Dorf zurückkehren. Was sie zum Leben brauchte, baute sie selbst an. Zwischen den Buchen, Eichen, Eschen, Birken und Tannen standen ein Apfelbaum, ein Birnbaum und jede Menge Sträucher – Dirndl, Ribisel, Brombeere, Holunder. Gemüse wucherte im Überfluss. Der Mann wilderte im Wald, manchmal brachte er ein Schwein oder ein Huhn mit, wahrscheinlich von den umliegenden Höfen; Evelina stellte keine Fragen, verarbeitete die Kadaver zu Fleisch, Speck, Würsten und Schmalz oder Fellen für den Winter.
Was sie aus dem Dorf brauchte, besorgte ihr ihre große Schwester, der sie jedoch nie mehr gegenübertreten durfte. Der Mann hatte es von Anfang an so angeordnet, also wurde eine Stelle am Waldrand vereinbart, von der aus gerade noch Blickkontakt zum Hof der Schwester bestand. Evelina musste stets warten, bis es dunkel war, mit einer Fackel Kontakt aufnehmen, die Schwester machte in ihrer Küche das Licht aus und wieder an, dreimal, dann stellte Evelina einen Korb mit Gemüse und Obst – Geld hatte sie keines – sowie einer mit jedem Jahr schwerer zu dechiffrierenden Einkaufsliste ab und kehrte wieder um. Vierundzwanzig Stunden später holte sie den mit der bestellten Ware gefüllten Korb wieder ab. Zu Beginn war es ihr schwergefallen, die Schwester nicht zu treffen, sie nicht zu küssen und zu umarmen, vielleicht etwas von draußen zu erfahren, aber sie war erzogen zur Pflichterfüllung, hatte sich bald an die neuen Lebensbedingungen gewöhnt – und so war da bald keine Schwester mehr, nur noch drei kleine Lichtzeichen am Horizont. Für Gefühlsduseleien war im Wald kein Platz.

Eigentlich wollte Evelina kein zweites Kind mehr. Schon zweimal hatte sie dafür gesorgt, dass aus ihren verdammten Schwangerschaften nichts wurde. Dann band sie Maria an ihren Stuhl, zwang sie so, aus dem Fenster zu schauen, legte sich hinter ihr rücklings auf den Boden und werkte mit Kochlöffel und Stricknadel umständlich zwischen ihren Beinen. Der Mann war ihr Cousin, es war nicht richtig, das Ganze war wider die Natur; dass Maria kein Krüppel geworden war, war wahrscheinlich nur ihrem reinen Herzen zu verdanken, so viel wusste sie, und sie wusste nicht viel. Das kleine Mädchen konnte die Spiegelung im Fenster nie genau deuten, nahm nur die schmerzerfüllten Laute der Mutter wahr, die diese nicht unterdrücken konnte, so sehr sie sich auch bemühte.
Marias Geburt war so gewaltig wie traumatisch gewesen. Niemand war Evelina zur Seite gestanden, ganz allein hatte sie das Fünfkilomädchen nach stundenlangem Kampf aus sich gepresst und gezogen, die Nabelschnur durchgebissen und das schreiende Kind in den Regen gelegt, damit dieser es reinige. Als sie Stunden später erwachte, lag das Kind von Sonnenstrahlen umspielt – wie Moses oder Jesus, so die Assoziationen der Mutter – auf nassem Laub und streckte alle viere ruckelnd von sich. Evelina, immer noch blutend, schleppte sich zu dem Baby und legte es unbeholfen an ihre Brust. Sie verfluchte das Kind, das sie sofort Maria nannte, versorgte es aber. Ihr Mutterverhalten war reiner Instinkt, lieblos, artgerecht, naturgemäß. Das sollte reichen. Und das tat es auch. Das Kind wirkte gesund und normal, sollte jedoch nie weinen, nicht ein einziges Mal, das war seine Besonderheit, und Evelina war es recht. Mit großen Augen in seinem runden Gesicht starrte das Mädchen gierig auf die Welt. Was sie sah, war schön, lebte sie doch im Paradies, am romantischsten Flecken der Welt, umgeben von allen Wundern der Natur.

Eines dieser Wunder hieß Joseph, und ohne ihn, ohne seinen kräftigen Samen wäre die Mutter keine Mutter, die Tochter keine Tochter, die Schwester keine Schwester und diese Geschichte keine Geschichte. Ohne ihn gäbe es nichts, was hier auch nur einen Buchstaben wert wäre.

Adam ist sechs, und für ihn ist die Welt noch in Ordnung. Denn ihm ist eine Kindheit fast wie aus dem Bilderbuch beschert: der Bach, die Forellen und die Wildschweine, das Haus zwischen dichten Bäumen, das Feuer im Herd, der Tisch und das Bett. Und natürlich seine beiden Tanten, Maria und Regina Holzapfel. Sie sind ohne Schule aufgewachsen. Was sie gelernt haben, hat ihnen die Natur beigebracht, und das vermitteln sie nun Adam. Bis der Vater des Buben in den Wald eindringt, sich sein Kind schnappt und eine fragile Ordnung zerstört. Er nimmt ihn mit in die Stadt, wo sich die Gesellschaft auf einen Abgrund zubewegt.
Das Paradies hat es wohl nie gegeben, so Bernhard Moshammers Befund in seinem Roman „Die Holzapfelschwestern“, und wenn, dann sind seine Türen schon seit ewigen Zeiten verrammelt. Denn der Mensch hat das, was ihm die Schöpfung überantwortet hat, verspielt. Ob es noch einen Hoffnungsschimmer auf eine Wende gibt, bleibt offen. Der Autor zeigt ein Universum, das gar nicht weit von unserem entfernt liegt: Das Vertrauen in politische Kräfte und heilbringende Ideologien ist zerbrochen. Die Ressourcen sind erschöpft, Gas und Öl schwer zu ergattern oder unendlich teuer, viele der Dörfer devastiert. Flüchtlingsströme werden zur Bedrohung. Die Gemeinschaft zeigt sich als versprengte Meute an Individuen, die sich irgendwie durchschlagen. Sie beobachten dumpfen Blickes, wie sich die Daseinsweise und Kultur der westlichen Industriestaaten auf den Stand einer Vergangenheit zurückbewegt, aus der man nichts gelernt hat. Doch kaum jemand lehnt sich dagegen auf.
Vor diesem Hintergrund entfaltet sich ein Roman, der in fast biblischer Manier vom Sündenfall der Moderne erzählt, von einer verwahrlosten Gesellschaft und von Utopien, die nur mehr leere Hülsen sind. Allein der Wald scheint der kümmerliche Rest eines Versprechens. Bei Moshammer wird er zum geradezu mythischen Ort: Zwischen hohen Fichten, Föhren und Eichen, dem Revier von Hasen und Rehen, wohnen die Schwestern Maria und Regina Holzapfel. Zwei Außenseiterinnen. Im Dorf verspottet man sie als Hexen, die Tierblut trinken und Dämonen beschwören. Doch eigentlich sind sie selbstbestimmte Frauen, mit dem ihnen eigenen Sinn für Gut und Böse.
Schon ihre Mutter, eine vom Schicksal gebeutelte Einsiedlerin, hat ihnen den Respekt vor dem Segen, aber auch Schrecken der Natur eingetrichtert. In der freien Wildbahn regiert das Recht des Stärkeren, und das mit großer Brutalität, wie Maria und Regina Holzapfel erfahren mussten. Sie haben sich in der Einsamkeit eingerichtet: Eine großherzige Verwandte versorgt sie mit allem, was sie nicht selbst sammeln, jagen oder produzieren können. Ansonsten bleiben sie für sich. Entsprechend wenig Ahnung haben sie davon, was sich in der sogenannten Zivilisation tut, sie wissen kaum etwas von Handys oder Internet und entsprechend wenig von politischen Entwicklungen. Als Eigenbrötlerinnen sind sie vollends aus der Zeit gefallen. Regina ist Gott, den Heiligen und dem Schnaps zugetan, Maria ihren Aggressionen ausgeliefert. Was sie als Bestimmung akzeptieren.
Ihr Alltag gerät erst aus dem Ruder, als ihre hochschwangere Halbschwester auftaucht und bei ihnen unterschlüpft: Sarah schleppt einiges mit sich herum, sie war Prostituierte und Künstlerin und mit einem Zuhälter verheiratet, der sie nach der Scheidung geschwängert hat. Nun bringt sie Adam auf die Welt, der als eine Art Kaspar Hauser über Jahre hinweg im Wald aufwächst. Bis ihn der Kindsvater aufspürt und in die Stadt entführt. Dort regieren zahnlos gewordene Gesetze über eine verhärtete, innerlich wie äußerlich bewaffnete Gemeinschaft.
Bernhard Moshammer zeichnet ein überbordend kraftvolles Porträt einer Gesellschaft, deren Wertesystem aus dem Ruder gelaufen ist. Es fällt anfangs ziemlich schwer, sich auf den drastischen, in fast schon alttestamentarischer Wucht daherpreschenden Erzählduktus des Romans einzulassen. Das Buch ist gleichermaßen Märchen wie Moritat, Satire und Abenteuergeschichte, unterlegt mit einem ordentlichen Maß geharnischter Zivilisationskritik. Der Autor hat sich da einiges vorgenommen und packt sein Ansinnen unerschrocken an. Die Sprache offenbart keine Scheu vor archaisch klingenden Wendungen und ist gespickt mit hochgeschraubten Bildern, der Tonfall hebt ins Pathetische ab. Damit riskiert Moshammer, unterwegs etliche seiner Leserinnen und Leser zu verlieren.
Sofern sie der Sog des Romans nicht doch mitzieht. Was auch daran liegt, dass Moshammers Charaktere so fremde, widersprüchliche Persönlichkeiten sind. Entsprechend neugierig und verwundert folgt man ihnen und ihren Entscheidungen. Bernhard Moshammer schickt seine Figuren auf eine ziemlich heftige Tour der Erkenntnis: Adam findet sich in der Stadt wieder und wächst im Bordell seines Vaters auf, gehätschelt und beschützt von den Prostituierten – was natürlich Klischee pur ist. Seine Mutter, der es an Liebe zu ihrem Kind mangelt, weil sie zu sehr mit sich beschäftigt ist, macht sich spät und halbherzig auf, ihren Sohn zu suchen. Während die beiden Tanten ein wirklich großes Opfer bringen und sich erstmals der Welt aussetzen: Sie geben ihr Leben im Schutz des Waldes auf, um dem verlorenen Neffen und dessen Umfeld näher zu sein. Doch die beiden scheitern an dem, was ihnen die sogenannt modernen Zeiten vor Augen führen.
All die Ambivalenzen bei Handlung und Personal und die Exotik mancher Schauplätze schaffen schließlich jene Spannung, die den Band trägt.

Der Roman von den „Holzapfelschwestern“ ist ein wildes und wüstes Buch. Die Zartheit aber, die durchblitzt, ist der eigentliche Motor, dranzubleiben und gemeinsam mit Bernhard Moshammer durchs Jammertal der menschlichen Existenz zu marschieren. Um dabei vielleicht doch noch einen Zipfel jener letzten Oase der Zivilisation zu entdecken, in die wir uns flüchten könnten.

ORF, Ö1, Ex Libris, Susanne Schaber

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