Mit zahlreichen Illustrationen
150 Seiten, Hardcover, Farbschnitt, Leseband

€ 20.00

ISBN 978-3-903184-75-6

Peter Scher, Hermann Sinsheimer

MÜNCHEN Was nicht im Baedeker steht

Dieser originelle, feuilletonistische Reiseführer entführt uns in das München von 1928 und berichtet „vom Valentin, vom Ringelnatz und anderen Raritäten“, „vom Umgang mit den Eingeborenen“, „von der beruhigenden Kellnerin“, und bietet uns einzigartige Einblicke in die damalige Zeit.

Im Jahr 1928 erschien in der Buchreihe Was nicht im Baedeker steht ein pfundiger München-Reiseführer. Peter Scher und Hermann Sinsheimer beschreiben lebendig und mit Augenzwinkern die Stadt, in der sie leben. In 16 Kapiteln wird uns das damalige München nähergebracht: Weißwurst und Bier, die angesagtesten Lokale und Hotels, Kunst und Kultur, und viel Münchner Prominenz. Das Buch beinhaltet also alles, was der Tourist und Einheimische über München wissen musste.

„Bald nach 10 Uhr sind Sie reif für den Franziskaner und zur Entgegennahme einer Erstausgabe der Münchner Weißwurst. Sie schmeckt – wie ein angebrochener Vormittag. Der Senf gibt erst den Geschmack und das Bier erst das Fluidum dazu. Hundert Worte Bayrisch, vom Tischnachbarn bereitwillig beigestellt, schaffen die Atmosphäre. Wenn Sie den Franziskaner verlassen, sagen Sie schon nicht mehr ‚Mahlzeit‘ oder ‚Tach‘, sondern ‚Grüß Good‘, worüber sich das ganze Lokal freut.“

„Reisende mit ausgeprägtem Hang zum Wahren, Guten und Schönen sollten es nicht versäumen, sich mit der Münchner Kellnerin vom guten alten Schlag in Kommunikation zu setzen. Schon mancher Fremde, der nervös und von der Unzuverlässigkeit und Hast der Gegenwart angewidert, nahe daran war, in Depression zu fallen, ist durch die unbegreiflich solide Erscheinung der Münchner Kellnerin der Lebensbejahung wiedergewonnen worden.“

VOM UMGANG MIT DEN EINGEBORENEN


Der eingeborene Münchner ist das konservativste Lebewesen auf diesem Planeten. Von Seelenhaltung wehmütig rückwärtsschauend, zuweilen auch mit Anlage zum Poltern und auf den Tisch hauen ausgestattet, ist er andrerseits einer unzweideutigen Lebensbejahung zugeneigt.
Aus dieser zwiespältigen Situation eines sozusagen unwirschen Teilhabens am Geiste der Zeit entspringt jene Eigenart bajuwarischen Wesens, die mit diplomatischer Begabung erfasst sein will, wenn sie nicht zu einer Kette von Missverständnissen und zur Trübung eines erbaulichen Eindrucks führen soll.
Dem süddeutschen Reisenden wird es natürlich immer
wesentlich leichter fallen, das allem von außen Kommenden begegnende Misstrauen in der Seele des Eingeborenen zu überwinden.
Besonders Norddeutsche – und von diesen wiederum vor allem solche mit neu-amerikanischem Lebensrhythmus – werden bei freundschaftlicher Annäherung Vorsicht walten lassen müssen.
Man falle nicht dem Trugschluss zum Opfer, dass ein verstärktes Ankurbeln der bekannten liebenswürdig-saloppen Umgangsform zum erwünschten Ziel führen müsse – im Gegenteil: Ein Milligramm zu viel davon, und das schon zum freundlichen Entgegenkommen aufgehellte Gesicht des Münchners versteinert sich zum grimmigen Ausdruck unerschütterlicher Abweisung.
Auf der Trambahn versuche man in der Miene des Schaffners zu lesen, ob er im Allgemeinen zu Wohlwollen veranlagt oder von jenem kategorisch ablehnenden Charakter ist, der ein für alle Mal unversöhnlich zur Umwelt – und insbesondere zu den von außen kommenden und daher immer störenden Elementen – eingestellt ist.
Im ersteren Falle riskiere man kaltblütig im eigenen Idiom etwa »Nationaltheater« zu verlangen. Es kann vorkommen, dass hierauf ohne Weiteres – und vielleicht sogar mit duldsamer Willigkeit – die Verabreichung des Fahrscheins erfolgt. Es kann aber auch sein, dass der Schaffner – und solche erkennt man in der Regel am straff aufgebürsteten Schnauzbart alter Schule – grimmig die sarkastische Korrektur »Hoftheater!« einfließen lässt – wenn er nicht überhaupt unerbittlich zur Ordnung ruft: »Warum sag’n S’ net glei’ Hoftheater!«
Für solche und ähnliche Fälle – nicht nur im öffentlichen, sondern auch im privaten Verkehr – empfiehlt es sich, von Zeit zu Zeit bodenständige Apostrophierungen wie: »Geh, san S’ so guat, Herr Nachbar!« oder: »Ah da schau her!« oder: »Ja was waar denn jetz’ dees!« hören zu lassen.
Natürlich müssen derartige beschwichtigende Ausrufe in Tempo und Haltung dem Milieu angepasst und in der Aussprache überzeugend sein; auch dürfen sie um Gottes willen nicht die Gefahrenzone des sogenannten »Derbleckens« streifen, das der eingeborene Münchner als sein intimstes Reservatrecht von Fremden unangetastet zu wissen wünscht.
»Derblecken« – was nichts mit derb lecken zu tun hat – ein Wort, dessen rätselhafter Inhalt schon manchem Fremden Kopfzerbrechen verursachte, bedeutet jene ganz spezifisch münchnerische Übung, die man mit dem ausländischen Wort »frotzeln« nur unvollkommen erklären würde. In der neuesten Zeit und unter der nachwachsenden Jugend – die sich infolge Sports und des damit rapid um sich greifenden Antialkoholismus überhaupt mehr und mehr vom guten Alten entfernt – ist ja die Übung des Derbleckens etwas in Verfall geraten. Aber wer die eigentliche und ursprüngliche Münchner Art ernsthaft studieren will, muss, wenn nicht selbst einmal gründlich derbleckt worden, so doch zum mindesten Zeuge gewesen sein, wie dieser Brauch von den Eingeborenen zur Erhöhung der Geselligkeit aneinander ausgeübt wird.
Es erfolgt etwa so, dass der Huber scheinbar auf den Hintermeier eingeht, dessen ernsthafte Argumente hervorkitzelt und am Schluss durch witzige, von humorvollen Gesten unterstützte Wendungen ausdrückt, dass er ihn zum Besten gehalten hat.
Der Fremde, der sich in Kreise begibt, die diesem Volksbrauch nach wie vor leidenschaftlich ergeben sind, braucht nicht besorgt zu sein, dass ihm aus Unkenntnis der Spielregeln die Teilnahme an derartigen Unterhaltungen versagt bleiben könnte. Er braucht nötigenfalls nur den Mund aufzutun und wird schon nach einiger Zeit mit angenehmem Erstaunen feststellen können, dass er an der Unterhaltung beteiligt war und die schöne Mission erfüllt hat, mit der Erweiterung seines Wissens zugleich der Ergötzung seiner Nebenmenschen gedient zu haben.
In den niederen Volksschichten werden beim Derblecken zuweilen über das Theoretische hinaus Übungen veranstaltet, in deren Verlauf Maßkrüge an Köpfen zerschellen und Stühle der Beine entledigt und diese wiederum mit den oberen Körperteilen der Beteiligten in unerwarteten Zusammenhang gebracht werden. Solche Höhepunkte, deren Herannahen durch verstärkte Konversation angekündigt zu werden pflegt, meide der Fremde. Es genügt, wenn er diese Übungen, in der dramatischen Literatur durch Ludwig Thomas »Medaille« festgehalten, von der Bühne des Nationaltheaters herab auf sich wirken lässt. Man muss unbeschadet des achtenswerten Strebens nach gründlicher Erforschung unbekannter Volksgebräuche nicht unbedingt sein Nasenbein riskieren.

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