Mit einem Nachwort von Veronika Hofeneder
200 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Leseband
Erscheint September 2021

€ 23.00

ISBN 978-3-903184-79-4

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Juliane Kay

Zwei in Italien

Ein Mann und eine Frau begeben sich mit dem Automobil auf eine Reise nach Italien. Ein Sittenbild der fünfziger Jahre, sehr flüssig und modern erzählt, heiter und doch ernsthaft. Juliane Kay – wiederentdeckt!

Es ist die Geschichte einer (namenlosen) Innenarchitektin und ihres Freundes Paul, die hier mit viel Witz und Charme erzählt wird. Paul ist Architekt, ihn erwartet ein größerer Geldbetrag in Rom, dorthin soll die gemeinsame Reise gehen – nachdem sie sich ausdrücklich versichert haben, dass sie keine Liebe, sondern nur Freundschaft füreinander empfinden. Beide sind alleinstehend, eine Anziehung ist da, doch man ist bereits in der reiferen Lebensphase angekommen und weiß um die Gefahren des Sich-Verliebens. Man hat Respekt vor der Liebe, und noch mehr vor ernsthaften Beziehungen.
Doch schon zu Beginn der Reise zeigt es sich, dass Theorie und Praxis recht verschiedene Dinge sind. Es kommt zu mancherlei Komplikationen, und außerdem erweist sich Paul als reichlich launenhafter Begleiter. Je schwieriger er wird, desto souveräner wird seine Freundin.

Was Juliane Kay mittels der heiteren Reiseerzählung verhandelt, ist die ewige Frage nach der Freundschaft zwischen Mann und Frau. Muss eine solche Freundschaft „rein“ bleiben, riskiert man ihr Ende, sobald man sich „hinreißen“ lässt? Und – der Roman wurde auch in den fünfziger Jahren geschrieben – ist es schicklich für eine Frau, mit einem Mann, der nicht der Gatte ist, zu verreisen?

Ein Roman über das Geschlechterverhältnis in den fünfziger Jahren. Mit Reflexionen über das Älterwerden und die vielfältigen, auch widersprüchlichen Anforderungen an Frauen.

„Dieses Zimmer“, sagte er sinnend, „ist ausgesprochen gemütlich, behaglich …“ Und ohne den Ton zu ändern, mit gelassener Ruhe, fügte er hinzu: „Ich weiß nicht, ob zwei kluge, vernünftige Leute nicht EINE Entgleisung riskieren könnten, um dann nie wieder daran zurückzudenken …“
Ich wusste, dass vernünftige Leute dergleichen riskieren konnten, aber ich wusste auch, dass es schwer sein würde, nie wieder daran zurückzudenken. Was ich fühlte, war die alberne, nackte Angst, nochmal und wiederum in den Brunnen zu fallen.

Immer schon hatten wir uns viel auf unsere Freundschaft eingebildet. Wir fanden sie anders als andere Freundschaften und betonten ihr heiteres Schweben in unstofflichen Räumen. Wir lächelten nachsichtig über Liebes- und Leidensgeschichten.
Liebe, sagten wir, sei eine Reise – mit Etappen und Aufenthalten – von Ägypten nach Island. Immer dieselbe Reise. Bestenfalls befände man sich zuletzt auf einer Mittelstation im Zustand wohltemperierter, gelassener Freundschaft.
Darum fanden wir es zweckmäßiger, die Liebesgeschichte zu umgehen und uns von Anfang an einer dauerhafteren Sache zuzuwenden. Außerdem standen wir nicht in der ersten Jugend. Eher standen wir in der vorletzten Jugend.
Was mich betraf, so war ich es müde geworden, mich mit Komplexen herumzuschlagen und die Mühen und Plagen der Eitelkeit zu ertragen. Ich fand, dass der ewige Kampf um ihn – wenn man die Lupe der kaltblütigen Vernunft nahm und ihn innen und außen scharf betrachtete – sich in den seltensten Fällen lohnte.
Ich hatte einige »Ihns« gekannt. Anfangs hatte ich sie geblendet und lupenlos gesehen und sie als bedeutungsvolle, erstrebenswerte Geschöpfe bezeichnet. Später waren ihre Fehler und Eigenarten wie Maden aus prunkvollen Äpfeln gekrochen. Sie hatten allesamt faule Stellen. Ich auch. Aber lieben bedeutet, sich gegenseitig seine Fehler zu verzeihen – nachdem man sich lange bemüht hat, die eigenen zu verbergen und die des anderen zu übersehen.
Ich wollte nichts mehr verbergen und nichts mehr übersehen.
Paul sagte, ihm ginge es ebenso. Er wollte es gemütlich haben. Es sei entsetzlich anstrengend, dauernd zärtlich zu sein. Wäre man aber nicht dauernd zärtlich, so seien die Frauen beleidigt. Beleidigte Frauen aber seien das Ärgste, was man ihm zumuten könne.
Später erfuhr ich, dass es noch andere Dinge gab, die man ihm nicht zumuten konnte. Beispielsweise Pyjamas, an Stelle der Nachthemden, die er bevorzugte.
In Gegenwart liebender Frauen allerdings, sagte er, sei er gezwungen, Pyjamas zu tragen, die ihn überall kniffen, sodass er kein Auge schließen könne. Zudem, sagte er, hätten liebende Frauen das Bedürfnis, an seiner Schulter zu schlafen. Seine Schulter aber habe das Bedürfnis, den Kopf der liebenden Frau abzuschütteln. Davon wache die liebende Frau dann meistens auf. Und wenn er sich umdrehte, sei sie beleidigt. Beleidigte Frauen aber …
Aus allen diesen Gründen fanden wir, dass unsere Freundschaft das Beste war, was man uns hatte bieten können – wir lobten und priesen sie und hätten sie täglich gepriesen, wenn wir uns täglich gesehen hätten.
So aber, wie die Dinge nun einmal lagen, lebten wir in verschiedenen Städten, und oftmals vergingen Wochen und Monate, ehe wir uns wiedersahen.
Manchmal gefiel es dem Schicksal, uns an den gleichen Arbeitsplatz zu stellen, manchmal aber, meistens, gefiel es dem Schicksal nicht. Darum war es ein außergewöhnlicher Tag, an dem Pauls Brief kam. Kein gewöhnlicher Tag, kein gewöhnlicher Brief.

In diesem Brief stand, dass er zwei Wochen Zeit hätte, dass er Geld in Italien liegen habe und dass er Lust hätte, zu reisen. Bis dahin las ich den Brief mit wohlwollendem Neid.
In den nächsten Zeilen aber stand, dass er es nett fände, wenn ich mitkäme, es sei langweilig für ihn, den Mammon allein zu verbrauchen.
Plötzlich hörte ich Palmen rauschen und sah Paläste und Säulen. Ich war noch nie in Italien gewesen, aber ich hatte mir lebenslänglich gewünscht, dort zu sein.
Ich war so glücklich, dass ich eine Stunde lang kettenrauchte. Dann wartete ich auf den Schaden, den ich davontragen musste, sofern die warnenden Nikotinartikel in den Zeitungen recht hatten. Aber vorläufig trug ich ihn nicht davon.
Gleichzeitig fiel mir ein, dass ich vor längerer Zeit Lire verdient hatte, die noch unbenützt dalagen. Eine kleine Summe, aber sie würde Pauls Mammon abrunden.
Wenn ich rechtzeitig telegrafierte, würde der Rechtsanwalt, der die Lire verwaltete, sie für mich abheben können. Der Rechtsanwalt wohnte in Bozen, und ich hatte ihn früher gut gekannt.
Und dann fiel mir ein, dass meine Koffer, die solid, aber betagt wirkten, nicht zu Pauls Mercedes passen würden (Luxusausführung, lang gestreckt, mit viel Wagen vorne und hinten).
Aber irgendjemand würde mir Koffer leihen. Von da an rannte ich. Ich rannte zum Telegrafenamt, ich rannte zu Else, die mir den großen, und zu Helga, die mir den kleinen Koffer lieh. Dann kaufte ich eine Kappe, nicht der Kappe, sondern des Schleiers wegen, der an ihr hing und dessen Rand gerade dort über meine Nase lief, wo der Kummer saß. Der Kummer bestand darin, dass die Nase sich erstmals entschlossen hatte, sanft nach Süden zu wandern und dann die Richtung verloren hatte, sodass sie ein wenig fragend in der Luft stand.
Ich lief und rannte und packte ein. Zuletzt kamen noch drei Telegramme. Im ersten stand, dass ich in Salzburg abgeholt werden würde, dass wir aber nach München müssten, weil Paul am nächsten Morgen noch dort zu tun hätte. Im zweiten stand, dass ich einen Tag früher kommen sollte. Im dritten stand, dass ich noch einen Tag früher kommen sollte. Dadurch geriet ich in eine Art Strudel, aus dem ich mich nur mit Mühe wieder herausfand.
Dann fuhr ich ab.

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