€ 25.00

ISBN Nachwort von Adolf Opel und Marino Valdéz 978-3-903460-47-8
ca. 250 Seiten
gebunden mit Leseband
Erscheint September 2025

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Else Feldmann

Der Leib der Mutter

Der Journalist Absalon Laich kehrt aus New York nach Wien zurück. Der empathische Absalon wird tagtäglich Zeuge der Bitterkeit des Lebens der „kleinen Leute“, einer Welt voller Armut, die stark auf das Gemüt der Menschen abfärbt.

Absalon Laich, Mitte dreißig, ist Journalist in Wien. Nach einigen Jahren in New York kehrte er in seine Heimatstadt zurück und verfasst dort Reportagen. Er lebt in der Wohnung der Hutfabrikarbeiterfamilie Miczek zur Untermiete, deren Leben er hautnah mitbekommt. Und es ist kein gutes Leben. Er wird Zeuge von häuslicher Gewalt, Kindsmord, Abtreibung und fortschreitender Verwahrlosung. Auch der eigenen, als er seine Arbeit in der Zeitung verliert.
Angezogen von dem Elend, wird er immer weiter in diese Welt der kleinen Handwerker, Fabrikarbeiter, Kellnerinnen, Blumenmädchen, Hausierer, Zuhälter und Prostituierten hineingezogen, bis ihm schließlich seine Solidarisierung mit den Außenseitern zum tödlichen Verhängnis wird.

Else Feldmanns Roman „Der Leib der Mutter“ erschien erstmals 1924 als Fortsetzungsroman in der Arbeiter-Zeitung in Wien – 1931 dann in Buchf orm.

Geld in der Tasche ist Freiheit für den Menschen. Jemand geht nach dem Regen aus, die Hände in den Taschen, den Schirm unter dem Arm; so schreitet er aus, das ist die bequemste Art für ihn. Muss er fürchten, mit seinem Schirm irgendwo anzustoßen, Schaden zu stiften, etwas umzuwerfen? Was macht es ihm? Er ist in der Lage, bar zu bezahlen, und er erspart sich jederzeit Schimpf und Hohn.
Wie anders ist es, wenn er kein Geld hat. Der Mensch lässt den Kopf hängen, verliert die Sinne … Er hat keinen Mut, ist sich selbst entwertet. Es ist wie eine Krankheit, kein Geld zu haben, ein Gebrechen, ein organisches Leiden …
Wie ein Kater, der nächtelang vom Hause fort war, Abenteuer gesucht und gefunden hat, sich eines Morgens wieder an sein Schüsselchen Milch heranschleicht, so kam Laich eines frühen Vormittags in die Redaktion, klopfte an die Tür des Chefredakteurs, öffnete langsam, nahm schüchtern den Hut ab und sagte leise: »Guten Tag!«
Er war nicht mehr derselbe, der damals im Zimmer stand und mit lauter und kühner Stimme Vorschläge nach amerikanischem Muster gemacht hatte.
Ein niedergebrochener Mensch ohne Geld stand da. Einer, dessen Kragen bereits braune Ränder zeigte, der nicht mehr in der Lage war, so häufig wie nötig die Wäsche zu wechseln, und einer, der ein wenig geschwächt war aus Mangel an kräftiger Nahrung. Und einer, dem die Augen in die Höhlen gesunken waren, weil er mitten in der Nacht, von Sorgen geweckt, nicht mehr einschlafen konnte und grübelnd lag. Viele seiner blonden Haare hatten sich weiß gefärbt und schimmerten wie Silber.
Auf sein Klopfen hatte niemand »Herein!« gesagt. Aber war er nicht an den schönen Tagen besserer Zeiten als Mittagsgast mit nach Hause genommen worden? Er konnte sich die größere Vertraulichkeit leisten und eintreten, ohne dass jemand »Herein« sagte.
Er stand zunächst allein im Zimmer. Die Türen waren angelehnt, und man hörte drinnen sprechen, aber ganz leise. Die Tür des Chefzimmers hatte Lederpolsterung.
Laich stand und presste die Augen zusammen. Er legte sein Gesicht in Falten, dass es eine einzige Grimasse wurde. Plötzlich hörte er Schritte. Es war der Chef.
»Oho, oho, Herr Laich?«, rief er überrascht aus. »Was führt Sie her?«
Aber er sah ihn weiter nicht an. Er holte ein Schriftstück vom Schreibtisch und ging wieder hinein. Er führte drinnen eine laute Auseinandersetzung. Manchmal lachte er laut auf, wie satte Männer über fünfzig Jahre lachen.
Hat einer Geld in der Tasche – denkt Laich, allein gelassen –, dann sagt er sich, gut, ich kann auch ohne Achtung leben. Einer ohne Geld hängt davon ab, dass man ihn achtet. Laich dachte: Hätte ich ihm lieber vorher geschrieben und zwei Tage auf Antwort gewartet. Besser schriftlich abgewiesen werden. Er erinnerte sich, dass der Chef einmal gesagt hatte: »Faule Mitarbeiter lasse ich gerne im Vorzimmer warten, ein gebildeter Mensch nimmt sich Beschämung zu Herzen, es spornt ihn an und macht ihn tüchtiger.« Er wollte die Menschen erziehen.
Die Minuten verstrichen, endlich kam der Chef wieder.
»Also, Laich … setzen Sie sich doch!«
»Ich melde mich wieder zur Arbeit.«
Der Chef arbeitete mit der Schere, klingelte, übergab dem Diener Zeitungsausschnitte und wendete sich wieder zu Laich. Da läutete das Telefon, das Fernamt meldete sich. Man brachte den Satz für das Abendblatt. Berlin sprach. Hier brach das Leben auf; hier war Tätigkeit, hier war Bedeutung. Es war bitter, ausgeschlossen zu sein von der Arbeit.
»Absalon Laich. Sie sind unzuverlässig!«
In diesen Räumen nannte man ihn mit Vorliebe bei seinem Vornamen. Immer, wenn man ihn beleidigen, aber ihm gleichzeitig zeigen wollte, dass man gutmütig war.
»Ja, Sie sind unzuverlässig. Sie haben die Sachen, auf deren Erledigung man gewartet hat, unerhoben zurückgestellt. Warum?«
»Ich war krank.«
Der Chef wusste alles. Er wusste, wer krank und wer nicht krank war. »Sie schaden sich nur selbst«, sagte er. »Sie sind nicht unbegabt, aber verbummelt, Boheme …«
Laich gab sich einen Ruck: »Ich will wieder arbeiten.«
»Ja«, sagte der Chef und dehnte das ja wie ein Gummiband. »Für die Übersetzungen ist bereits jemand aufgenommen.«
Laich bohrte seine Fingernägel in die hohle Hand. Der Chef sah die Verlegenheit auf seinem Gesicht, das schamhafte Erröten eines Entlassenen.
»Also, damit ist es nichts mehr. Durch Ihre eigene Schuld. Aber schreiben Sie etwas Selbständiges; amerikanische Eindrücke und Erlebnisse. Ich werde versuchen, Sie in der Sonntagsbeilage einzurücken. Schreiben Sie so wertvoll wie den Aufsatz: Kunstwert und Menschenwert.«
So war er: Er ließ ihn fallen, aber er hob ihn wieder auf. Der Chefredakteur eines großen Blattes hatte die Aufgabe, zu erziehen.
Und Laich versetzte seinen hellen Paletot und seine Reisedecke. Ihm verblieb als einziger Schutz der gelbe Gummimantel. Und er schrieb mit Fleiß und Geschick: Erinnerungen aus Amerika … und schickte sie ein. Zwei Tage später wurde er einberufen, den Nachtdienst wieder aufzunehmen.
Das Geld, das er für den Paletot bekommen hatte, ließ er durch die Post an Fräulein Flora überweisen: für ihre Bemühung am Nachmittag des 25. Juni.

Eine düster-genaue Sozialreportage und ein großer expressionistischer Stadtroman, eine erschütternde Studie über das proletarische Wien und ein phantastisches Prosagemälde voll visionärer Szenen des Grauens – das alles ist Der Leib der Mutter.
(ZEIT)

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