€ 26.00

ISBN Nachwort von Evelyn Polt-Heinzl 978-3-903460-48-5
296 Seiten
gebunden mit Leseband
Erscheint September 2025

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Annemarie Selinko

Morgen ist alles besser

„In der Nacht sind alle Sorgen groß und besonders schwer. Und man glaubt, dass sie nicht zu ertragen sind. Aber morgen ist alles anders. Nichts kann schlimmer werden, morgen – morgen ist alles besser.“ Kaum ist dieser Satz gesprochen, beginnt Toni Hubers Radiokarriere in Wien. Das Leben der jungen Wienerin bietet aber noch mehr Überraschungen.

Toni Huber macht grad Matura, als ihr Vater, ein ehemaliger Rittmeister und auch ehemalig reicher Adeliger, eine starke Grippe erleidet und im Krankenhaus verstirbt.
Seine Tochter kann es nicht fassen, die Mutter ist schon lange tot und Toni hat nun niemanden mehr, der liebevoll für sie sorgt. Sie muss zur einzigen Verwandten, der strengen Tante Florentine, ziehen und ist unglücklich.
Da bietet sich die Gelegenheit für eine Anstellung. Im Rundfunksender des Landes (RAVAG) soll sie als Tippmamsell beschäftigt werden. Als ein Zugunglück passiert und der Radiosprecher verhindert ist, springt Toni ein und spricht die letzten Worte, die täglich vor Sendeschluss ins Mikro gesagt werden, in den Äther: Dank eines Geistesblitzes ändert sie den Text ein wenig. Bald darauf ist schon die Hölle los.
Viele Zuhörer haben dem Sender geschrieben, alle wollen wissen, zu wem diese neue, bezaubernde Stimme gehört, sofort steckt die Begeisterung auch die ansonst trägen Chefi täten an: Toni muss befördert werden, Toni muss viel mehr Gehalt bekommen, alle haben immer schon ge wusst, was in ihr steckt.
Tonis Wandlung beginnt. Und es dauert nicht lange, da wird auch die Männerwelt auf sie aufmerksam …

Morgen ist alles besser erschien 1938 und wurde 1948 von Arthur Maria Rabenalt mit Ellen Schwanneke, Jakob Tiedtke, Grethe Weiser, Paul Klinger und Rudolf Prack verfi lmt.

WAS WILL DER mächtige Herr Rat von dem kleinen hinausgeworfenen Schreibmaschinenfräulein Toni Huber?
Der Herr Rat hat die Herren Direktoren Krapp und Link zu sich gebeten. Zu einer kleinen Besprechung. Bitte, meine Herren, etwas muss geschehen. Der Herr Rat begreift es ja selbst nicht, aber – Tatsache ist: Gestern um zwölf Uhr nachts, ein paar Minuten nachdem diese Geschichte mit der Kleinen, ja, Huber heißt sie, der Herr Rat hat sich ihren Namen bereits gemerkt, also, ein paar Minuten nach dem unglaublichen Vorfall mit diesem Fräulein Huber begann es. Das Telefon stand nicht mehr still. Anrufe, fortwährend Anrufe. Und heute, seit sieben Uhr früh, geht das weiter. Ununterbrochen. Das Fräulein in der Telefonzentrale ist schon ganz verrückt. Die Mittagspost brachte einen Riesenstoß Expressbriefe. Alle betreffen den unglaublichen Vorfall. Unentwegt telefonieren die Zeitungsredaktionen.
Im Vorzimmer vom Herrn Rat warten seit neun Uhr früh acht Herren von der Presse und zwanzig Fotographen. Und – es ist unglaublich – es kamen bereits internationale Anrufe, lauter Fragen, Fragen –.
Zum Donnerwetter: lauter Fragen nach dieser Frau mit der lieben Stimme. Mit der süßen Stimme. Mit der schüchternen Stimme, die zu Herzen geht. Mit der zärtlichen Stimme der Einsamkeit. Ja zum Teufel noch einmal, da muss etwas geschehen. Die Herren von der Zeitung wollen sie sehen. Diese – es ist zum Lachen – Frau mit der beglückenden Stimme. Die Fotographen brauchen ihr Bild.
Wann spricht sie wieder, fragen die Leute telefonisch, schriftlich, wann spricht sie wieder?
»Ich habe sie für morgen zwölf Uhr zu mir gebeten. Es muss doch etwas geschehen«, teilt der Herr Rat mit. »Übrigens: Verstehen Sie das Ganze?«
Der Dichter Johannes Krapp, Leiter der literarischen Abteilung, blickt gedankenverloren zum Fenster hinaus. »Ja, ich verstehe es. Eine von vielen hat gesprochen. Eine Einsame, eine Kleine, eine Unbedeutende. Ihre Stimme rührt die kleinen Leute, die Einsamen, die Unbedeutenden. Das ist das Geheimnis dieser Stimme.«
»Ausgezeichnet, so etwas können wir der Presse sagen«, ruft Direktor Link dazwischen. Den ganzen Vormittag hat er sich schon den Kopf darüber zerbrochen. Was sagt man den Journalisten? Sein Telefon steht keine Sekunde still. Und dabei soll er heute mit einer Sekretärin auskommen, die zweite hat man ihm doch gestern Abend entlassen, diese zweite –
»Der innere Drang zu sprechen, wurde immer mächtiger in ihr – sie stürzte vor das Mikrophon und –«, memoriert Direktor Link, springt auf und will im Zimmer auf und ab rennen. »Und dann sprach sie, wie ihr ums Herz war – was hat sie gesagt? Herr Rat, was hat sie eigentlich gesagt?«
»Was weiß denn ich, ich war viel zu nervös, um zuzuhören«, sagt der Herr Ministerialrat.
»Man braucht eine Schlagzeile. Was hat sie nur gesagt? Irgendetwas, das alle Menschen rührt, die Hoffnung aller Menschen hat sie ausgesprochen – sie hat gesagt … Moment, es wird mir gleich einfallen –«
»Eine von vielen hat gesprochen, ein kleines Mädchen stand vor dem Mikrophon, in ihre Augen trat ein großes Leuchten, das blonde Haar glich einem hellen Schein –«, hilft Direktor Krapp.
»Sie ist nicht blond, es war kein großes Leuchten und Sie haben sie doch gar nicht gesehen, lieber Krapp«, bemerkt der Herr Ministerialrat. Schließlich will er mit dem Direktor der literarischen Abteilung und dem Direktor des Pressebüros besprechen, was zu geschehen hat. Das scheint nicht möglich zu sein: Der eine entwirft lyrische Gedichte, der andere Zeitungsartikel.
Das Telefon auf dem Schreibtisch surrt. Der Herr Rat nimmt den Hörer: »Ja? Einen Augenblick –«, und zum Direktor Link: »Budapest ruft, eine Budapester Redaktion will von Ihnen Auskunft über –«
Link rennt aus dem Zimmer und stürzt in seine Abteilung hinüber. Der Herr Ministerialrat lehnt sich müde in seinen Sessel zurück. Er sieht Krapp an: »Nun?«
Der Dichter – er wäre bestimmt ein großer Dichter geworden, hätte man ihn weiterhungern lassen – blickt noch immer verträumt ins Weite.
Der Dichter Johannes Krapp hatte das Unglück, ein repräsentativer Autor zu werden, und so machte man aus ihm den Herrn Direktor Krapp von der literarischen Abteilung. Es ist ein großes Amt, und Krapp führt es ohne Würde. Er belächelt seine Arbeit, er studiert den Geschmack der Hörer, »der Wunsch der Hörer ist uns Befehl«, sagt er mit Vorliebe, seit er Himmel und Hölle seines Dichterlebens verlassen hat. Johannes Krapp hat keine Zeit mehr für sich selbst, aber dafür ein schönes Monatseinkommen. Er weiß nur nicht recht, was man mit Geld anfängt. Dieser kleine Krapp mit den kurzen Beinen, der mageren Knabengestalt, dem großen Schädel und den kindlich hellblauen Augen liebt stille Lokale und alte Anzüge, die nicht richtig sitzen und keine Bügelfalten haben.
»Kleine Frau mit der Stimme des Herzens«, sagt er jetzt und lächelt ganz sinnlos den Herrn Ministerialrat an. »Wir erleben hier ein Wunder, das Wunder einer Stimme –«
Der Herr Ministerialrat wird langsam nervös: »Direktor Krapp, hören Sie einmal, was machen wir also mit diesem Wunder?«
Krapps Blick taucht aus unendlichen Fernen auf, der Dichter Johannes versinkt und Direktor Krapp meint: »Der Wunsch der Hörer ist uns –«
»Befehl, ich weiß, ich kenne Ihre Aussprüche. Tja, dann werden wir eben die Kleine engagieren. Als Ansagerin vielleicht, was glauben Sie?«
Die letzten Worte hat Link gehört, der wieder zur Tür hereinschießt.
»Das kann sie nicht!«, schreit er. »Sie würde überhaupt nicht wirken, sie muss nur Besonderes sprechen, sie muss –«
»Ihr Herz muss sprechen«, versichert Direktor Krapp.
»Was stellen Sie sich darunter vor?«, erkundigt sich der Herr Ministerialrat, »welche Art von Sendungen meinen Sie damit?«
»Prag hat heute früh schon angefragt und jetzt war Budapest am Apparat und – wir müssen einen Star aus ihr machen, ich habe den Redaktionen schon gesagt, dass wir einen neuen Radiostar entdeckt haben. Die Frau mit der Märchenstimme, das hab ich gesagt –«, stößt Link aufgeregt hervor und verstreut die Asche seiner Zigarette erst auf seinem Anzug und dann im ganzen Zimmer.
»Frau mit der Märchenstimme, ein zauberhafter Ausdruck«, nickt Krapp anerkennend.

Das sogenannte Hochhaus in der Wiener Herrengasse ist ein wichtiges Zeugnis der Architekturgeschichte der Bundeshauptstadt. Friedrich Achleitner schreibt in seinem legendären Architekturführer davon, dass die Bezeichnung „Hochhaus“ schon während der Bauzeit 1931/32 angezweifelt worden sei, allerdings, so Achleitner, „für die Wiener ein Grund mehr, darauf zu beharren.“ Das Bauwerk wurde zu einer Insignie der Moderne im historischen Stadtzentrum und zu einem Gegenpart der Wohnanlagen des Roten Wien. Als besonders fortschrittlich galten die „Junggesellenwohnungen“ für Alleinstehende mit gutem Verdienst, auch für berufstätige Frauen mit eigenem Einkommen.
Eine der Bewohnerinnen war die Journalistin Annemarie Selinko, die 1937 als 23-Jähri­ge mit ihrem Roman „Ich war ein hässliches Mädchen“ Erfolg hatte. Ihre Wohnung war Treffpunkt für Schreibende wie Franz Theodor Csokor, Joe Lederer oder Herta Pauli. 1938 machte sie das Hochhaus in ihrem zweiten Roman „Morgen ist alles besser“ zum zentralen Handlungsort. Selinkos Protagonistin Antonia Huber, die im ersten Abschnitt des Buches ihren Vater beim Sterben begleiten muss und damit zur Vollwaise wird, zieht nach der Matura ins Hochhaus, ohne sich das eigentlich leisten zu können – ein selbst­bewusster, trotziger Akt gegen ihre Umgebung, die sich für sie nur den sicheren Hafen der Ehe vorstellen will.
Das ist Tonis Wohnung im Himmel. Der Himmel: Hochhaus in der Herrengasse, Stiege sieben, achter Stock. Das Hochhaus ist „der“ Wolkenkratzer von Wien. Vorn und hinten gibt es graue, alte Palais mit Wappen über weiten, vornehm geschwungenen Barockportalen. [...] Zwischen diesen Barockpalästen haben sie das Hochhaus aufgestellt. Einen riesigen hellen Asphaltkasten, wie es sich für unsere Zeit gehört.

Die Zeit, von der die Erzählerin spricht, wird gerne als „neusachlich“ tituliert. „Morgen ist alles besser“ ist ein Roman über die „neue Frau“ der 20er und 30er Jahre. Die pfiffige Toni Huber hat es mit Männern zu tun, die an anachronistischen Strukturen und Verhaltensweisen festhalten. Der Vater etwa, ein ehemaliger k.u.k.-Rittmeister, ist ein Vertreter dieser Generation, die unfähig ist, die neue Zeit zu akzeptieren. Das Sterben des Vaters ist die vielleicht eindrücklichste Szene des Buchs und führt die damaligen medizinischen Möglichkeiten im Alten AKH – Stichwort Kampferinjektionen – vor Augen. Der Tod des Vaters macht den Weg frei für Tonis ungewöhnliche Karriere, für einen Weg in die Selbständigkeit als Bewohnerin des Hochhauses. Ihr Schicksal als Vollwaise ermöglicht ihr mittels Mitleidsbonus das Bestehen der Matura; der Bettnachbar des sterbenden Vaters ermöglicht ihr später den beruflichen Eintritt ins Radio, wo sie durch Zufall zur gefeierten Sprecherin aufsteigt.

Annemarie Selinkos ersten beiden Romane sind gewiefte Unterhaltungsliteratur voll Ironie, Esprit und sprachlicher Souveränität – und sie sind Zeitromane. In „Morgen ist alles besser“ interessiert sich Selinko nicht nur für die „hellen Asphaltkasten“. Sie analysiert vor allem das Radio als Medium der Moderne, zeigt sein suggestives Potential und den Starkult, den es mit sich bringt. Und auch in Liebesdingen ist eine mediale Vorformung präsent:
Und da steht „Er“. Es hat sich dann später herausgestellt, dass er tatsächlich „Er“ war. Aber Toni spürt es schon in diesem ersten Augenblick.
Garry Cooper ist von der Leinwand heruntergestiegen und fährt mit mir Aufzug, geht es Toni durch den Kopf. Man kann also dem Idealmann wirklich begegnen. Und noch dazu im Lift.


Selinkos Heldin changiert zwischen Naivität und Schlauheit. Das Glück fällt ihr per Zufall zu, aber sie greift dann beherzt zu. So ist Toni eine selbstbewusste Verhandlerin in finanziellen Dingen, schließlich will sie sich ein Auto und Luxuskleidung kaufen. – Der Roman ist eine Aufstiegsgeschichte, Toni wandelt sich von der ärmlichen Schülerin, die durchzufallen droht, zum mondänen Medienstar. Da passt der dekadente, fesche Filou aus dem Lift bestens dazu. Aber Toni entscheidet sich schließlich anders, nämlich für ihren unscheinbaren schriftstellernden Vorgesetzten – eine Entscheidung, von der sie ihn in Kenntnis setzt.
Hochhaus, Tonstudio, weibliche Courage und Selbständigkeit: lauter Ingredienzien einer Modernität, eines technischen und sozialen Aufbruchs. Für den Roman und seine Autorin gab es allerdings kein besseres Morgen: Das Buch erschien kurz vor dem März 1938, der Verleger des „Zeitbild“-Verlags floh nach Prag, Selinko war bei Erscheinen bereits nach Kopenhagen übersiedelt. Selinko überlebte den Weltkrieg nach abenteuerlicher Flucht in Schweden, viele ihrer Familienmitglieder wurden in der Shoah ermordet. „Morgen ist alles besser“ wurde 1948 in Deutschland verfilmt, 1951 folgte eine Buchausgabe in Wien. Gut, dass der Milena Verlag seine Ausgabe aus dem Jahr 2021 mit dem instruktiven Nachwort Evelyne Polt-Heinzls nun neu herausgebracht hat.
Der Roman verbreitet einen Optimismus, den man 1938 und in der Wiederaufbauzeit 1951 gut brauchen konnte – und der wohl überzeitlich gültig ist. Gebündelt wird Tonis Lebensmotto im Satz, der zu Beginn ihrer Radiokarriere steht:
Ich hab nur gesagt, was ich mir jeden Abend beim Einschlafen denke: Durchhalten, morgen ist ein neuer Tag, das Leben geht weiter, man kommt nicht auf die Welt, um sich unterkriegen zu lassen.

Ö1, Ex Libris, Dezember 2025



Nur ein kleines Fräulein? "Morgen ist alles besser" von Annemarie Selinko

Der Milena-Verlag, bekannt für bunte Gegenwartsliteratur, holt in seiner Klassiker-Reihe immer wieder beinahe vergessene Autorinnen und Autoren vor den Vorhang. Eine dieser Schriftstellerinnen ist Annemarie Selinko. Die Österreicherin (1914-1986) schrieb zahlreiche Bestseller, welche in den Nachkriegsjahren auch erfolgreich verfilmt wurden. Nach "Heute heiratet mein Mann" und "Ich war ein hässliches Mädchen" bringt Milena nun "Morgen ist alles besser" heraus, erstmals erschienen 1938 als zweiter Roman der Autorin.
Das Thema ist typisch für die Frauen-Unterhaltungsliteratur der 1930er bis 50er Jahre: Ein junges Mädchen wandelt sich vom unscheinbaren Entlein zum prachtvollen Schwan. Anfangs ein schüchternes Waisenkind, ist Toni Huber am Schluss wohlhabend und verlobt. Auch in dieser Geschichte verdankt die Protagonistin ihren Erfolg mehr dem Zufall als ihren Fähigkeiten. Allerdings - und das hebt Selinkos Romane von anderen dieses Genres ab - beginnt die junge Frau im Lauf der Ereignisse, die Strukturen zu durchschauen, und entwickelt in der Folge gewitzte Strategien, um sich in der Männerwelt nachhaltig durchzusetzen.
Toni Huber ist ein kleines Fräulein mit einem kleinen Stimmchen, kleinen Träumen und einem kleinen Gesichtchen. Nur die Augen sind riesengroß. Der aus der Perspektive Tonis geschriebene Roman beschreibt ihre Gedanken sehr detailliert, und es sind kindliche Gedanken von erschreckender Naivität, aber auch von schnörkelloser Direktheit.
Toni macht also Karriere beim Radio. Besser gesagt, stolpert sie in ihre Karriere hinein. Nach der geschenkten Matura und dem Zufallsjob tapst die kleine Person durchs Leben und gerät dabei - von Männern herumgeschubst - von einem Sprungbrett auf das nächste. Per Zufall landet Toni vor dem Mikrofon der Radioanstalt, wo sie eigentlich nur naiv vor sich hinplappert. Doch ihr kleines Stimmchen rührt die Menschen, und so wird Toni eben berühmt.
Sagt Toni etwas Kluges, ist ihr das doch nur rausgerutscht. Verhandelt sie knallhart, dann nur, weil sie das Einstellungsgespräch für ein Spiel hält. Doch während die junge Frau mit dem Verstand hintennach hüpft, wird sie tatsächlich erwachsen. Sie erkennt, dass es Männer zum Verlieben gibt und andere zum Heiraten, und Geld zu haben ist auch kein Schaden.
Beim Lesen des durchaus als Unterhaltungsroman konzipierten Buchs muss man allerdings schon Durchhaltevermögen beweisen und fest an die sozialkritischen Absichten der Autorin glauben. (Selinko war im Widerstand gegen die Nazis.) Die Bezeichnung "klein" wird leider inflationär gebraucht: "Was will der mächtige Herr Rat von dem kleinen hinausgeworfenen Schreibmaschinenfräulein Huber?", denkt die kleine Toni und versteht wieder einmal gar nichts. Derartige romantische Verniedlichungen sind freilich der damaligen Zeit geschuldet und entsprechend zu verzeihen.
Mag ihre Protagonistin auch bloß ein "kleines Fräulein" sein, so ist Selinko hingegen eine der ganz Großen, was ihren sprachlichen Ausdruck betrifft: Knapp und präzise sind da manche Szenen, etwa die im Spital, in der das junge Mädchen, von den Ärzten grade so geduldet, am Sterbebett des Vaters sitzt. Atemberaubend ist das, brutal. Man will der jungen Frau auf die Schulter klopfen - mitleidsvoll in den Arm nehmen mag man sie jedoch nicht.
Denn die Toni kommt schon zurecht, auf ihre ganz spezielle Weise. Und weil sie alles andere als bescheiden ist, wird sie auf ihrem Weg sicher auch das Attribut "klein" zurücklassen.
Wiener Zeitung, Elisabeth Freundlinger, 12.6.2021


Doderer hätte es nicht besser gekonnt: „LAUFENDE MASCHEN VON Seidenstrümpfen sind unaufhaltsam wie der Lauf des Schicksals.“ Annemarie Selinkos Roman „Morgen ist alles besser“, der mit diesem Satz beginnt, spielt nicht nur in derselben Zeit wie die üppigen Panoramen des Großmeisters gedrechselter Satzkaskaden; anders als der große Heimito wählt Annemarie Selinko aber das leichte Genre und erzielt einen ähnlichen Effekt. Literatur mag das ernsthafteste Mittel sein, um die Welt als Ganzes zu erfassen; zu ergänzen wäre; so ernst aber wiederum auch nicht, um nicht gelegentlich zu lachen. Bekanntlich sind Komödie nicht nur lustig, selbst das Märchen vom Aschenputtel kommt nicht ohne Düsternis und Unglück aus. So auch hier.
Dass die aus einer assimiliert-jüdischen Wiener Unternehmerfamilie stammende Autorin, nach einigen Semestern Studium und Arbeit als Journalistin über die Fingerfertigkeit verfügte, große Gegenstände als literarisch leichte Kost zu verpacken, hatte sie mit dreiundzwanzig bewiesen. Ihr Romandebüt „Ich war ein hässliches Entlein“ wurde zum Bestseller. Überkommene Geschlechterrollen mit Witz, Verve und Selbstironie zu überwinden, ist auch das Thema von „Morgen ist alles besser“. Eine Frau entscheidet selbst über ihr Leben – keine Selbstverständlichkeit im Österreich I der Zwischenkriegszeit. Allein das Erscheinungsjahr des Buches - 1938 - war nicht gerade günstig, der Story mit Happy End zum Publikums-Erfolg zu verhelfen; die Nazibarbarei hatte auch hierzulande begonnen. Annemarie Selinko, mittlerweile mit einem dänischen Diplomaten verheiratet, lebte damals im Ausland und später im schwedischen Exil. Dem Milena-Verlag verdanken wir, dass nach „Ich war ein hässliches Entlein“ und „Morgen heirate ich meinen Ehemann“ jetzt auch ihr dritter Roman wieder vorliegt.
Wir befinden uns in der Welt vor der großen Katastrophe: Wien in den 1930er Jahren, Lateinstunde in einer achten Klasse Gymnasium. Bedrohlich ist im Moment nur der Blick der Lateinprofessorin Mikula auf die Schülerin in der letzten Bankreihe Antonia Toni Huber, die gerade mit ihrem Seidenstrumpf-Schicksal kämpft: mit dem altbewährten Hausmittel Spucke versucht sie eine laufende Strumpfmasche aufzuhalten. Aber – so heißt es weiter - da rückt schon die Mikula, das Lateinekel, auf Toni los. „Vielleicht übersetzt die Huber weiter“, „Nun, wird`s bald Huber?“ Toni erbleicht, stammelt, verhört sich, was ihr gerade eingesagt wird - anstatt „Aeneas umschiffte die Küste“ übersetzt sie „Aeneas schiffte in einer Kiste“. Gekicher, die Mädchenklasse lacht. Allerdings - die Situation ist so harmlos nicht, die Matura steht bevor und die Schule angehalten ist, heuer besonders streng vorzugehen. “Es sei ganz unnütz, dass jährlich tausend junge Mädchen auf den Universitäten inskribieren“, lautet die Losung des Unterrichtsministers; die Universitäten seien schon überlaufen.
Die Zeiten haben sich diesbezüglich geändert und Politik bleibt in „Morgen ist alles besser“ im Grunde ausgespart, sieht man von der beherrschenden Männerriege ab, die Toni Hubers weiteres Schicksal bestimmt. Wenn „Morgen ist alles besser“ einen tieferen Sinn hat, dann nicht als Gegenstück zu „Schüler Geber“ oder als kecker Frauenroman a la Irmgard Keun, wie er damals neu und „in“ war, sondern aufgrund der Weise und Leichtigkeit mit der Selinko ihre Geschichte einer unwahrscheinlichen, parodistisch-märchenhaften Kariere erzählt. Man darf eher an Billy Wilder denken und an die Screwball-Komödien der 30er und 40er Jahre.
Zur Erinnerung: Der englische Slang-Ausdruck Screwball beschreibt eine Person mit eigenartigen bzw. skurrilen Angewohnheiten. Skurril ist im Falle der Antonia Toni Huber, deren Mutter nach dem Ersten Weltkrieg an der Spanischen Grippe starb und deren Vater Friedl bald sterben wird, alles. Auf die Frage des Vaters - ehemaliger k.u.k. Rittmeister und mittlerweile Versicherungsvertreter - was das Töchterlein nach der Matura werden wolle, folgt die prompte Antwort: »Ich?« Tonis Gesicht verklärt sich. Ihre Stimme klingt ganz träumerisch: »Friedl, ich werde das Schönste, das es auf der Welt gibt. Ich werde ein richtiger Parvenü. Einverstanden?“ Wir sehen die Erzählerin mit den Augen zwinkern. Die alte Welt der Residenzhauptstadt geht für Toni mit dem eindringlich geschilderten Tod des Vaters im Krankenhaus endgültig unter; Köchin und Hausdiener werden entlassen, Tante Florentine lässt die schönen Mahagonimöbel versteigern. Einziges positives Erlebnis, um nicht zu sagen – ein Wunder: der rührselige Hofrat und Vorsitzende bei der Reifeprüfung schenkt der „kleinen Huber“, als er deren Trauerflor bemerkt, die Matura.
Ein neues Leben beginnt – symbolträchtig mietet die Achtzehnjährige mit bescheidener Erbschaft eine Junggesellenwohnung. „JETZT WOHNT DIE Toni Huber also im Himmel. Ihre Wohnung dort oben besteht aus einem einzigen Zimmer, aber es ist trotzdem eine richtige Wohnung. (…) Der Himmel: Hochhaus in der Herrengasse, Stiege sieben, achter Stock. Das Hochhaus ist »der« Wolkenkratzer von Wien. Der riesige „Asphaltkasten“, wie Toni das Gebäude nennt, ist Symbol für Modernität und Urbanität, bis heute wohnt dort so mancher Parvenue; die kleine Huber stolpert sich von hier aus zur Grande Dame als Radiosprecherin durch. Sie geht in die Kärntner Straße Auslagenbummeln, träumt von Pelzmänteln und Sportwagen, vor allem von einem Mann: Groß, sehr groß, einem Mann wie Gary Cooper, dem Filmschauspieler. Für ihre Karriere lernt sie Maschinschreiben und Stenografie und findet eine Anstellung als Schreibhilfe im Radio. Selinko bietet Slapstick der feinsten Art wenn Toni sich in der Radioanstalt verirrt und irrtümlich in Hörspielstudio Hörspielprobe mit Geräuschmachern bei der Aufnahme gerät. In einem Studio spielt auch die zentrale Szene zwei Monate später, in der der Roman-Titel fällt. Ein Sprecher erleidet beim Verlesen der Nachricht über eine Eisenbahnkatastrophe einen Nervenzusammenbruch, weil er seine Frau im verunglückten Zug weiß – die zufällig anwesende Toni wird zur Retterin in der Not.
»Das Mikrophon!«, durchzuckt es Toni. Er hat den Gutenachtgruß nicht gesprochen. Toni hat die Augen geschlossen. Unwillkürlich falten sich ihre Hände. Viele Menschen hören Radio, viele Menschen können nicht schlafen. »Gute Nacht«, spricht die kleine Stimme, ein tiefer, zärtlicher Unterton schwingt mit. Schon so lange hat ihr keiner Gute Nacht gesagt. »In der Nacht sind alle Sorgen groß und besonders schwer. Und man glaubt, dass sie nicht zu ertragen sind. Aber morgen ist alles anders. Nichts kann schlimmer werden, morgen – morgen ist alles besser –«
Der Skandal ist perfekt, die Herren Direktoren, Hofräte, und Sendungsverantwortlichen verfallen in Hysterie – Toni wird ob ihrer Eigenmächtigkeit fristlos gefeuert. „Man wird sich umbringen müssen“ sinniert sie und irrt durch die die Stadt, trifft aber bei der Rückkehr ins Hochhaus auf ihren Traummann – Leslie, den englischen Bohemien, der sie kurzer Hand auffordert: »Come along, little lady!« Am nächsten Tag geschieht das noch größer Wunder: Die Radiohörer der nächtlichen Verabschiedung sind begeistert, Dichter Johannes Krapp, Leiter der literarischen Abteilung, der zu Tonis Mentor wird, weiß warum: „Eine von vielen hat gesprochen. Eine Einsame, eine Kleine, eine Unbedeutende. Ihre Stimme rührt die kleinen Leute, die Einsamen, die Unbedeutenden. Das ist das Geheimnis dieser Stimme.“ Die Direktion beschließt aus Antonia Huber einen Star zu machen, Anfangsgehalt für das tägliche „Gute Nacht“ aus Tonis Mund – eintausend Schilling!
In knappen Strichen zeichnet Annemarie Selinko ein liebevoll-bitterböses Bild der besseren Wiener Gesellschaft, verschränkt ganz dem Gesetz der Screwball-Kömodie entsprechend eine Liebesgeschichte mit Partnertausch und – Verwechslung in ihre Story; am Ende folgt sogar noch ein programmatischer quasi feministischer Auftritt der zum internationalen Radio-Star mutierten Toni vor ihrer ehemaligen Schule. Die Besitzerin eines Silbernen Cabrios (bar bezahlt) mit roten Ledersitzen und Trägerin eines Capes aus Fuchspelz schockiert die Lehrerschaft und begeistert den nächsten Jahrgang an Maturantinnen: »Ihr sollt ans Leben glauben. Ich bin ein Beweis dafür, dass man nicht untergehen muss, wenn man nicht unbedingt Veranlagung dazu hat. Schaut, ich bin nicht hübsch und wirklich nicht gescheit und – ich hab es doch geschafft!“
Ganz am Schluss steht ein Heiratsantrag mit Hund und drei Wochen Bedenkzeit – den Heiratsantrag macht wohlgemerkt Toni Huber.
Was „Morgen ist alles besser“ über den gelungenen Plot hinaus reizvoll, und ja – so vergnüglich macht, ist das heute aus der österreichischen Literatur verschwundene Lokalkolorit. Altmodisch gesprochen. Also: jene Austriazismen, die dem Roman eine gewisse Patina verleihen und eine längst untergegangene Welt aufklingen lassen: „Alsdann“ heißt es da, „’ß Gott, ’ß Gott“, oder „Jessasmariandjosef“. Eine bessere und geistreichere Sommerlektüre als Annamarie Selinkos Buch wird sich kaum finden lassen. Mit einem Wort: „Morgen ist alles besser“.
EXLibris
Ö1, Radiogeschichten

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