€ 26.00
ISBN 978-3-903460-51-5
ca. 280 Seiten
gebunden mit SU und Leseband
Bereits erschienen
Stefan Tafler, Maik Baumgärtner
Liebe der Armen
Der Roman „Liebe der Armen“ macht das Wien der Spätmonarchie hörbar: Arbeit, Hunger, Gewalt, Wirtshaus, Bordell – ungeschönt, lebendig und bis heute gegenwärtig.
Wien-Josefstadt, ein Zinshaus 1914, der Erste Weltkrieg steht kurz bevor. Hier
spielt ein Gesellschaftsroman, der das Leben der kleinen Leute, der Taglöhner,
Heimarbeiterinnen und Arbeitslosen im Hinterhof des 8. Bezirks scharf und zärtlich zugleich beschreibt.
Wir schreiben die 1910er Jahre und befi nden uns in der Laudongasse, hier wohnen in sehr ärmlichen Verhältnissen die Pluhaks, die Filleders und die Hunaschs. Frau Pluhak hat einen Alkoholiker als Mann, aber auch einen jüngeren Geliebten, Heinrich, der sich von ihr aushalten lässt. Und zwei Kinder, die Milli und den Vickerl, der die Mizzl liebt. Die Milli kann sich den Avancen von Heinrich nicht mehr entziehen, also fangen die zwei ein ungleiches Verhältnis an.
Die Tochter der Filleders, die Fini, ist bildhübsch, das ist gut, denn dann werben reiche Männer um sie, was für Mutter Filleder sehr wichtig ist, denn dann kann sie Schinken kaufen und eine schönere Kommode und den Nachbarinnen erzählen, dass sie mehr Geld haben als sie. Die Hunaschs haben auch zwei Töchter, die unter die Haube sollen, die Berta und die Maltschi. Und Frau Heindl betreibt ein lukratives Bordell, wo alle Töchter des Zinshauses gern gesehen wären. Das ist die Liebe der Armen.
Im Zinshausuniversum Stefan Tafl ers kreisen starke, dominante Mütter und schwache, passive Väter um ihre Töchter und Söhne. Die Söhne treten in die Fußstapfen ihrer trinkenden Väter, die Töchter sollen den sozialen Aufstieg durch die Ehe mit einer „guten Partie“ schaffen. Das Leben der Armen: ein Überleben, immer auf der Suche nach Arbeit und Geld. Die Liebe der Armen: dem sehr ähnlich.
Es regnete in Strömen. Das Wasser klatschte auf dem Pflaster auf. Es war zehn Uhr abends.
Die Hunasch kroch fröstelnd aus ihrer Wohnung, sperrte das Haustor ab und löschte die Petroleumlampen auf den Gängen. Nur die Lampe auf dem Gang der Heindl ließ sie brennen. Sie schwelte rot und gespenstig. Bei solch erbärmlichem Wetter wäre sie gern im warmen Bett gelegen – aber gerade bei so einem Hundewetter hatten die Huren den meisten Zuspruch.
Frau Hunasch kochte sich einen starken schwarzen Kaffee, schob den Fauteuil in die Ecke, fütterte ihre Pantoffeln mit Zeitungspapier, damit die Füße es warm hätten und nicht einschliefen, band sich ein wollenes Tuch um den Kopf und erwartete die Ereignisse der Nacht.
Die alte Julie war die Erste, die sie aus ihrer Behaglichkeit aufstöberte. Sie donnerte mit dem Stock an ihrer Tür und schimpfte sie eine alte Schlafhauben. Es war ganz merkwürdig, welchen Respekt sie sich zu verschaffen wusste. Die Hunasch sagte freundlich: »Gu’n Abend, Fräulein Julie.«
Eben kam auch die schwarze Lena aus dem Salon Heindl daher, um »aufs Geschäft« zu gehen. Sie hatte sich verspätet. Sie fühlte sich elend, deshalb hatte sie heute so lange zu ihrer Toilette gebraucht. Im Kopf spürte sie ein schmerzhaftes Klopfen, in der Brust ein Stechen, die Augen waren so schwer und brannten. Eine hektische Röte auf den Wangen konnte vielleicht in der unsicheren Beleuchtung Gesundheit vortäuschen.
Sie lutschte an Malzzuckerln, denn ein trockener Husten erschütterte ihre zarte Brust. Sie trug ein knallrotes Kleid, das ihr Aussehen noch interessanter machte. Auf ihrem großen Hut zitterte eine schwarze Straußfeder, die ihr den Anschein von etwas lustvoll Flatterndem, einen Schick von hurenhafter Lebendigkeit gab. Der Schatten, den der breite herabgebogene Hutrand warf, hüllte ihr Gesicht, das einen krankhaft ekstatischen Zug aufwies, in ein mysteriöses Halbdunkel.
Oft, wenn ich sie so sah, war ich hingerissen von ihrer Eleganz und dem Geheimnisvollen, das um sie schwebte.
Als sie die alte Julie gewahr wurde, schrak sie vor der fürchterlichen Fratze zurück. Sie spuckte rasch dreimal nacheinander aus. Dann machte sie kehrt und jagte über den Hof. Dieser entsetzlichen Alten als Erster auf dem Weg zum Strich zu begegnen, hieß für Lena so viel als vom Teufel verfolgt zu sein. Nein, da wollte sie lieber noch warten. Jetzt fortzugehen hätte keinen Sinn – kein Hund würde sich an ihre Fersen heften.
Frau Heindl, angetan mit einem violetten Samtkleid, dessen faltige Weite die gierige Magerkeit ihres Leibes verbergen sollte, und deren üppiger falscher Busen wie ein Buckel auf diesem Knochengerüst saß, empfing ihre zurückkehrende Pensionärin mit wüsten Vorwürfen. Sie werde sie hinausschmeißen, das faule Luder, das stinkende! Zum Ausfressen sei kein Platz da!
»Vielleicht das Wetter zu schlecht, ha? Vielleicht möchst ins Bett kriechen und den Regen verschlafen, du Mensch, du?!« Dann drohte sie ihr, ihr werde bald die Geduld reißen – die Lena vernachlässige das Geschäft! »Die Männer husten dir was!«
Auf diesen Wortschwall, der leise hervorgezischt wurde, erwiderte die Lena keine Silbe. Was hätte sie auch sagen sollen? Die Heindl hatte ja recht, mit ihr war nicht mehr viel los …
Da gab ihr die erzürnte Kupplerin einen Stoß, dass sie zur Türe taumelte. Jetzt erst raffte sie sich zu einer Antwort auf. Stockend und in gleichgültigem Ton, aus dem grenzenloser Überdruss herauszuhören war, entgegnete sie, sie werde etwas später gehen, sie habe die alte Julie getroffen, was sicherlich nichts Gutes bedeute, und dann wolle sie sich stärker schminken, das sei heute nötig.
Geringschätzig meinte die Heindl, sie zweifle, wer mehr Unglück mit auf den Weg bringe, die alte Julie oder die Lena selbst – diese Vogelscheuche!
Dieses Gespräch fand im Vorzimmer statt. Aus dem angrenzenden Salon drang Gekicher und das heisere Gekrächz eines alten Grammophons. Lena ließ sich auf einen Strohsessel fallen.
»In einer Viertelstunde gehst aber!«, kommandierte die Kupplerin und stellte sich vor den großen Spiegel, der stolz in einem goldenen geschnitzten Rahmen prangte.
Sie legte ihr Gesicht in freundliche Falten und verzog es zu einem liebenswürdigen Grinsen, denn die Kunden liebten bloß heitere Gesichter. Sie kannten auch Frau Heindl nicht anders als mit diesem steten Grinsen um den verkniffenen Mund. Nur wenn einer nicht zahlen konnte oder Radau schlug, kam die Furie zum Vorschein.
Sie nestelte an ihrer pompösen Frisur. Der falsche Zopf thronte wie eine Krone auf ihrem Haar, auf dem Haarnadeln, mit falschen Brillanten besetzt, gleißten und glitzerten. Sie hatte die Gewohnheit, wenn sie in Stimmung war, eine solche Nadel mit lässiger Gebärde aus dem Haar zu ziehen, sie seufzend zu betrachten und klagend auszurufen: »Wie schrecklich ist doch das Leben! Da plagt man sich ein ganzes Menschenalter, war auch einmal jung und schön – und hat es zu nichts gebracht! Ja, wenn diese Steine echt wären, dann könnt ich sagen, ich hab nicht umsonst gelebt …«
Dabei begannen die Augen der alten Schlange hinterlistig zu schillern. Sie beobachtete die Wirkung ihrer Worte und war glücklich und voll hämischer Freude, wenn man darauf einging. Warum sie sich so freute, das wusste sie genau: Sie hatte wohlverwahrt in der Bank eine Menge echten Schmuck liegen – genug, um allen ihren Mädchen, denen sie diese Schätze verdankte, ein neues, besseres Leben aufzubauen.
Und immer mehr raffte sie zusammen. Von ihrem Reichtum sprach sie zu niemandem, dazu war sie zu misstrauisch. Der Einzige, der ihr Vertrauen besessen hatte, war ihr Bruder, ein buckliger Magistratsbeamter, ihr einziger Anhang.
Die Geschwister waren die unehelichen Sprösslinge einer Taglöhnerin, die sich dem Suff ergeben hatte und ihre beiden Kinder unmenschlich misshandelte. Den Buben schlug sie zum Krüppel. Das Mädel, das vergeblich versuchte, den jüngeren Bruder vor der vertierten Mutter zu beschützen, kam noch glimpflich davon. Als dann die Säuferin unter der fortschreitenden Einwirkung des Alkohols langsam verblödete, zahlte ihr die kaum dreizehnjährige Johanna die erlittenen Misshandlungen mit Zinsen zurück. Sie sperrte sie in einem finsteren Verschlag ein, in dem sich alles mögliche Gerümpel befand, und ließ sie dort im eigenen Kot verkommen. Schließlich wurde die Wahnsinnige nach Steinhof überführt, wo sie bald darauf starb. Die zwei Kinder kamen in ein Waisenhaus.
Mit vierzehn Jahren wurde Johanna Dienstmädchen. Ihre früh erworbene Schlauheit verhalf ihr dazu, sich beliebt zu machen. Dabei stahl sie, ohne je erwischt zu werden, wie ein Rabe. Den Bruder schickte sie in eine Handelsschule.
Johanna war sehr hässlich – hässlicher noch als heute im vorgerückten Alter. Und sie wusste das. Kein Mann begehrte sie. Sie rächte sich durch Hass. Frauen dagegen vermochte sie leicht für sich einzunehmen.
Der bucklige Fritz, dem es gelang, eine sichere Anstellung bei der Gemeinde zu finden, hatte die Verschlagenheit eines einsamen wilden Tieres. Ähnlich wie sie verbarg er seinen wahren Charakter unter der Maske einer ihr Los mit stiller Demut tragenden Kreatur.
Die beiden verstanden einander gut und schmiedeten gemeinsam dunkle Zukunftspläne.
Jahre verflossen, in denen Johanna ein kleines Vermögen zusammenstahl. Endlich kam der Moment, wo ihr Kapital für sie zu arbeiten beginnen sollte. Sie mietete in der Laudongasse eine große Wohnung und richtete sich dort einen »Salon« ein. Jetzt war sie in ihrem Element. Was für ein Triumph für die hässliche Frau, die eine Jungfrau geblieben war, am Geschlechtsverkehr anderer sich bereichern zu können! Ihr Geschlechtstrieb, jahrzehntelang verdrängt, hatte sich in Gier nach Geld verwandelt und der unerbittlichen Grausamkeit, mit der sie ihre Mädel traktierte. Auch der Krüppel, den sie zu sich genommen hatte, war förmlich mit der Peitsche in der Hand hinter den Huren her – es war, als rauschte das Blut der Mutter in ihnen.
Da geschah es, dass sich der Bucklige in eine schwarzäugige Hure rasend verliebte und mit ihr auf und davon ging. Die Heindl verzieh ihm das nie, bedeutete doch das durchgegangene Mädel eine besonders ergiebige Einnahmsquelle! Sie verachtete seitdem den Bruder und kümmerte sich überhaupt nicht mehr um ihn.
Nun hatte sie also niemanden mehr als sich selbst. Ihre Enttäuschung über die Treulosigkeit des Buckligen steigerte noch ihre Brutalität und ihren Geiz. Sie gab den Mädeln nicht einmal mehr genug zu essen, während sie selbst Unmassen fraß …
»Amüsieren Sie sich gut, meine Herren?« Mit diesen Worten trat sie in den Salon. Ihr falsches Gebiss, das glänzend weiß und riesenhaft in ihrem großen Mund saß, klapperte.
Draußen im Vorzimmer starrte Lena auf den schadhaften Läufer zu ihren Füßen. Der dicke Staub war bei dem schwachen Licht nicht zu sehen. Das Grammophon spielte einen abgedroschenen Walzer. Da hörte sie die Salontür gehen. Sie fuhr zusammen. Der rote Vorhang teilte sich, und heraus kam die freche Blondine mit einem dicken alten Herrn, dessen Gesicht fettig glänzte. Er schnaufte vor Geilheit und ließ die Unterlippe herabhängen. Die Hure, deren zerknittertes rosa Kleid auf der linken Seite einen Schlitz hatte, der das fleischige Bein fast bis zur Hüfte entblößte, packte den alten Kracher beim Hals und zog ihn mit sich fort.
Lena erhob sich. Sie hatte nicht mehr viel Zeit, bald würde dieser schreckliche Teufel, die Heindl, auftauchen. Sie hasste dieses Weib. Sie hätte ihr ein Messer in den dürren Leib jagen mögen!
Sie ging in die kleine Kammer, die sie zusammen mit drei Kolleginnen bewohnte, und zündete eine Kerze an. Die Lampe durfte nur einmal des Tages, und zwar beim Toilettemachen, benützt werden. Wenn die Mädchen sonst Licht brauchten, waren sie gezwungen, mit Kerzen vorliebzunehmen, die sie selbst kaufen mussten. Die geizige Kupplerin besaß die Unverschämtheit, zu behaupten, eigentlich würden auch die Kerzen von ihr bezahlt werden, denn gäbe sie den Mädchen keine Verdienstmöglichkeit, so könnten sie sich nicht einmal Salz aufs Brot leisten.