152 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag


€ 23.00

ISBN 978-3-903184-32-9

Als E-Book in allen einschlägigen Stores erhältlich.

Peter Zimmermann

DER HIMMEL IST EIN SEHR GROSSER MANN

Ein Buchhändler, das Kind, ein Ritter. Das Kind blickt nach vorn, der Buchhändler zurück, der Ritter hat die Zeit überwunden. Peter Zimmermanns neuer Roman handelt von nichts weniger als dem Leben, er führt zusammen, was uns Menschen eint. Ein großer und wunderschöner Roman.

Der Buchhändler führt ein ruhiges Leben. Er lebt stark in der Vergangenheit, erinnert sich an seine Kindheit, an das ständige Schweigen des Vaters, der ihn an den Wochenenden und in den Ferien mit dem Auto zu den Großeltern bringt. An die Wochenenden in den Wäldern, wo der Bub herumstreift und seinen Phantasien nachjagt. An das plötzliche Verschwinden der Großmutter. An die fremde Frau, die an Großmutters Stelle tritt. Das Kind sieht alles, aber verstehen kann es die Erwachsenenwelt nicht.
Doch eines Tages geschieht im Leben des Jungen etwas Wundervolles: Ein Ritter bricht in seine magische Welt ein, eine Gestalt aus einer anderen Zeit. Der Ritter lebt ewig, etwas oder jemand treibt ihn durch die Jahrhunderte und hat offensichtlich Freude daran, ihn die Geschichte der menschlichen Zivilisation durchleben zu lassen. Der Bub hat nun jemanden gefunden, der ihm Antworten auf seine vielen Fragen gibt. In gemeinsamen Gesprächen erzählt ihm der Ritter von seinen Erlebnissen und von seinen Erkenntnissen – hier wird der Roman großartig und das Lesen zum reinen Genuss.

Peter Zimmermanns geschliffene und gehaltvolle Prosa erweist sich erneut als gelungenes Beispiel eines magischen Realismus, für den Sachlichkeit und Wunder nicht als Gegensätze gelten.

„Eines Tages, sagte der Ritter, werde ich nicht mehr kommen. Du wirst mich suchen, und ich werde nicht da sein.
Warum?
Weil es so sein wird.
Und dann?
Dann bist du erwachsen.“

Ach Gott, stöhnte der Ritter einmal in der Kühle der Laube, während rundherum die regenfeuchte Wiese in der Julisonne dampfte, so viel ist da nicht zu verstehen. Ich weiß ja nichts über deine Eltern und Großeltern, aber ich weiß einiges über Männer und Frauen. Und so gesehen weiß ich doch einiges über deine Eltern und Großeltern. Die Menschen sind nicht so kompliziert, wie man glaubt. Oder wie sie uns glauben machen möchten. Wie viel Mühe nicht schon aufgewendet wurde, um uns zu erklären, dass wir nicht zu erklären sind! In unserer Genialität und Bösartigkeit! In unserer Fähigkeit, die Welt zu gestalten und an ihr zu zerbrechen! Ich lebe lange genug, um zu wissen, dass sich daran nichts verändert hat.
Es gibt in moralischer Hinsicht keinen Fortschritt! Du weißt, was Moral ist, oder? Der Mensch ist Verstand und Gefühl, ist also in der Mitte durchgeschnitten. So, und jetzt muss er versuchen, die zwei Teile irgendwie zusammenzuhalten, sonst fällt er auseinander und ist kein Mensch mehr. Dort, wo es gelingt, Verstand und Gefühl zusammenwachsen zu lassen, wenigstens ein bisschen, entsteht Moral. Nur dort, denn weder die eine noch die andere Seite kann für sich Moral entwickeln. Sie muss die Grundlage für dein Handeln sein, das so ausgerichtet ist, dass das, was du tust, nicht zum Nachteil der anderen gerät. Aber auch nicht zu deinem Nachteil. Wie das gehen soll, ist bis heute eine ungelöste Frage. Und ich weiß auch warum: Weil die Menschen nichts anderes tun, als Menschen zu imitieren. Ihnen wird gesagt: Du bist ein Mensch. Und der Mensch fragt sich: Was ist ein Mensch? Und weil er nichts falsch machen möchte oder weil er feig ist oder faul, sagt er sich: Ich mache einfach das, was die anderen tun. So vervielfältigt sich eine Vorstellung vom Menschsein, die nichts weiter ist als Ahnungslosigkeit. Ich vermute einmal, dass das auf deine Leute zuhause zutrifft: Ahnungslosigkeit. Sie sind damit beschäftigt, nichts zu versäumen und es den anderen gleichzutun.
Ahnungslose beobachten Ahnungslose beim Ahnungslossein. Eigentlich eine Tragödie. Da hat es die Moral natürlich schwer, denn das meiste, das uns von ihr vermittelt wird, ist ja auch nur abgekupfert, wird zum Gesetz gemacht oder zur Religion, sodass sich alle zu unterwerfen haben. Mit Verstand und Gefühl hat das nichts mehr zu tun. Als ich damals das Schloss am Meer verließ, hatte ich keine Vorstellung von Moral. Männer taugen nichts, hatte ich gelernt, obwohl ich ein Mann war. Und wirklich, als ich Männern begegnete, hasste ich sie, weil sie Männer waren, aus keinem anderen Grund, und ich hatte kein Problem damit, sie zu erschlagen. Das klingt jetzt vielleicht hart für dich und ich mag nicht so aussehen, als meinte ich das ernst, aber damals, als ich jung war, war das eben so. Du bist auf deinem Pferd einen Pfad entlanggeritten, die Sonne hoch am Himmel, die Luft so warm, dass du nicht weit davon entfernt warst, im Sitzen einzuschlafen, weißt du, so ein
Dahindämmern eben, wenn du dich geborgen fühlst wie zuhause unter Daunendecken, und da kam dir plötzlich ein anderer auf einem Pferd entgegen, der sagte: entweder du oder ich. Das macht man inzwischen nicht mehr, man geht aneinander vorbei und schaut einander nicht in die Augen, möglicherweise nickt man einander einen Gruß zu, aber damals wollten junge Männer auf einem Pferd Helden werden. Nicht ganz so junge Männer waren auch darunter, alte nicht. Nur die wenigsten wurden alt, aber das beschäftigte mich gar nicht. Mich beschäftigte vielmehr, dass ich mich selbst auch nicht mochte – ich war im falschen Körper unterwegs, konnte den aber nicht einfach ablegen. Ich mochte auch die Frauen nicht, denn in ihnen sah ich eine unversöhnliche Spezies, die mich verachtete, weil ich einem verachtenswerten Geschlecht angehörte, wofür ich aber nichts konnte. Also musste ich das Beste daraus machen, ein Mann zu sein. Das heißt, ein Held. Der ein Frauenherz erobert, als Krönung der Mannhaftigkeit sozusagen. Und dafür verachtet wird. Jetzt bin ich schon geneigt zu sagen: eine komplizierte Geschichte. Aber es ist eben nicht kompliziert, weil alles auf dem Prinzip der Wiederholung fußt. Beziehungsweise der Kopie.

Zitate

Amüsant ketzerische Weihnachtsgeschichte

Mit „Der Himmel ist ein sehr großer Mann“ hat Peter Zimmermann einen gefinkelten Roman über das Erwachsenwerden, aber auch über die Bedeutung des Lesens vorgelegt.


In der österreichischen Kleinstadt im Süden des Landes regnet es wenige Tage vor Weihnachten ununterbrochen. Moder und der Geruch von Salz liegen in der Luft. Nicht nur das Wetter, die Zeit überhaupt scheint aus den Fugen. Der Protagonist, ein namenloser Buchhändler, stapft auf aufgeweichtem Boden spätabends aus seinem Geschäft nach Hause. „Als er Kind war, lag zu dieser Zeit der Schnee gut zwei Meter hoch“, sinniert er in seinem inneren Monolog, den er mit seinem Autor teilt. Der aus Kärnten stammende Schriftsteller und Literaturkritiker Peter Zimmermann (geboren 1961) begibt sich in seinem sechsten Roman zurück in eine Heimat, die längst keine mehr ist: Die Baracken einer Arbeitersiedlung, in der die Wege der Kindheit vorbei über Sommerwiesen in geheimnisvoll vertraute Wälder
führten, sind aufgelassen; die Tribüne der Werksportanlage ist eingebrochen. Wo der Anti-Heimatroman der österreichischen Nachkriegsliteratur in der Provinz Verfall und Wahnsinn am Werk sah und rabiate Anklage über unsittliche Zustände erhob, verwendet Peter Zimmerman dessen Versatzstücke und inszeniert ein subtiles Spiel über Herkunft und Erwachsenwerden, über Unschuld und Verklärung durch Fantasie. Die Wendung „Der Himmel ist ein sehr großer Mann“ ist dabei die immer wiederkehrende Metapher für jenes Land der Kindheit, von dem Ritterromane erzählen; nach dessen Ende bleiben nur Romane ohne Ritter. Das Spiegelspiel ist eröffnet.

Aus dem Kindheitspanzer gekrochen

„Lest euch die Augen aus dem Kopf, euer Leben wird nie so interessant sein wie diese Bücher“, erklärt der Buchhändler seinen drei jugendlichen Freunden, wenn sie im Regal zwischen Hesse, Handke und Bernhard stöbern. An „Frost“ finden die Buben Gefallen, erinnert es doch an die eigenen Eltern, die stumm in den Wirtshäusern sitzenden Männer. Allerdings sei das Buch auch irgendwie unfreiwillig komisch. Über die Erzählung des Buchhändlers von einem Weißen Ritter, dem er in seiner Kindheit begegnet sei, schmunzeln sie peinlich berührt. Alles müsse man den Erwachsenen wieder auch nicht abnehmen. Das Reich der Papierhandlung – tatsächlich die eigentlichen Buchhandlungen und Bibliotheken des Landes bis in die 1980er Jahre – bevölkert sich rasch: Da taucht ein gewisser Maurerbauer auf, von dem es heißt, er sei verrückt, weil alleinstehend und unbeweibt; der Fleischhauer Bieber stürzt ins Geschäft und braucht schnell eine ganze Schachtel BIC-Kugelschreiber. Die beiden werden in der Folge zu zentralen Figuren des Buches: Als sich der jugendliche Protagonist auf den Berg verirrt, wird Maurerbauer von seinem Traktor herab
die ganze Welt in Shakespearʼscher Manier verfluchen; ebenso tobend, jedoch mit Slapstick endet das Zusammentreffen von Buchhändler und Fleischhauer nach dessen misslungenem Selbstmordversuch: „Peinlich, Sie hier zu treffen“, sagt Bieber, der vom abgebrochenen Ast, an dem er sich erhängen wollte, beinahe erschlagen wird. Darauf der Weihnachtsengel, der Buchhändler, zum Überlebenden übergebührlich trocken: „Geht’s?“ Die Szene spielt am stillsten Tag des Jahres.
So grell diese Episoden in Peter Zimmermanns amüsant ketzerischer Weihnachtsgeschichte
über das misslungene Leben geraten – geradezu inbrünstig liebevoll wird die Familiengeschichte des Buchhändlers aufgerollt: Da ist der schweigsame Vater, der konzentriert auf die Straße schaut, wenn er das Kind zum Großvater fährt; dessen Geräteschuppen ist voller Magie; im nahen Wald erfolgt das erste Zusammentreffen mit jenem Weißen Ritter, der das Kind bis zur Pubertät begleiten wird. Mit Dingen und Bäumen wird innigste Zwiesprache gehalten.
Umso drastischer fällt dann das Bild vom Ende der Unschuld aus: Eines Tages bemerkt das Kind angewidert die schlechtsitzenden falschen Zähne der Großmutter, deren schweren Atem und Fürze. „Sie sterben, dachte er, der noch vor kurzem davon überzeugt gewesen war, sie würden ewig leben, sie fallen aus der Zeit. Er war aus dem Kindheitspanzer gekrochen. Der kleine Bub lag tot in seiner Erinnerung.“ Der Großvater versteht, was in seinem Enkel vorgeht, und weint. Dabei werden nicht alle Rätsel dieser Familienbande aufgelöst: Was Opa – so der Erzähler augenzwinkernd an den Leser gerichtet – mit der sogenannten Bucherin, die nach dem Tod der Großmutter deren Stelle einnimmt, im Keller treibt, bleibt dem Kind verborgen. Großartig knapp fällt die Porträtskizze einer gewissen Tante Eder, die auch im Haus wohnt, aus: „Sie hatte nie etwas anderes getan, als gemeinsam mit ihrer Schwester einen kleinen Hof zu bewirtschaften – ein Schlafzimmer, eine Stube, ein Stall mit drei Kühen. Zuerst starb die Schwester, dann brannte der Hof ab. Das war ihr Leben.“ Wollte man darüber mehr wissen?
Ohne sie je zu verwirren, greift Peter Zimmermann immer neue Erzählstränge auf, lässt sie aber sogleich wieder fallen – etwa jenen von den beiden Großonkeln, die nach Amerika auswanderten, um „den Mond über Vermont“ zu sehen, und sogleich zu Tode kommen. Dann gibt es den erzählerisch essayistischen Einschub über das Urbild seines Weißen Ritters, Lancelot du Lac, der durch aller Herren Länder und alle Zeiten bis nach Stalingrad geistert, um in der Gegenwart der 1960er Jahre dem Kind den Sinn des Lebens nahezubringen.
Die nicht infantile schnippische Antwort: „Ich möchte nicht erwachsen werden, wenn das erwachsen ist.“ Der große Showdown erfolgt am Rand eines Moors in den Alpen. Gleichsam Hanekes „Funny Games“ entsprungen, überfallen die drei lesebegeisterten Buben ihren literarischen Mentor, als wollten sie Dionysos selbst in Stücke reißen. Am nächsten, dem vierten Tag des neuen Jahres, herrscht Kaiserwetter, doch anstatt mit Schnee ist das Land mit Sand überzogen.

Die Einsamkeit des Lesers

Mit „Der Himmel ist ein sehr großer Mann“ hat Peter Zimmermann nicht nur einen gefinkelten Roman über den Abschied von der Kindheit geschrieben, der in der österreichischen Literatur seinesgleichen sucht. In glasklaren Sätzen verwandelt sich
die Geschichte vom Land mit großartigen Naturbeschreibungen unmerklich in eine
Parabel über Glanz und Elend von Literatur, Glück und Unglück des Lesens. „Leben
die Bücher bald?“, hieß es einst bei Friedrich Hölderlin. Peter Zimmermann weiß um den Preis solcher Begeisterung: „Das Lesen machte ihn einsam, und er zog es vor, einsam zu sein. Zwischen den Sätzen fühlte er sich aufgehoben, und er blieb dort, eine andere Welt interessierte ihn nicht.“ Diese sollte allerdings gelesen werden!
Die Furche, Erich Klein, November 2019



Buch des Tages (zumindest des Tages): Man stelle sich vor, der Himmel ist ein großer Mann im blauen, an manchen Stellen durchgescheuerten Gewand. Man stelle sich den Weißen Ritter vor, kein Held, nein, aber ein Freund, der alle deine Fragen beantwortet ... Wenigstens
Bleibt man in der Erinnerung an die Kindheit – Kind. Ö1-Kulturredakteur Peter Zimmermann holt die Fantasie in ein Erwachsenenleben, ins Leben eines Buchhändlers, dem die Literatur Hilfe dabei ist. Eine schöne, eine formschöne Aufforderung, im Himmel die Schritte des großen Mannes zu hören und mit einem Ritter bis ans Ende zu galoppieren.
(Kurier, Peter Pisa, Juni 2019)



Ein Buch kommt gewöhnlich vom Verlag in den Buchhandel. In Zimmermanns außergewöhnlichem Roman existiert ein Buchhändler im Buch. Der Buchhändler bewahrt die Erinnerung an die Kindheit. Er weiß, dass man am Ende der Kindheit ein anderer wird. „Kind aber bleibt Kind in der Erinnerung“, heißt es im Roman und dies Bleibende ermöglicht die Poesie, die sogar den Himmel einen sehr großen Mann sein lässt.
FRANZ SCHUH


Was heißt es, erwachsen und älter zu werden? Peter Zimmermann schildert das in seinem leisen, existentiellen Buch mal magisch-realistisch, mal grotesk, mal nüchtern. Ein leises, enigmatisches Buch, das seine Kraft erst langsam entfaltet.
Rezension von Pascal Fischer auf SWR.

Top