188 Seiten, Hardcover, Fadenheftung, Leseband

€ 22.00

ISBN 978-3-903184-61-9

Susanne Kristek

NUR DIE LIEGE ZÄHLT

Endlich der ersehnte Urlaub! Es ist Weihnachten und Vater, Mutter, Kind fliegen nach Thailand. Im Club unter 400 Deutschen erlebt die österreichische Kleinfamilie die drolligsten Abenteuer, es gibt Kartoffelsuppe, Sänger Sash sitzt am Nebentisch und Mutter Susanne kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Der ersehnte Badeurlaub zu Weihnachten in Thailand soll der ganzen Familie etwas bringen. Das Kind soll neue Kulturen kennenlernen. Der Gatte zur Ruhe kommen und Kräfte sammeln. Wenige Tage vor Weihnachten wurde seine Firma verkauft. Aber ein echter Betriebsrat lässt sich nicht abschütteln. Der Kampf beginnt, aber auch erste Zweifel tauchen auf und die Frage: Kann man mit Mitte 40 nochmal ganz neu durchstarten? Als DJ? Mutter Susanne freundet sich mit immer mehr Hotelgästen an, besonders die Gäste aus Sachsen haben es ihr angetan, der gemeinsame Dialekt verbindet. Und dann wäre auch noch die beste Freundin, frisch geschieden und neu auf Tinder, ihre täglichen Updates per Whatsapp regen Susanne so richtig auf.

„Die Menschheit fliegt ins All. Aber die Sache mit den Strandliegen hat noch keiner schlau in den Griff gekriegt.“

Österreicher und Deutsche, alles Walzer, alles Club, alles inklusive! Das urkomische Urlaubsreisebuch für Daheimbleiber (und aber auch Fortflieger!).

Gucke Sie, die Klo ist da draußen

Als wir heute im Transferbus zum geführten Bootsausflug fahren, merke ich an, ob wir nicht vielleicht auch mal etwas richtig Abenteuerliches wagen sollten. So mit Moped und Rucksack wild durchs Land. Ich denke dabei zuerst an das wilde Leben von Uschi Obermaier im Schuh-Bus und dann an meine insektenabweisende Multifunktionsjacke im Hotelzimmer. Nach der ersten Klopause bei einer Tankstelle verwerfe ich die Idee wieder. So schlecht sind deutsche Standards vor allem im Hygienebereich nun doch wieder nicht …
Am Hafen werden wir auf unser Ausflugsboot eingecheckt. Unser Boot hat einen deutschsprachigen Reiseleiter. Ein sehr sympathischer Thai namens Ali. »Wie Muhammed Ali«, sagt er. »Ich bin euer Bodyguard! Hihiiiii!«
Mir gefällt vor allem das große Plakat mit der ISO-Zertifizierungsnummer, das riesengroß am Boot dranhängt. So was mögen wir Sicherheitsreisenden sehr gern. Und dann folgt auch gleich Alis Security-Einschulung. Auch so was mögen wir gern. Ich bin im Flugzeug immer der einzige Passagier, der aufmerksam die Sicherheitseinweisung des Kabinenpersonals verfolgt. Und der sich auch immer mit einem kurzen Griff unter den Sitz vergewissert, dass da auch wirklich Schwimmwesten sind. Ich begrüße den Trend nicht, dass die Anweisungen inzwischen mehrheitlich vom Monitor abgespielt werden. Ich hätte lieber jemanden persönlich vor mir, für den Fall, dass Fragen auftauchen.
»Bitte jetzt alle Schwimmwesten anziehen«, weist uns Muhammed Ali an. Ich habe meine natürlich längst an und bin nun dabei, alle drei Verschlussstellen enger zu stellen. Sicher ist sicher. Seit meinem Schwimmwesten-Trauma nehme ich das alles sehr ernst.
Es war auf meiner Kreuzfahrtschiff-Expedition letztes Jahr. Als ich irgendwo in spanischen Gewässern meine Innenkabine ohne Fenster bezog, hörte ich, wie auf dem Gang ein kleiner Tumult entstand. Ich schaute aus meiner Miniatur-Kabine raus und sah, dass alle Menschen in eine Richtung liefen. Ein Großteil davon trug Schwimmwesten. Auf einem Schiff auf hoher See kommt da nicht zwingend das erhoffte Gefühl von Erholung und Entspannung auf. Also lief ich der Horde an Schwimmwestenträgern hinterher. Die hatten viel Vorsprung, und Gänge auf Kreuzfahrtschiffen können ganz schön lang sein. Irgendwann, als ich sie eingeholt hatte, tippte ich einen an oder zog an seinem Schwimmwesten-Schnürl, so genau weiß ich das nicht mehr, auf jeden Fall war es ein sehr aufgeregter junger Mann um die achtzig. »Sie müssen zu Ihrem Treffpunkt!«, rief er. Mir war nicht klar, was das bedeuten sollte. »Was für ein Treffpunkt?«, fragte ich. »Der steht auf Ihrer Schwimm-weste!«, rief er. »Ich habe aber keine an«, sagte ich. »Ja, das sehe ich!«, rief er. Einstweilen wurden wir schon fast von einem nachdrängenden Schwall Rettungswestenträgern überrollt. Ich hielt panisch Ausschau, ob bereits irgendwo Wasserflecken sichtbar waren. »Die finden Sie in Ihrem Kasten!«, rief er mir abschließend noch zu. Dann wurden wir getrennt. Ich musste jetzt gegen den Strom laufen, in die Bestimmtheit hinein, dadurch wahrscheinlich den letzten Platz im Rettungsboot zu verlieren. Aber die Wahl zwischen kein Rettungsboot versus keine Schwimmweste ist wie zwischen Pest oder Cholera. Zum Glück stellte sich das Spektakel als verpflichtende Seenotrettungsübung heraus. Also wenigstens keine Lebensgefahr.
Inzwischen ist Ali bei der Klo-Einschulung angekommen. »Meine Dame und Herre, gucke Sie, die Klo ist da draußen!« Ali zeigt hinaus aufs weite Meer. Dann lacht er wieder laut auf. »Hihihi, Muhammed Ali hat gemacht eine Scherze!!!«
Nach zehn Minuten haben wir den Hafen auch schon verlassen und sitzen aufgereiht in schöner oranger Schwimmwesteneinheit.
»So. Jetzt alle ausziehen«, sagt Ali ernst.
Was wird das? Ich schaue verzweifelt den Gatten an. Haben wir das Kleingedruckte nicht gut gelesen und einen FKK-Bootsausflug gebucht? Auf den Spuren der Freikörperkultur durch die Weiten des Meeres, oder was?
Ali lacht laut auf. »Haha, die Schwimmwesten, meine ich! Die können Sie jetzt alle wieder ausziehen!«
Offenbar war das Anlegen der Westen nur ein symbolischer Akt für die Hafenbehörde. Ich will nicht der einzige Schwimm-westi sein und lege auch ab. Ungern, aber wird schon passen. Sind ja ISO-zertifiziert. Außerdem, wir fahren zu den James Bond-Inseln. Ich mein, James Bond hat sicher niemals Schwimmwesten getragen, oder? »Bootsausflug mit Kajak-Tour zu den James-Bond-Inseln«, stand im Schaufenster vom Reisebüro im Club. Für mich klang das nach der perfekten Mischung aus Abenteuer und ausreichend Möglichkeit, Instagram-taugliche Star-Selfies zu schießen. Immerhin bin ich dort, wo James Bond war.
Ali ist grad mitten im Sachunterricht. Ebbe und Flut sind das aktuelle Thema. Und dass wir nur zu einer bestimmten Phase in die Höhlen paddeln können.
Kurz danach liege ich flach auf dem Rücken in einem Kajak und stelle die Atmung ein. Zwischen mir und dem Kalkstein oberhalb sind maximal 5 cm frei. Ab und zu leuchtet die Stirnlampe von Ali kurz drauf. Ansonsten ist es stockfinster. Und ich spüre deutlich, das Maximum an Abenteuer im Urlaub ist hiermit für mich erreicht.
Ali lacht und ruft laut aus: »Wir sind gleich drin in der Hölle!«
Ein Wort falsch betont, und alles ist vorbei.

Zitate

Susanne Kristek, gebürtige Oststeirerin, die seit 1993 in Wien lebt und arbeitet, ist äußert umtriebig: Neben ihrer Tätigkeit als Leiterin einer Agentur für Verkaufsförderung und Mystery Shopping, ihrem Mitbegründertum des Ersten Wiener Strickvereins und dem Initiieren der ersten Lesebühne zum Mitsingen in den Breitenseer Lichtspielen (Wiens ältestem Kino) ist sie vielen Wienerinnen und Wienern auch mit ihrem Blog superklumpert.com bekannt, in dem sie regelmäßig mit lustigen Schilderungen aus dem Wiener Alltag unterhält.
Was dabei besonders auffällt, ist der Blick auf die Dinge durch die ihr eigene Brille: Ungeniert, neugierig, stets zu eigenen Schrulligkeiten stehend. In die gleiche Kerbe schlägt sie auch mit ihrem ersten Buch „Nur die Liege zählt. Urlaub unter deutschen Palmen".
Es handelt sich um einen rasanten autobiographischen Reisebericht aus Zeiten, als Corona noch fern und ein All-Inclusive-Club in Khao Lak ein einfach zu erreichendes Urlaubsziel war - wobei Kristek betont, dass Fernreisen wie diese für sie, ihren Gatten und ihre Tochter eher die Ausnahme als die Regel darstellen und sonstige Familienreisen selten weiter als ins Südburgenland führen.
Was die Autorin in „Nur die Liege zählt" von Anfang an augenzwinkernd betont, sind ihre sich auch im Urlaub bemerkbar machenden "deutschen Eigenheiten", zu denen sie trotz österreichischem Reisepass durchwegs steht, à la "mein inneres Betriebssystem ist ein deutsches".
Kristek deklariert sich - siehe Buchtitel - etwa als bekennende Liegenreserviererin, auch wenn solcherlei Gehabe bekanntermaßen verpönt ist. Pünktlich und rechtzeitig zu essen, hat für sie hohe Priorität. Als äußerst hellhäutige Quasi-Deutsche darf bei Kristek, die sich selbst gerne als "Mutti" bezeichnet, auch ein extremer Sunblocker niemals fehlen. Die Mittvierzigerin hegt zudem eine große Liebe für deutsche Schlager und Serien wie die "Lindenstraße" und Co., die sie auch offen auslebt - Peinlichkeiten kennt sie nicht. Sie beschreibt sich selbst als grundsätzlich gut auf alle Eventualitäten vorbereitet, agiert stets lösungsorientiert und liebt straff organisierte Touristen-Happenings von Aqua Aerobic im Pool bis hin zu Tagesausflügen ins Landesinnere. Wo andere „Ösis" also angesichts eines Urlaubs in Gesellschaft zahlreicher „Piefke" vielleicht genervt das Weite suchen würden, ist Kristek überglücklich, unter „ihresgleichen" zu sein, zumindest mental.
Mit dieser „Kristekschen Urlaubsbrille" wird dementsprechend knapp 200 Seiten lang geschildert, was es von der Ankunft am Flughafen der Urlaubsdestination bis zum von Kristek gerne zelebrierten Landungsklatschen zurück in Wien-Schwechat alles zu erleben gab.
Zu den humoristischen Highlights zählen hier etwa die mehrmals täglich absolvierte heiße Schlacht am Hotel-Buffet, das eher deutschen Geschmack bedient, als mit exotischer Thai-Küche aufzuwarten, Anwandlungen spontaner Sportlichkeit, für die man im Alltag daheim keine Zeit findet, und die damit enden, dass Kristek vor sie verfolgenden Hunden in einen Pool flüchtet, Interaktionen mit einem beharrlichen Gewürz-Verkäufer am Strand und große familiäre Ambitionen, beim täglichen JeKaMi-Quiz („JEder KAnn MItmachen") endlich einmal den Sieg davonzutragen.
Wir begleiten die Kristeks auf eine kleine „Landpartie" mit Hindernissen, auf der selbst der WC-Gang zum Abenteuer wird, und erleben, wie sie Urlaubsbekanntschaften schließen, die mit der Versicherung gegenseitiger Besuche daheim besiegelt werden, von denen alle Parteien wissen, dass sie niemals stattfinden werden. Aufgelockert werden diese Schilderungen noch durch die eingestreute Wiedergabe von WhatsApp-Konversationen zwischen Kristek und einer daheim gebliebenden frisch geschiedenen Single-Freundin, die von ihren haarsträubenden Erfahrungen auf dem Online-Dating-Sektor berichtet und von „Mutti" mit Trost und Rat versorgt wird.
So weit, so unterhaltsam. Bleibt nur zu hoffen, dass Susanne Kristek demnächst mit einem Buch nachlegen wird, das ihre gesammelten Wiener Alltagsbetrachtungen inkludiert - diese sind nämlich ehrlicherweise - und vollkommen subjektiv betrachtet - noch ein Äuzerl lustiger als „Nur die Liege zählt".

Vienna.at, November 2020

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