ca. 200 Seiten, Hardcover, Fadenheftung, Leseband
Erscheint September 2020

€ 22.00

ISBN 978-3-903184-61-9

Susanne Kristek

NUR DIE LIEGE ZÄHLT

Endlich der ersehnte Urlaub! Es ist Weihnachten und Vater, Mutter, Kind fliegen nach Thailand. Im Club unter 400 Deutschen erlebt die österreichische Kleinfamilie die drolligsten Abenteuer, es gibt Kartoffelsuppe, Sänger Sash sitzt am Nebentisch und Mutter Susanne kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Der ersehnte Badeurlaub zu Weihnachten in Thailand soll der ganzen Familie etwas bringen. Das Kind soll neue Kulturen kennenlernen. Der Gatte zur Ruhe kommen und Kräfte sammeln. Wenige Tage vor Weihnachten wurde seine Firma verkauft. Aber ein echter Betriebsrat lässt sich nicht abschütteln. Der Kampf beginnt, aber auch erste Zweifel tauchen auf und die Frage: Kann man mit Mitte 40 nochmal ganz neu durchstarten? Als DJ? Mutter Susanne freundet sich mit immer mehr Hotelgästen an, besonders die Gäste aus Sachsen haben es ihr angetan, der gemeinsame Dialekt verbindet. Und dann wäre auch noch die beste Freundin, frisch geschieden und neu auf Tinder, ihre täglichen Updates per Whatsapp regen Susanne so richtig auf.

„Die Menschheit fliegt ins All. Aber die Sache mit den Strandliegen hat noch keiner schlau in den Griff gekriegt.“

Österreicher und Deutsche, alles Walzer, alles Club, alles inklusive! Das urkomische Urlaubsreisebuch für Daheimbleiber (und aber auch Fortflieger!).

Gucke Sie, die Klo ist da draußen

Als wir heute im Transferbus zum geführten Bootsausflug fahren, merke ich an, ob wir nicht vielleicht auch mal etwas richtig Abenteuerliches wagen sollten. So mit Moped und Rucksack wild durchs Land. Ich denke dabei zuerst an das wilde Leben von Uschi Obermaier im Schuh-Bus und dann an meine insektenabweisende Multifunktionsjacke im Hotelzimmer. Nach der ersten Klopause bei einer Tankstelle verwerfe ich die Idee wieder. So schlecht sind deutsche Standards vor allem im Hygienebereich nun doch wieder nicht …
Am Hafen werden wir auf unser Ausflugsboot eingecheckt. Unser Boot hat einen deutschsprachigen Reiseleiter. Ein sehr sympathischer Thai namens Ali. »Wie Muhammed Ali«, sagt er. »Ich bin euer Bodyguard! Hihiiiii!«
Mir gefällt vor allem das große Plakat mit der ISO-Zertifizierungsnummer, das riesengroß am Boot dranhängt. So was mögen wir Sicherheitsreisenden sehr gern. Und dann folgt auch gleich Alis Security-Einschulung. Auch so was mögen wir gern. Ich bin im Flugzeug immer der einzige Passagier, der aufmerksam die Sicherheitseinweisung des Kabinenpersonals verfolgt. Und der sich auch immer mit einem kurzen Griff unter den Sitz vergewissert, dass da auch wirklich Schwimmwesten sind. Ich begrüße den Trend nicht, dass die Anweisungen inzwischen mehrheitlich vom Monitor abgespielt werden. Ich hätte lieber jemanden persönlich vor mir, für den Fall, dass Fragen auftauchen.
»Bitte jetzt alle Schwimmwesten anziehen«, weist uns Muhammed Ali an. Ich habe meine natürlich längst an und bin nun dabei, alle drei Verschlussstellen enger zu stellen. Sicher ist sicher. Seit meinem Schwimmwesten-Trauma nehme ich das alles sehr ernst.
Es war auf meiner Kreuzfahrtschiff-Expedition letztes Jahr. Als ich irgendwo in spanischen Gewässern meine Innenkabine ohne Fenster bezog, hörte ich, wie auf dem Gang ein kleiner Tumult entstand. Ich schaute aus meiner Miniatur-Kabine raus und sah, dass alle Menschen in eine Richtung liefen. Ein Großteil davon trug Schwimmwesten. Auf einem Schiff auf hoher See kommt da nicht zwingend das erhoffte Gefühl von Erholung und Entspannung auf. Also lief ich der Horde an Schwimmwestenträgern hinterher. Die hatten viel Vorsprung, und Gänge auf Kreuzfahrtschiffen können ganz schön lang sein. Irgendwann, als ich sie eingeholt hatte, tippte ich einen an oder zog an seinem Schwimmwesten-Schnürl, so genau weiß ich das nicht mehr, auf jeden Fall war es ein sehr aufgeregter junger Mann um die achtzig. »Sie müssen zu Ihrem Treffpunkt!«, rief er. Mir war nicht klar, was das bedeuten sollte. »Was für ein Treffpunkt?«, fragte ich. »Der steht auf Ihrer Schwimm-weste!«, rief er. »Ich habe aber keine an«, sagte ich. »Ja, das sehe ich!«, rief er. Einstweilen wurden wir schon fast von einem nachdrängenden Schwall Rettungswestenträgern überrollt. Ich hielt panisch Ausschau, ob bereits irgendwo Wasserflecken sichtbar waren. »Die finden Sie in Ihrem Kasten!«, rief er mir abschließend noch zu. Dann wurden wir getrennt. Ich musste jetzt gegen den Strom laufen, in die Bestimmtheit hinein, dadurch wahrscheinlich den letzten Platz im Rettungsboot zu verlieren. Aber die Wahl zwischen kein Rettungsboot versus keine Schwimmweste ist wie zwischen Pest oder Cholera. Zum Glück stellte sich das Spektakel als verpflichtende Seenotrettungsübung heraus. Also wenigstens keine Lebensgefahr.
Inzwischen ist Ali bei der Klo-Einschulung angekommen. »Meine Dame und Herre, gucke Sie, die Klo ist da draußen!« Ali zeigt hinaus aufs weite Meer. Dann lacht er wieder laut auf. »Hihihi, Muhammed Ali hat gemacht eine Scherze!!!«
Nach zehn Minuten haben wir den Hafen auch schon verlassen und sitzen aufgereiht in schöner oranger Schwimmwesteneinheit.
»So. Jetzt alle ausziehen«, sagt Ali ernst.
Was wird das? Ich schaue verzweifelt den Gatten an. Haben wir das Kleingedruckte nicht gut gelesen und einen FKK-Bootsausflug gebucht? Auf den Spuren der Freikörperkultur durch die Weiten des Meeres, oder was?
Ali lacht laut auf. »Haha, die Schwimmwesten, meine ich! Die können Sie jetzt alle wieder ausziehen!«
Offenbar war das Anlegen der Westen nur ein symbolischer Akt für die Hafenbehörde. Ich will nicht der einzige Schwimm-westi sein und lege auch ab. Ungern, aber wird schon passen. Sind ja ISO-zertifiziert. Außerdem, wir fahren zu den James Bond-Inseln. Ich mein, James Bond hat sicher niemals Schwimmwesten getragen, oder? »Bootsausflug mit Kajak-Tour zu den James-Bond-Inseln«, stand im Schaufenster vom Reisebüro im Club. Für mich klang das nach der perfekten Mischung aus Abenteuer und ausreichend Möglichkeit, Instagram-taugliche Star-Selfies zu schießen. Immerhin bin ich dort, wo James Bond war.
Ali ist grad mitten im Sachunterricht. Ebbe und Flut sind das aktuelle Thema. Und dass wir nur zu einer bestimmten Phase in die Höhlen paddeln können.
Kurz danach liege ich flach auf dem Rücken in einem Kajak und stelle die Atmung ein. Zwischen mir und dem Kalkstein oberhalb sind maximal 5 cm frei. Ab und zu leuchtet die Stirnlampe von Ali kurz drauf. Ansonsten ist es stockfinster. Und ich spüre deutlich, das Maximum an Abenteuer im Urlaub ist hiermit für mich erreicht.
Ali lacht und ruft laut aus: »Wir sind gleich drin in der Hölle!«
Ein Wort falsch betont, und alles ist vorbei.

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