€ 24.00

ISBN 978-3-903460-17-1
220 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag, Leseband

Elisabeth Markstein

LEBEN ZWISCHEN ZWEI WELTEN

Von der „geborenen“ zur von der Partei ausgeschlossenen Kommunistin.
Als Kind revolutionärer Eltern lebt Elisabeth Markstein im Hotel Lux in Moskau. Später wird ihr Vater namens der KPÖ Mitbegründer der Zweiten Republik. Markstein wird berühmte Übersetzerin und wichtige Zeitzeugin. Als sie im Gegensatz zu vielen anderen Stalins mörderische Verbrechen kritisiert, wird sie von der KPÖ ausgeschlossen.

„Revolutionärer Alltag macht hart.“ Elisabeth Markstein, die Tochter von Hilde und
Johann Koplenig, gehört in den Jahren des Moskauer Exils zu den berühmten Lux-
Kindern. Als Kind politisch höchst aktiver Eltern muss sie an den verschiedensten
Plätzen Europas ein Zuhause fi nden. Ihre Eltern sieht sie in den ersten Jahren kaum.
Die Exiljahre sind trotz oder gerade wegen des Kriegs von Solidarität und Freundschaft geprägt, sobald man aber nicht mehr im gemeinsamen Boot sitzt, drohen Gefängnis und Exekutionen. Die junge Lisa fühlt sich sehr wohl in Moskau und muss sich nach 1945, als ihre Eltern in das provisorische Österreich zurückkehren, in einem fremden Wien zurechtfinden.

Markstein erzählt auf eindringliche Weise nicht nur von den Kindertagen einer geborenen Kommunistin, sondern auch von Schicksalen jenseits familiärer Bande. Sie erinnert an die Zeiten des Prager Frühlings, an politische Hoffnungen im Osten wie im Westen. Sie erzählt von Begegnungen mit Chruschtschow und Molotow, Josif Brodski oder Constantin Costa-Gravas, von innigen Freundschaften wie jener zu Heinrich Böll und schwierigen Arbeitsverhältnissen wie mit Alexander Solschenizyn. Es gelingt ihr eindrücklich, ihre beeindruckenden Weggefährten auferstehen
und uns an ihrem politisch wie literarisch aufregenden Leben teilhaben zu lassen.

„Für die Weltgeschichte sei festgehalten, dass Walter Ulbricht und seine Lotte unsere ersten Langlauftrainer waren, außerhalb des Zaunes, über tief verschneite Felder. Da er vermutlich mit einer Menge Schlechtpunkte in die Weltgeschichte eingeht, soll ihm doch als Pluspunkt angerechnet werden, dass er zwei kleine Mädchen zum Skilaufen mitnahm.“

Chruschtschow, seine Dolmetscherin und die Technik

Eine typische Dolmetsch-Episode, indes beinahe von politischer Bedeutung: Chruschtschow war mit seiner Frau Nina Petrowna, der beliebtesten Landesmutter Russlands, 1961 in Wien. Gut aufgelegt, jovial, traf er sich nicht nur mit Kennedy und seiner Jacqueline in Schönbrunn, sondern auch mit der Wiener Unternehmerschaft am Hohen Markt. Dolmetscherin war ich, Elisabeth Markstein. Thema: Die Entwicklung des bilateralen Handels.
Ich war, weil das Ganze nur kurz sein sollte, allein in der Dolmetschkabine – und aufgeregt. Chruschtschows Referat war leicht zu verdeutschen, sein Temperament riss einen mit, er hatte keinen Spickzettel vor sich, dachte beim Reden mit – so ist’s immer leichter zu dolmetschen –, und alles lief bestens. Doch dann: Chruschtschows Vortrag war zu Ende, nun kamen die Fragen aus dem Publikum. Ich dolmetschte nun für Chruschtschow vom Deutschen ins Russische. Ein, zwei Minuten vergingen, plötzlich sah ich, wie er sich die Kopfhörer herunterriss, wild mit ihnen herumfuchtelte und in den Saal schrie: »Ist das die österreichische Technik? Ich höre ja nichts!« Ein Blick auf die vor mir stehende Apparatur genügte: Ich hatte das Mikrofon – unverzeihlich trotz der Aufregung – nicht auf Russisch umgeschaltet. Ein Klick mit dem Mikrofonschalter, und es ging weiter. Chruschtschow war zufrieden, zustimmendes Klatschen im Saal. Ich habe nie verraten, wer an den Beschuldigungen heimischer Technik schuld war – wer’s schlimm findet, verzeihe es mir. Es hat mich damals niemand verraten (die Techniker hätten es tun können.) In der Pause sah ich im Foyer Chruschtschow, er kam auf mich zu und dankte mir freundlich für die gute Arbeit.
Erst jetzt, beim Niederschreiben dieser Episode, fällt es mir auf: Chruschtschow und Kennedy in Wien und kaum Absperrungen, kein Massenaufgebot der Polizei, kein Tamtam und keine Panikmache. Und Chruschtschow spazierte vergnügt in einer Menschenmenge. Gute alte Zeit?

Geheimes Treffen im Griechenbeisl
Anfang der 70er. Wieder ein Anruf. Amerikanisches Deutsch. Er sei nur kurz in Wien. Ob er mich treffen könne? Freunde hätten ihm geraten, mich kennenzulernen. Meine Neugierde war geweckt. Wo? Wann? Ob ich wisse, wo das Restaurant Griechenbeisl ist? Natürlich. Und auf meine Frage, woran ich ihn erkennen solle, schlicht: Das wird schon klappen. Ich trichterte Heinz ein, mich nach einiger Zeit im Lokal anzurufen. Seltsamerweise ahnte ich schon etwas.
Im Griechenbeisl herrschte wie immer Halbdunkel. Ein Mann stand auf, kam aus dem hintersten Stüberl hervor, eigentlich sympathisch, begrüßte mich, nannte seinen Namen; ob ich diesen nicht verstanden oder sofort vergessen habe, wie auch immer, ich merkte ihn mir nicht. Jedenfalls war mir, aus welchem Grund immer, von Anfang an klar, mit wem ich es zu tun hatte. War es das Flair von »007«? Wir plauderten über die sowjetische Situation, er meinte, ich hätte so viele Kontakte in Russland und kam schließlich zum Punkt: Ob ich ihm und der Organisation, die er vertrete, nicht mit Informationen und Kontakten helfen könnte/würde.
Der Namen der Organisation fiel nicht. Ich wusste, worauf es hinauslief, und er verstand, dass ich es wusste. Irgendwann sagte er grinsend: »Sie tun, als müssten Sie einen Pakt mit dem Teufel schließen.« Er brauchte mich auch nicht um Verschwiegenheit bitten. Ich hatte nicht die Absicht, die Sache hinauszuposaunen, es sind ja nicht gerade Lorbeeren zu verdienen mit einem Angebot vom CIA. Ich hielt also den Mund, nur Heinz wusste davon und Heinrich Böll, meine oberste Vertrauensperson; irgendwo wollte ich den Vorfall sicherheitshalber deponieren.
Nach etwa einer Stunde gingen wir freundlich, aber ohne »Auf Wiedersehen« auseinander. Mein Nein dürfte wohl zu höflich ausgefallen sein, denn ein paar Wochen später kam wieder ein Anruf mit Einladung, diesmal ins noble Hotel Hilton. Das Treffen blieb kurz und mein Nein wiederholte ich nun mit Nachdruck.
Ich glaube zu wissen, wer mich damals als »Kennerin« der sowjetischen Dissidenten dem CIA empfohlen hatte. Wie naiv und dumm, eine »geborene«, wenn auch ausgeschlossene Kommunistin ausgerechnet für den amerikanischen Geheimdienst anwerben zu wollen. So direkt sagte ich es den beiden cleveren Amis nicht, es waren nicht die Typen, vor denen man moralische Bedenken ausbreiten würde. Stattdessen beließ ich es dabei, jeden Widerstand gegen das totalitäre Regime zu unterstützen, allerdings so, wie ich selbst es für richtig halte, und vor allem auch so, dass ich durch mein Tun die Menschen, die mir vertrauen, nicht gefährde.
Eine andere Geheimdienst-Geschichte lag weiter zurück. Toni Lehr erzählte mir diese Begebenheit aus der Besatzungszeit nach 1945, als sie in der KP-Zentrale Sekretärin bei meinem Vater war. Eines Tages lud man sie ins Hotel Imperial ein, den Sitz des sowjetischen Hochkommissars in Österreich, und legte ihr nahe, für den sowjetischen Geheimdienst KGB zu arbeiten. Toni fragte meinen Vater, was er davon halte. Hans brauchte nicht lange zu überlegen: »Hände weg von den Leuten. Nur nicht anrühren!« Toni folgte freudigst seinem Rat.

Interessierte an der Geschichte der KPÖ und dem ‚KPÖ-Milieu’, werden die Erinnerungen von Liesl Markstein mit Gewinn und vielen Möglichkeiten für Assoziationen und Momenten des Wieder-Erkennens lesen. Liesl Markstein, 1929 als Tochter von Karl und Hilde Koplenig geboren – er jahrelanger Vorsitzender der KPÖ, sie ebenfalls eine bekannte Parteipersönlichkeit – schreibt mit großem Abstand und viel historischem Wissen. Die Schilderungen sind straff und packend erzählt, sehr persönlich, trotzdem nicht sentimental.
Der erste Teil behandelt die prägenden Jahre der Kindheit und Jugend in Wien, Prag, später im Exil in Frankreich und der Schweiz, ab 1936 in Moskau im legendären Hotel Lux und der Sowjetunion. Als gute Pionierin kehrt sie 1945 mit ihren Eltern nach Österreich zurück, studiert Dolmetsch, arbeitet als Russisch-Dolmetscherin und Übersetzerin.
Ihr Naheverhältnis zur Partei bleibt lange aufrecht, spätestens als Übersetzerin der Schriften Alexander Solschenizyns vollzieht sie eine Kehrtwende. Nach dem Einmarsch der Warschauer Pakt Truppen in Prag geht sie mit anderen Revis endgültig auf Distanz zum Moskauer Kurs. 1971 wird sie wegen parteischädigenden Verhaltens aus der KPÖ ausgeschlossen. Im zweiten Teil Menschen, Erlebnisse, Entscheidungen geht es um viele interessante Persönlichkeiten quer durch die Jahrzehnte. Auch wenn mir politisch nicht alles nachvollziehbar ist, sind die Erinnerungen von Liesl Markstein eine lohnende, kurzweilige und spannende Lektüre!

Weiberdiwan, November 2023



Elisabeth Markstein war die Tochter zweier kommunistischer Funktionäre. Der politische Werdegang des Vaters, Johann Koplenig, machte ihn schließlich zu einem der vier Unterzeichner der Österreichischen Unabhängigkeitserklärung vom 27. April 1945. Als Dollfuß 1933 die KPÖ verbot, begann für die Familie Koplenig samt der vierjährigen Tochter ein Leben im Exil. Elisabeth wächst allerdings nicht bei den Eltern in Prag und Paris auf, sondern bei Pflegeeltern in Zürich oder Liberec. In ihren Erinnerungen baut Markstein von Anfang an Kommentare aus der Gegenwart der Niederschrift, den späten Nullerjahren, ein. Diese Mischung aus Erinnerungen und gegenwärtigen Kommentaren, ergänzt durch Zitate aus Briefen, bleibt für das Buch bestimmend. Markstein schreibt entlang der zeitgeschichtlichen Chronologie, die sie mit einigen privaten Fotografien untermalt. Sie entwirft keine große Komposition, sondern schreibt frei von der Leber weg. Sie will ihr Leben nicht in einen großen Bogen zwingen und vermerkt in einem dem Buch vorangestellten Leitsatz, dass sie keine Autobiographie schreiben wolle, also keine literarischen Ansprüche zu haben. Zitat: „Ich schreibe von Ereignissen, die mich bewegt haben, und von Menschen, die ich mochte.“
1936 kommt die Familie nach Moskau, bezieht Quartier im Hotel Lux, das Funktionären des Exekutivkomitees der Komintern vorbehalten war. Wieder sind Hilde und Hans, wie die kleine Elisabeth ihre Eltern aus der Distanz der Beziehung heraus nennt, meist unterwegs. Die siebenjährige Lisa, wie das Mädchen gerufen wird, bekommt ihr eigenes Zimmer im Hotel, wird von Freunden betreut. Lisa erfährt nichts von Stalins „Großem Terror“, das ergänzt die Erzählerin:

„In meinem ersten Schuljahr wurde von einem Tag auf den anderen der Unterricht eingestellt. Jahre später erfuhr ich die Ursache: Etliche Lehrer, Schüler und junge deutsche waren vom NKDW verhaftet worden. Siebzig Menschen verschwanden in Gefängnissen und Lagern, vierzig wurden hingerichtet. Ich erinnere mich nicht, wie und ob man es den Schülern überhaupt erklärte. Mein Gefühl, in einem paradiesischen Land zu leben, konnte der Vorfall nicht trüben. Ich wechselte in eine russische Schule, und damit hatte sich’s.“

Die Ausländer im Hotel Lux waren Privilegierte, darauf weist die Autorin mehrmals hin. Die Kinder verbrachten ihre Sommer am Land in einem Komintern-Heim. Und als sich die deutsche Wehrmacht Moskau näherte, wurden sie für eineinhalb Jahr aufs Land evakuiert. Im Sommer 1945 folgt die Familie dem Vater, seit Ende April österreichisches Regierungsmitglied. Die selbstbewusste Gymnasiastin Lisa kommt in ein ihr fremdes Land, das sie spießig findet – und dessen Einstellung, von den Nazi-Gräuel nichts gewusst zu haben, sie zusätzlich befremden.
Es ist in erster Linie ihre berufliche Tätigkeit, aus der sie Befriedigung zieht und die ihr Freundschaften verschafft: Im Alter von 17 Jahren nimmt sie ihren ersten Übersetzerinnen-Auftrag an – womit ihre Lebensaufgabe gefunden war. Zuerst für die russische Besatzungsbehörde, dann als freie Übersetzerin – etwa beim Besuch eines russischen Züchters auf der Suche nach klimaresistenten Jungstieren im Innviertel oder beim Staatsbesuch Chrustschows 1961 in Wien.
Was andere zu Heldengeschichten ausgebaut hätten, erzählt Markstein lapidar: Rekrutierungsversuche der CIA, Begegnungen mit literarischen Größen wie Josef Brodski oder Lew Kopelew. Was tatsächlich eine Heldinnengeschichte war, erzählt die Autorin dann Gott sei Dank ausführlicher: von den Bemühungen, die Texte Alexander Scholzenizyns aus der UdSSR zu schmuggeln.

„Eine zweite ständige Helferin, Freundin und Gastgeberin half mir, die maschingeschriebenen Seiten in einer Bonbonniere zu verstauen: Man nahm alles heraus, zwängte das Skript hinein, deckte es behutsam mit einer Schicht Pralinees zu und schlang zuguter Letzt ein schönes Mascherl darüber. Die Zöllner waren derlei Mitbringsel bei Touristen gewohnt.
Und Scholzenizyn erdachte sich einen Modus, um trotz Postzensur verschlüsselte Nachrichten zu schicken. Eine Grußkarte mit Landschaft meldete Gutes, eine mit Stadtansicht Übles. (Er war kein Stadtmensch.)
Die Korrekturen, die mir Scholzenizyn zur ,Krebsstation‘ gab, schrieb ich per Hand in die Seitenränder eines dafür extra gekauften Buches über russische Syntax. Es sah nach hoch wissenschaftlichen Notizen aus.“


Der Rest ist Literaturgeschichte: Markstein wurde, gemeinsam mit anderen, zur Übersetzerin der „Krebsstation“ und des „Archipel Gulag“.

Markstein beeindruckt nicht als Stilistin. Ihre Erinnerungen lesen sich durch ihre Selbstironie erfrischend; durch ihre Reflexion einer späten Abkehr von Stalin, die ihr als sogenannte Revisionistin den Parteiausschluss einbrachten, werden sie zu einem Dokument humanistischen Ringens; und sie beeindrucken schließlich durch ihre Haltung, trotz erschütternder Schicksalsschläge wie den Tod zweier Kinder nicht in Verbitterung zu verfallen.

ORF, Ö1 Ex Libris, Oktober 2023

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