€ 25.00

ISBN 978-3-903460-54-6
ca. 260 Seiten
gebunden mit Leseband
Coverfoto: René Huemer
Erscheint März 2026

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Thomas Mießgang, Walter Gröbchen

Die guten Kräfte

Kann man die österreichische Popgeschichte in einhundert Songs nachstellen? Man kann.

Weil es von Ambros bis Zawinul, von Austropop bis Cloud-Rap, von 1950 bis 2025 genug signifi kante Beispiele und denkwürdige Fundstücke gibt, die im kollektiven Gedächtnis des Landes für nachhaltigen Lärm sorgten. Viele dieser Songs sind in den Kanon der lokalen Kulturhistorie eingegangen, manche wurden über die Grenzen hinaus bekannt, andere blieben obskur, umstritten, weniger berühmt denn berüchtigt.
Aber alle erzählen eine Geschichte, die weit über den Songtext hinausgeht.
Vom „G’schupften Ferdl“ von Gerhard Bronner & Helmut Qualtinger bis zum Songcontest-Siegeslied „Wasted Love“ von JJ war es ein langer Weg, ein zähes Ringen um eine eigene Sprache im globalen Kraftf eld der Popkultur.
Viele Wegmarken blieben – mehr oder minder geschickte – Nachstellungen internationaler Vorlagen, aber es gab auch äußerst originelle und originäre Ton- und Text-Schöpfungen, die mittels Dialekt, dem Aufgreifen von Mitteln der Volksmusik, der Ironie und Parodie oder tollkühner Adaption eigene Positionen entwickelten.
Das unterscheidet „Die guten Kräfte“ (nach einem Song der legendären Wiener
Punk/Neue Welle-Band Chuzpe) vom Gros des Mainstream-Mittelmaßes, der Hitparaden und Ö3-Heulbojen.
Die Autoren Thomas Mießgang und Walter Gröbchen sind seit Jahrzehnten im Musikjournalismus tätig und mischen in ihre präzisen Kurztexte zu jedem einzelnen Song gerne Polemik, Pointen und eine Prise Pop.
Eine radikal subjektive Auswahl aus dem prallen Fundus der österreichischen
Populärmusik.

Arbeit
OSTBAHN-KURTI UND DIE CHEFPARTIE
(1989)



Die Geschichte des Ostbahn-Kurti ist schon vielfach erzählt worden, deshalb hier nur kurz: Als der Rundfunkredakteur Günter Brödl in den 1970ern einmal gefragt wurde, wie er den Namen der US-Band Southside Johnny And The Asbury Jukes ins Wienerische übertragen würde, gebar er den Namen: Ostbahn-Kurti und die Chefpartie.
Ein Phantom war geboren. Doch der Ostbahn-Kurti ließ ihn nicht mehr los: Er schrieb ein Bühnenstück, schaltete Zeitungsanzeigen und porträtierte den Sänger, den es gar nicht gab, sogar im Radio. Irgendwann trat Willi Resetarits, damals als Mitglied der Polit-Folk-Band Schmetterlinge schon ein verdienter Veteran der österreichischen Musikszene, als Impersonator auf den Plan: Und voilà, der Ostbahn Kurti hatte plötzlich Gesicht und Stimme.
Günter Brödl begann, stilistisch breitbandig, Songtexte von Rock-Ikonen wie Bruce Springsteen, Steve Miller, dem Soul-Shouter Arthur Alexander oder der Band Free für den imaginären Sänger ins heimische Idiom zu übertragen. Am Anfang lief die Sache eher noch unter dem Titel „Einen Jux wollen sie sich machen“, doch bald wurde aus der Kopfgeburt tatsächlich eine Rockband. Und was für eine! Heimische Cracks wie Karl Ritter (Gitarre), Harry Cuny-Pierron (Keyboards) und Leo Bei (Bass) sorgten in unterschiedlichen Inkarnationen der Chefpartie dafür, dass der US-amerikanische Classic Rock – Format: Stadion – reibungsfrei übertragen wurde, ohne dass man ein Lost In Translation diagnostizieren musste. Diese Musik verlangte einerseits eine große Shouter-Stimme, andererseits eine Nonchalance und Lässigkeit, mit der sprachliche Nuancen und versteckte Pointen auch über voll aufgedrehte Amps rübergebracht werden können – und über all das verfügte Willi Resetarits galore. Und am Höhepunkt wurde mit der Mundharmonika gehobelt, dass die Späne fielen.

An dieser Stelle muss ich gestehen, dass ich kein Fan eingedeutschter oder besser: eingewienerter Rock-Klassiker bin und derartige Projekte, von Wolfgang Ambros (»Wie im Schlaf«) bis Peter Schleicher (»Hart auf hart«) nur mit einem Ohr zur Kenntnis genommen habe. Doch beim Ostbahn-Kurti funktionierte das Konzept, vor allem live. Willi Resetarits, der zuvor vor allem im fein ziselierten 5-stimmigen Satzgesang der Schmetterlinge geglänzt hatte, wunderte sich wahrscheinlich am meisten darüber, dass in ihm ein Rock’n’Roll-Animal steckte, das nur darauf wartete, freigelassen zu werden. Und er bewohnte den Körper und die Gedankenwelt der Kunstfigur so selbstverständlich, dass er bald zum österreichischen Kulturgut wurde, das Massen in Bewegung versetzen konnte.
Im Ostbahn-Kurti-Milieu zwischen Espresso Rosi und abgewracktem Bordell, zwischen 57er Chevy und der Schnellstraße ins Burgenland, wo hämisch grinsend der Joker an der Kreuzung lauert, werden per definitionem keine ideologischen Parolen gehämmert wie bei den Schmetterlingen. Trotzdem konnte Resetarits als politisch bewusster Mensch und gesellschaftlicher Agitator natürlich nicht aus seiner Haut.
Am schönsten führte er die beiden Seelen, die, ach!, in seiner Brust wohnten, in dem Lied »Arbeit«, einer Übertragung von Bruce Springsteens »Factory«, zusammen. Live moderierte er den Song gern mit den Worten: „Des is a Liad üba mein Vodern, der hot sei Lebtag g’oabeit, und donn is a gsturb’n.“
Und es war kein bisschen peinlich, denn sowohl seine eigene Biografie als Burgenlandkroate aus bescheidenen Verhältnissen als auch sein langjähriges politisches Wirken in zahlreichen zivilgesellschaftlichen Initiativen wie dem Lichtermeer beglaubigten einen Song, der das zu diesem Zeitpunkt schon fast historisch gewordene Industriearbeiterproletariat in den USA feierte. Aber während Bruce Springsteen, der sich, zumindest in seinen Anfangsjahren, als Poet des Rust Belt und als Advokat des kleinen Mannes inszenierte, einem gewissen Hang zur Sozialromantik erlag – „Man rises from bed and puts on his clothes/Man takes his lunch, walks out in the morning light/It’s the working, the working, just the working life“ –, schärften Resetarits/Brödl für den Text von »Arbeit« deutlich nach:
Wann er hamkummt, is finster, der Tog is vurbei
Er hot tan, wos zum tuan is, weu des muaß so sei
Er redt nix und huast vü, er wü sei Ruah und sein Tee mit Rum
Weu des Lebn is Orbeit und die bringt eam um.

Der Vorstadtstrizzi wurde zum Ankläger gegen die ökonomischen Ausbeutungszusammenhänge im, wie man damals sagte, Spätkapitalismus – was ihm auch nicht schlecht stand.
Günter Brödl starb im Jahr 2000 im Alter von 45 Jahren an plötzlichem Herztod. Danach hatte auch Willi Resetarits keine Lust mehr, das Projekt Ostbahn-Kurti fortzusetzen, wobei die eine oder andere Reunion immer drin war.
Seit 2022 ist er nun selbst nicht mehr dabei, was angesichts der poli­tischen Entwicklungen der letzten Jahre besonders schmerzt. In Bezug auf seine populärste Bühnenfigur aber kann man sagen: Der Ostbahn-Kurti ist tot, es lebe der Ostbahn-Kurti!
TM

Wer sind die guten Kräfte des Austropop?
In ihrem Buch „Die guten Kräfte“ erzählen Walter Gröbchen und Thomas Mießgang die Geschichte der österreichischen Popmusik in 100 Songs.

„Die guten Kräfte“: Schon der Titel des Buchs, mit dem Walter Gröbchen und Thomas Mießgang nun die Geschichte der österreichischen Popmusik in 100 Songs erzählen, ist (Austro-)Popgeschichte. Es ist nicht das erste Buch dieses Namens: Günter Brödl, bekannt als Ostbahn-Kurti-Texter, nannte 1982 einen Band über „Neue Rockmusik in Österreich“ (also vor allem Punk und New Wave) „Die guten Kräfte“ – in Anspielung auf „Gute Kräfte sammeln sich“, einen damals gerade zwei Jahre alten Song der frechen Band Chuzpe.
Das wurde allerseits als ironisches Zitat verstanden. Denn Chuzpe – deren Mastermind Robert Wolf heute mit seiner aktuellen Band Post den grimmigen Gestus des alten Punk hochhält – meinten 1980 mit den „guten Kräften“ nicht ihresgleichen, sondern ewige Besserwisser, die ihnen mit guten Ratschlägen („Iss doch kein weißes Brot, sonst bist du morgen tot“) und Bevormundung („Wir meinen’s gut mit dir, wir schützen dich vor dir“) auf die Nerven gehen. Ähnlich wie die Leute, die in Wolfgang Ambros’ „Zwickt’s mi“ (1975) die mangelnden Ideale der Jugend beklagen.

Geschichte wird gemacht
Die Umkehrung, nunmehr die eigene Szene als „gute Kräfte“ anzusprechen, war typische New-Wave-Selbstironie, ähnlich wie der Schmäh des Grazers Xao Seffcheque, den Refrain des Songs „Kebabträume“ (im Original erst von Mittagspause, dann von Fehlfarben und DAF interpretiert) von „Wir sind die Türken von morgen“ auf „Wir sind die Hippies von morgen“ zu ändern. Ähnlich auch wie die doppeldeutige Parole im Fehlfarben-Song „Es geht voran“: „Geschichte wird gemacht“ – wessen Geschichte?
Gröbchen und Mießgang wissen das (auch wenn sie es in diesem Buch nicht erzählen), und sie wissen noch viel mehr. Wer wäre besser geeignet, eine Geschichte des Austro-Pop zu machen, als diese zwei? Denn es ist auch ihre Geschichte. Mießgang spielte den Bass in der schrillen Wave-Band Radical Chic, in Peter Weibels Formation Noa Noa und in der ZZ-Top-Coverband Sharp Dressed Men, nur zum Beispiel. Einschlägig engagierter Journalist war und ist er sowieso. Wie Walter Gröbchen, von dem aktives Musizieren zwar nur in Form des mysteriösen Projekts The Psychedelic Forces of Sudan belegt ist, der aber mit seiner Plattenfirma Monkey Records und davor als Agent bei Universal und bei Ö3 einiges für den österreichischen Pop getan hat.
Gute Kräfte also. Im Ernst. Und mit Ernst. Aber auch mit Gespür für Ironie. Die, was österreichischen Pop betrifft, sozusagen schon ab initio nachweisbar ist: in der Aneignung angloamerikanischer Formen, manchmal rührend originalgetreu (man höre The Slaves, 1966 als „Beatband from Hell“ beworben), manchmal kabarettistisch. Wolfgang Kos hat einmal den „Bundesbahnblues“ von Bronner/Qualtinger als archetypischen Austro-Rock’n’Roll identifiziert, Gröbchen/Mießgang entscheiden sich in ihrer Auswahl für den „G’schupften Ferdl“. Und sie weiten die Sphäre des (Prä-)Austropop aus, etwa um den Unter-anderem-Rock’n’Roller Peter Alexander („Titino Tin“), Georg Kreisler („Taubenvergiften“) und Arik Brauer („Sie ham a Haus baut“). Von Brauer wäre „Sein Köpferl im Sand“ vielleicht noch passender gewesen …

„Liliputaner“ und „Gummizwerg“
Womit wir bei der Besserwisserei sind. Alle wissen es besser, wir hier auch, also lassen wir es. Die Auswahl von Gröbchen/Mießgang hat die kokette Entschuldigung, sie sei „radikal subjektiv“, gar nicht nötig, sie ist auch objektiv nicht schlecht. Sie ist so uncool wie nötig (mit Stefanie Werger, Rainhard Fendrich, Marika Lichter, Peter Cornelius, Opus etc.) und so eklektisch wie möglich (mit Pungent Stench, Uzzi Förster, Weather Report etc.), sie vereint André Hellers „Liliputaner“ und Heinrich Walchers „Gummizwerg“, „Mei potschertes Leb’n“ von Hans Orsolics und „Alles hin, hin, hin“ von Ja, Panik. Und wenn man einmal über einen Eintrag die Stirn runzelt, über den Fake-Punk „Schizo“ des (als Schauspieler durchaus schätzenswerten) Franz Morak etwa oder über die Entscheidung, den höchst eigenständigen Nino aus Wien just mit einer Coverversion eines Siebzigerjahre-Ambros-Songs („Espresso“) zu berücksichtigen, dann kommen sie mit einer überzeugenden Rechtfertigung.
Mit interessanten Geschichten sowieso. Sind sie ja dabei gewesen, man kann das lesen – und sich darüber freuen, dass sie uns mit gutem Rat zur Seite stehen, um gleich noch einmal Chuzpe zu zitieren: Sie kennen ja den Rhythmus dieser Stadt.

Die Presse, Thomas Kramar, 16.4.2026



Österreich erzählt (ein bisserl was)
In 100 aus unterschiedlichsten Gründen als maßgeblich erachteten Songs versuchen die Musikexperten und Kulturarbeiter Walter Gröbchen und Thomas Mießgang die Geschichte der österreichischen Pop-Musik darzustellen.

„Dieses Buch hat eine Vorgeschichte.“
Die Vorgeschichte, das sind zahlreiche, in unterschiedlichen Medien und Darstellungsformen realisierte Versuche, die Geschichte der österreichischen Popmusik zu dokumentieren.
2013 haben die beiden Autoren Walter Gröbchen und Thomas Mießgang gemeinsam mit „Falter“-Redakteur Gerhard Stöger und dem Musikjournalisten Florian Obkircher das Buch „Wien. Pop. Fünf Jahrzehnte Musikgeschichte erzählt von einhundertdreißig Protagonisten.“ im Falter Verlag herausgegeben. Wenn auch auf Wien beschränkt und nur bis knapp nach der Milleniumswende reichend, bot es erstmals ein umfassend und schlüssig aufbereitetes Bild von österreichischem Pop aus den Blickwinkeln von Menschen, die teilnehmend oder beobachtend/beschreibend dabei waren.
Es folgten eine Ausstellung im Wien Museum („Ganz Wien. Eine Poptour“, 2017) und im Radiokolleg in Ö1 die Serie „Lexikon der österreichischen Popmusik“.
„Die guten Kräfte“ ist theoretisch die Entspannungsübung nach der Arbeit des Suchens, Fragens, Entdeckens, Zusammenfassens, Auswählens, Kategorisierens, Gestaltens/Aufbereitens.
Nach subjektiven Kriterien stellen Gröbchen, vieljähriger Ö3-Mitarbeiter, A&R-Mann für Major-Labels in Deutschland, Labelchef, Kolumnist, Autor und wichtige Stimme im öffentlichen Diskurs, und Mießgang, ehemaliger Musiker, promovierter Germanist, Feuilleton- und Radio-Journalist, Autor und Kulturarbeiter, in fifty-fifty-Aufteilung jene 100 Songs vor, die sie für die wesentlichen halten, die Österreichs Pop-Kultur hervorgebracht hat.
Natürlich kann von „Entspannungsübung“ keine Rede sein. Bei Popmusik eine – wie auch immer geartete – Auswahl zu treffen, ist eine praktisch unpackbare Aufgabe, das ist spätestens seit Nick Hornbys Romans „High Fidelity“ amtlich. Immer ist das Boot voll und irgendwas müsste UNBEDINGT noch hinein (und übrigens: dass „Seerosenteich“ vom Trojanischen Pferd nicht drinnen ist, geht aber sowas von gar nicht!). Erschwert wird die Übung noch durch die Auflage, dass pro Interpret nur ein Song Aufnahme in die Liste findet. Das hat in Einzelfällen bereits heftiges Kopfschütteln verursacht: „Vienna Calling“ als ultimativer Falco-Song – echt jetzt?

Indessen lassen die Selektionskriterien sehr wohl zu, dass ein Musiker* mehrmals vertreten sein kann. Falco schafft das als Solist und als Bassist der Hallucination Company; Willi Resetarits als Teil der Schmetterlinge („Johnny reitet wieder“) wie auch als Frontmann von Ostbahn-Kurti und die Chefpartie („Arbeit“). Auch für Ernst Molden, der mit der Ballade „Hammerschiedgossn“ Aufnahme findet, gibt´s ein lauschiges zweites Eckerl für sein Duett mit Der Nino aus Wien („Espresso“).
Andere aussichtsreiche Kandidaten* waren weniger glücklich: Mira Lu Kovacs ist mit Schmieds Puls gelistet, nicht aber mit ihren anderen, teils hochkarätigen Aktivitäten mit 5k HD, My Ugly Clementine oder ihren Kooperationen mit Clemens Wagner – der es übrigens just durch sie theoretisch ebenfalls zu einer Zweifachnennung hätte bringen können, denn mit 5/8erl in Ehr´n („Siasse Tschik“) ist er der erste Act in der alphabethisch geordneten, ein Dreiviertel Jahrhundert (von 1950 bis 2025) umfassenden Auslese.
Es sind nicht etwa nur Lieblingssongs, die die Autoren ausgewählt haben. Manchmal sind es, wie die beiden im Vorwort schreiben, „sogar Hassobjekte“. Ihre Argumentation: Zur Popgeschichtsschreibung des Landes gehören nicht nur die besten, sondern auch die bizarrsten Momente.
Vor allem Mießgang geht in der Nominierung potentieller Witzfiguren ziemlich weit. Turning Point mit ihrem rührend stupiden ersten Hit „Easy Song (Song of Lalala)“ oder Christina Stürmer, „das Mädchen, mit dem man Pferde stehlen (aber nicht Tauben vergiften) kann“, sind kraft ihrer (in unterschiedlichen Epochen entfalteten) Publikumswirkung noch vergleichsweise einfacher zu argumentierende Faktoren, um nicht zu sagen Faktoten in seiner Auflistung.
Interessant wird es allerdings, wenn Mießgang über den Rahmen dessen hinausgeht, was wir als Pop oder – wie die Kabarettklassiker von Gerhard Bronner, Helmut Qualtinger und Georg Kreisler – als dessen Vorläufer bzw. Geistesverwandte verstehen.
Wenn es also jenseits der Bereiche geht, die wir Pop-Fans (gerne oder gerade noch) zu akzeptieren bereit sind.
Marika Lichter und Peter Alexander liegen schon deutlich in diesem jenseitigen Bereich (wiewohl sich Lichter vorübergehend als Pop-Sängerin versucht hat und Alexander von manchen Protagonisten der NDW mit Vorbild-Referenzen geehrt wurde).
Wie Mießgang indessen bestimmte Charakteristika ihres künstlerischen(?)/unterhalterischen Tuns und Treibens in Beziehung zum nachkriegsmiefigen gesellschaftlichen Klima in Österreich setzt, gehört zu den stärksten und erhellendsten Abschnitten des Buchs.
In Lichter („Adieu“) erkennt Mießgang den „Traum von der paillettenglitzernden großen Chansonwelt zwischen Hildegard Knef und Greta Keller, der sich angesichts eines schwach ausgeprägten Glamourbewusstseins in der Proporzrepublik schnell in Luft auflöste“.
Auch bei Peter Alexander, der in der Filmklamotte „Ich bin kein Casanova“ (1959) in „Titino Tin“ zu einem Swing eine Rock´n´Roll-Performance (vor-)gibt, konstatiert Mießgang einen Clash zwischen (adaptierter/angemaßter) Zeichensprache und einem restriktiven Zeitgeist.
Denn vor dem Hintergrund „einer von überlebenden Austrofaschisten maßgeblich mitgestalteten klerikal-konservativen Restauration“ wirkten „die tapsigen Rock’n’Roll-Choreografien des Peter Alexander, gepaart mit seinem harmlos-spitzbübischen Kaplansgesicht, (…) nicht wie Handkantenschläge einer aggressiven Befreiungsenergie, sondern wie eine Sammlung von Tics, die sich zum Symptom einer neurotischen Dissoziation verbünden.“
Freddy Quinn und sein reaktionäres Anti-Hippie-Lied „Wir“ ist ein Sonderfall. Hier liegt trotz klapprigem Rock-Arrangement keine gefinkelte Brechung vor, hier gibt es auch keine Meta-Ebene – hier ertönt in aller Simplizität (bzw. Primitivität) die Stimme der berüchtigten schweigenden Mehrheit, die mit gesellschaftlichen Veränderungen nicht mitkommt. Auch das ist Pop – ein hässliches Stück zwar, aber es gehört dazu.
Von „Live is Life“ bis „Ziwui Ziwui“
An den üblichen Verdächtigen, die man aus Hitparaden, Formatradios, Regionalsendern, Nostalgieshows und, sofern neueren Datums, Streamingdiensten wie Spotify kennt, kann die Liste sowieso nicht vorbei.
Alle sind sie vertreten: „Live is Life“ (Opus), „Hollywood“ (Waterloo & Robinson), „Melancholie“ (Bambis), „Ziwui Ziwui“ (Wilfried), „Du entschuldige – i kenn’ di“ (Peter Cornelius), „I am from Austria“ (Fendrich), „Wia a Glock´n“ (Marianne Mendt), „Ich fahre mit dem Auto“ (Minisex), „Da Hofa“ (Ambros) natürlich, Georg Danzers „Ruaf mi ned an“, „Love Machine“ von Supermax, „Griechischer Wein“ von Udo Jürgens. Franz Moraks „Schizo“. Und was schon gar nicht fehlen darf, ist „Mei potschertes Leb’n“ von Hansi Orsolics, das Gröbchen in tiefenscharfer Klarsicht so charakterisiert: „Die Aufnahme blieb roh, direkt, beinahe improvisiert – die Begriffswelt des Boxens schwingt wortlos mit: Kampf, Rhythmus, Einstecken, Austeilen, Runden, Pausen. Orsolics verwandelte seine Vergangenheit nicht in Pathos, sondern in eine lakonische Humoreske. Das Potscherte – also Unbeholfene, Schiefe, Ungelenke – geriet zum Statement gegen Karrierismus und Perfektionismus.“
Den Populismus der Auswahl zu hinterfragen oder zu kritisieren ist müßig. Bei Songs – wesenhaft Singles – ist Breitenwirkung ein substanzieller Faktor. Eher erscheinen hier Stücke wie Kreiskys „Scheiße Schauspieler“ oder Leyyas „Superego“, die zwar exzellent sind, aber nie größere Hits waren und keinen wie auch immer gearteten kollektiven Impact ausgelöst haben, wie Fremdkörper.
Dass „Die guten Kräfte“ auch Seiler & Speer an Bord haben, mag unglücklich anmuten. Die Übergriffigkeiten Christoph Seilers wurden erst nach Drucklegung publik. Ihr Song „Ham kummst“ wäre aber, vermutet Walter Gröbchen, von extra-music befragt, selbst dann drinnengeblieben, wenn man darum gewusst hätte. „Mit entsprechenden Anmerkungen“, ergänzt Gröbchen. „Der Song ist einfach massiv erfolgreich (gewesen?)“.

extra-music, Buno Jascke April 2026


Der Märchenprinz sitzt im Bungalow

Der Ökonom Ernst F. Schumacher flog 1955 nach Burma, um die Wirtschaft dort auf westliche Standards umzumodeln. Doch der Besuch änderte seinen Blick auf die Welt. Später schrieb er das Buch „Small Is Beautiful“, ein Plädoyer für eine Rückkehr zum menschlichen Maß im Wirtschaften. Manchmal hört man den Titel noch als Slogan.
Was hat das mit der österreichischen Popmusik zu tun? Gar nicht wenig. Pop wendet sich an alle, taugt dadurch zum Massenprodukt. Für die Musikindustrie, ob die US-amerikanische, englische wie auch die deutsche, war das kleine Österreich immer der dritte Zwerg von links: ein im Grunde unbedeutender Markt.
Wer als Musiker etwas schaffen will, hat hierzulande zwei Möglichkeiten. Entweder lehnt man sich an internationale Trends an oder versucht zu einer eigenen Ausdrucksweise zu finden.
Das Blöde ist: Kommerziell führen beide Wege selten zum Erfolg. Im ersten Fall entstehen brave Kopien, die weder in der Heimat noch in der erträumten großen Welt für Aufhorchen sorgen.
Im zweiten Fall wiederum bleiben die Künstler auf einen kleinen Markt beschränkt. Mit Songs in österreichischem Idiom – womöglich gar im Dialekt – ist schon in Norddeutschland schwer zu reüssieren. Aber schön kann die Musik sein. Small is beautiful.
Womit wir bei Walter Gröbchen und Thomas Mießgang und ihrem Buch „Die guten Kräfte“ wären. Sie unternehmen darin einen Rundgang durch die heimische Popmusik der letzten 70 Jahre – vom Nachkriegsschlager bis zu Hits der letzten Jahre. Wer eine große These oder eine Gesamtdarstellung sucht, muss anderswo suchen.
Es handelt sich um ein Lesebuch, das in Form von Häppchen schlaglichtartig die heimische Popgeschichte Revue passieren lässt. Alphabetisch nach Interpreten geordnet, umfasst es kurze, kulinarische Texte über 100 Songs, die – ja, was eigentlich darstellen? Handelt es sich um die besten Popsongs heimischer Provenienz? Oder bloß um die erfolgreichsten?
Gröbchen und Mießgang, beide seit Jahrzehnten tief in der Materie drin, geben zwei Mal einen Daumen nach unten. Zum einen will ihr Buch keine kommentierte Charts-Show sein, wie man sie aus dem deutschen Privatfernsehen kennt. Würde es rein nach Verkaufszahlen gehen, käme das Buch nicht an Andreas Gabalier und DJ Ötzi vorbei – die jedoch ausgespart werden.
Im Vorwort führen die Autoren aus, dass es ihnen zum anderen auch nicht nur um die ihrer Ansicht nach gelungensten Songs geht. Neben Lieblingsliedern finden sich sogar ein paar verhasste Musikstücke. Entscheidend war: Die Songs sagen etwas aus – über die Zeit und Gegend, in der sie entstanden sind, bisweilen auch über die gesellschaftlichen Umstände.
„Viele Exempel blieben – mehr oder minder geschickte – Nachstellungen internationaler Vorlagen“,
heißt es an einer Stelle, „aber es gab auch äußerst originelle und originäre Ton- und Text-Schöpfungen, die mittels Dialekt, dem Aufgreifen von Mitteln der Volksmusik, der Subkultur, der Ironie und Parodie oder tollkühner Adoption und Adaption eigene Positionen entwickelten. Das unterscheidet Die guten Kräfte vom Gros des Mainstream-Mittelmaßes.“
Und so bläert man sich durch die Songs und Jahrzehnte, liest von psychedelischen Hippie-Schlagern („Gummizwerg“, Heinrich Walcher) und Hits, in denen bescheidene Aufstiegsträume besungen werden („Bungalow“, Bilderbuch).
Nicht mit jeder Auswahl ist man einverstanden. Manchmal wollen Gröbchen/Mießgang zwanghaft originell sein. „Vienna Calling“ als Falcos definitiver Song? Hüstel. Dann wieder fällt ihnen zu einigen Acts wenig ein. „Märchenprinz“ als Sternstunde der EAV? Naja.
Doch das sind kleine Einwände gegen ein gelungenes Buch, das außerdem einen edlen Zweck verfolgt: den erlahmenden öffentlichen Diskurs über Musik wieder in Gang zu bringen. Talk about pop muzik!

Falter, Sebastian Fasthuber, März 2026

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